Test: Toyota Prius Plug-in
Sparsam war schon der erste Toyota Prius Plug-in. Die zweite Auflage ist insgesamt ein besseres Auto geworden, was sich in nahezu jedem Bereich nachvollziehen lĂ€sst. Um einen Punkt scheint sich Toyota besonders bemĂŒht zu haben - mit einigem Erfolg
âBescheiden ist, wer sich den KĂ€se mit den gröĂten Löchern nimmt.â - Adolph Freiherr von Knigge. Dieses Ansinnen lieĂ sich ganz wunderbar auf den bisherigen Prius Plug-in ĂŒbertragen, denn sein ebenso sparsamer wie genialer Antrieb verleitete oftmals dazu, ĂŒber sonstige SchwĂ€chen des Autos hinwegzusehen. Es ist ziemlich genau drei Jahre her, dass wir einen Toyota Prius Plug-in fĂŒr zwei Monate in der Redaktion hatten. Nach den damaligen Erfahrungen â schlauer Antrieb in unterdurchschnittlicher Verpackung â waren wir auf den Nachfolger sehr gespannt. Nach zwei Wochen im Toyota Prius Plug-in können wir, soviel sei vorab verraten, Fortschritte in nahezu jedem Bereich bestĂ€tigen.
Mehr Leistung
Die Verkaufszahlen des ersten Prius Plug-in waren in Deutschland sehr ĂŒberschaubar. Das Modell war deutlich teurer als der ânormaleâ Prius, woran sich mit dem Modellwechsel nichts verĂ€ndert hat. Doch Toyota hat das Plug-in-Modell in mehrfacher Hinsicht attraktiver gemacht. Zum einen ist der E-Antrieb nun krĂ€ftiger. Verbaut sind zwei E-Motoren, die 22,5 und 53 kW leisten und so fĂŒr mehr AgilitĂ€t gut sind. Allein mit diesen beiden Motoren unterwegs wirkt der Prius flink und vermittelt mit geladener Batterie eine Ahnung davon, wie angenehm die Zukunft im Elektroauto werden kann. Der akustische Komfort kommt dem in einem Mercedes E200 T-Modell [1] nahe â und das will was heiĂen.
Test: Toyota Prius Plug-in (0 Bilder) [2]
Toyota hat die KapazitĂ€t der im Plug-in-Modell zusĂ€tzlich verbauten Batterie von 4,4 auf 8,8 kWh vergröĂert. Das reichte im Test fĂŒr rund 50 Kilometer elektrische Fahrt, sofern man mit dem Prius nicht versucht, allen davongefahren. Schleichen ist dafĂŒr allerdings auch nicht von Nöten. Mit etwas Ăbung sind sicher Werte von etwas mehr als 50 km möglich. Dazu gehört zum Beispiel das Bremsen: Mit der richtig dosierten Verzögerung lĂ€sst sich die Rekuperation optimieren - es wird so beim Bremsen mehr Energie zurĂŒckgewonnen.
Da ich wissen wollte, wie groĂ der Ladehub ist, fuhr ich die groĂe Batterie auf einer abendlichen Runde ĂŒber LandstraĂen âleerâ. Mein StrommessgerĂ€t zeigte am nĂ€chsten Morgen â ohne die Nutzung der Vorklimatisierung â einen Verbrauch von 6,2 kWh an. Das ist nur geringfĂŒgig mehr als im Falle des BMW 330e [4], dessen Ladehub kleiner ist.
Die Reichweite im BMW war ebenfalls deutlich geringer â sehr viel mehr als 30 Kilometer sind nicht möglich. Der Prius bietet genau jenes bisschen mehr, was im Alltag den Unterschied macht: Mit einer Reichweite von rund 50 Kilometern steigt der Anteil der elektrisch zurĂŒckgelegten Wege in meinem tĂ€glichen Szenario auf fast 100 Prozent. Das ist allein deshalb erstrebenswert, weil der Prius eine Eigenschaft aller Plug-in-Hybride teilt. Er ist im elektrischen Betrieb ein so wunderbar entspanntes und leises Auto, dass man den Benziner nicht mehr hören mag. Das ist fast ein wenig ungerecht, denn der Verbrenner ist im neuen Prius viel besser gedĂ€mmt und wirkt lĂ€ngst nicht mehr so aufdringlich wie im VorgĂ€nger.
Hybridmodus
Im Hybridmodus wandelt sich das Bild etwas. Der Benziner unterstĂŒtzt nun die beiden Elektromotoren, was deutlich zu hören ist. Dennoch bleibt der Anteil der elektrisch zurĂŒckgelegten Strecke, in der der Benziner also aus ist, erstaunlich hoch â sofern der Fahrer das will. Denn eines ist trotz des Fortschritts, den der Prius in allen Bereichen gemacht hat, gleich geblieben. Als Fahrer muss man sich auf das Konzept des Prius einlassen. Menschen, deren Fahrstil auĂer Vollgas und Bremsen keine weiteren BetriebszustĂ€nde erlaubt, werden mit ihm nicht glĂŒcklich. Der Prius ist noch immer ein Auto, das sein gröĂtes Talent dann perfekt ausspielt, wenn reisen statt rennfahren die bevorzugte Fahrweise ist. Wer das beherzigt, erfĂ€hrt locker Werte zwischen 3 und 4 Liter auf 100 km im Hybridbetrieb.
Flotte Fahrt
Neu ist allerdings, dass er nun auch anders kann, wenn es denn unbedingt sein muss. Das hĂ€ngt nicht nur mit dem harmonischer abgestimmten Antriebsstrang zusammen, sondern vor allem mit dem Fahrwerk. Denn zweifelsohne ist hier der gröĂte Fortschritt zu vermelden. Eine so prĂ€zise Lenkung, die RĂŒckmeldung gibt und trotzdem störende EinflĂŒsse dĂ€mpft, gab es bisher im Prius noch nicht. Dazu ist auch das Ansprechverhalten der DĂ€mpfer viel besser geworden. Kleinere Unebenheiten filtert das Fahrwerk gut heraus, erst gröbere Verwerfungen werden spĂŒrbar. Hier macht sich natĂŒrlich auch das Reifenformat von 195/65 R15 positiv bemerkbar. Es gibt nicht mehr viele Neuwagen, denen eine solche Flankenhöhe vergönnt ist. Alles in allem: Mehr Komfort bei gesteigerter AgilitĂ€t - einen so groĂen Fortschritt bei einem Modellwechsel gab es lange nicht mehr. Im Vergleich dazu wirkt das Fahrwerk des VorgĂ€ngers schlicht unbeholfen und hölzern.
Auch in einem weiteren Bereich sind die Unterschiede zum VorgĂ€nger eklatant. Der Innenraum mag nicht die oberflĂ€chliche GĂŒte eines Volkswagens haben, doch alles ist ordentlich zusammengesetzt und auch die Materialien wirken deutlich hochwertiger als zuvor. Das innere wie Ă€uĂere Design bleibt Geschmackssache - mein Fall ist es nicht, auch wenn ich grundsĂ€tzlich eine Abwechslung vom allgegenwĂ€rtigen Wolfsburger Konservativismus begrĂŒĂe.
Leider haben die Entwickler teilweise Design vor Funktion gestellt. Damit ist nicht etwa der mit 26 cm arg flache Kofferraum gemeint, der als Konzession an das Konzept gesehen werden muss - irgendwo muss die Batterie nun mal untergebracht werden. Dazu passt eine Zuladung von 250 Kilogramm, zu denen noch der EU-Norm-Fahrer (68 kg schwer) und sein EU-Norm-GepĂ€ck (7 kg) kommen. Etwas mehr als zwei stĂ€mmige Herren und deren HandgepĂ€ck kann der besagte Normfahrer also nicht mitnehmen, ohne den Prius zu ĂŒberladen. Eine Victory Magnum bietet 248 Kilogramm Zuladung - nur zwei kg weniger.
Ungereimtheiten
Ein paar Ungereimtheiten bleiben. Die Handbremse als Pedal wirkt in dieser avantgardistischen Umgebung wie ein Fremdkörper. Warum muss die BetĂ€tigung der Sitzheizung vorn unter den Knien eingebaut sein? Die Sitze fand ich eher durchschnittlich bequem - im Seat Leon [5] sitzt man definitiv besser. Auch der Verstellbereich nach hinten könnte noch gröĂer sein, wobei ich zugebe, diesbezĂŒglich ĂŒberdurchschnittliche AnsprĂŒche zu haben. Verzweifelt bin ich fast am Tempomat: Er lieĂ sich einschalten, die Geschwindigkeit sich aber nicht speichern. Bei den Kollegen funktionierte er anstandslos. Des RĂ€tsels Lösung: Ich war fast immer im B-Modus des Getriebes unterwegs gewesen, weil das dem Ein-Pedal-Betrieb etwas nĂ€her kommt als der gewöhnliche D-Modus. Im B-Modus lĂ€sst sich aber der Tempomat nicht nutzen - ein Umstand, den Toyota in der ansonsten recht ausfĂŒhrlichen Anleitung ruhig hĂ€tte erwĂ€hnen können.
Ein paar Worte hat sich auch die Unterhaltungselektronik verdient. Auch hier ist Toyota ein groĂer Schritt gelungen, allerdings kam das System im VorgĂ€nger gefĂŒhlt auch aus einer Epoche, in der der gute alte DIN-Schacht [6] noch nicht vollkommen ausgestorben war. Das neue System im Prius ist besser als das im VorgĂ€nger, gut ist es deshalb aber nicht. Die Auflösung ist grob, auf dem glĂ€nzenden Display ist bei Sonnenschein kaum etwas zu erkennen, das Tempo der Routenberechung lahm. Einen Kollegen fĂŒhrte es ins Irgendwo, Staus, die im Radio schon mehr als einmal angesagt wurden, fanden keine BerĂŒcksichtigung bei der RoutenfĂŒhrung.
Die Audio-Abteilung ist etwas verwinkelt angelegt - die Klangregelung war nicht im AudiomenĂŒ, sondern separat. Auf USB-Sticks können keine Ordner ausgelesen werden. Wie im Volvo V90 [7] stellt sich auch hier die Frage, warum mir ein Hersteller vorschreiben muss, wie ich meine Musik zu ordnen habe. Um zwei Zeilen Programmcode zu sparen? Meine mit dem Microsoft Mediaplayer erstellten Playlisten wurden ebenfalls nicht akzeptiert. Da beides in anderen Autos anstandslos klappt, denke ich, Toyota hĂ€tte das sicher auch hinbekommen können. Kleiner Trost: Das ganze System inklusive Navigation ist serienmĂ€Ăig und der Klang an sich okay.
Zeichenverkennung
Ein Punkt allerdings unterbietet die Bedienung der Audioabteilung nochmals deutlich. Die Schildererkennung ist ein Witz - aber kein guter. Ihre Trefferquote lag bei etwa 30 Prozent. Anders ausgedrĂŒckt: Wer sich gedankenlos auf sie verlĂ€sst, dĂŒrfte bald ein gut gefĂŒlltes Punkte-Konto haben. Die Bandbreite der falschen Annahmen reicht von Tempo 50 bis â120 aufgehobenâ auf LandstraĂen, Ortsschilder werden meistens ganz ignoriert. Hoffentlich war dieses Totalversagen eine Eigenheit des Testwagens und kein prinzipielles Prius-Problem.
Rentiert sich nie
Der Prius Plug-in kostet unverhandelt und ohne staatliche PrĂ€mie derzeit mindestens 37.550 Euro. Das liegt doch erheblich ĂŒber dem, was derzeit fĂŒr einen normalen Prius verlangt wird. Das tĂ€gliche Einsatzszenario mĂŒsste schon ziemlich genau zur E-Reichweite passen, um mit dem Plug-in-Modell deutlich kostengĂŒnstiger unterwegs zu sein als mit dem normalen Prius. Das jemand den Aufpreis von mehreren tausend Euro komplett wieder reinholt, dĂŒrfte die absolute Ausnahme sein - schlieĂlich ist der Prius ohne externe Ladefunktion auch kein SĂ€ufer. Es bleibt allerdings der Reiz des elektrischen Fahrens im Prius Plug-in.
Die darin enthaltene Ausstattung ist sehr umfangreich: Ob nun Navi, Lederlenkrad, Tempomat, LED-Scheinwerfer - alles inklusive. Eines möchten wir jedoch auch dem sparsamsten KĂ€ufer zusĂ€tzlich noch ans Herz legen: Die Einparksensoren hinten kosten 320 Euro. Auf die sollte keiner verzichten, denn besonders ĂŒbersichtlich ist der Prius nicht.
Preisliste
| Grundpreis | 37.550 |
| WĂ€hrung | Euro |
| Seitenairbags vorn | Serie |
| Kopfairbags vorn | Serie |
| Seitenairbags hinten | - |
| Kopfairbags hinten | Serie |
| Klimaautomatik | Serie |
| Automatikgetriebe | Serie |
| Navigationssystem | Serie |
| Metallic-Lackierung | 590 |
| Leichtmetallfelgen | Serie |
| Modell | Toyota Prius Plug-in Comfort |
| Preisliste Stand | 31. Januar 2017 |
| Freisprecheinrichtung | Serie |
| DAB+ (Digitalradio) | Serie |
| Head-up-Display | Serie |
| Abstandstempomat | Serie |
| Einparksensoren hinten | 320 |
| Einparkassistent | 950 |
| USB-Anschluss fĂŒr Musik | Serie |
| Lederlenkrad | Serie |
| LED-Scheinwerfer | Serie |
| Sitzheizung | Serie |
| Executive | 40.650 |
Datenblatt
| Motorart | Hybrid |
| Zylinder | 4 |
| Ventile pro Zylinder | 4 |
| Hubraum in ccm | 1798 |
| Leistung in PS | 122 (Benziner: 98, E-Motoren: 72 und 31) |
| Leistung in kW | 90 (Benziner: 72, E-Motoren: 53 und 23) |
| Drehmoment in Nm | Benziner: 142, E-Motoren: 163 und 40 |
| Getriebe | eCVT |
| Spurweite vorn in mm | 1530 |
| Spurweite hinten in mm | 1545 |
| Wendekreis in m | 10,2 |
| LĂ€nge in mm | 4645 |
| Breite in mm | 1760 |
| Höhe in mm | 1470 |
| Radstand in mm | 2700 |
| Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg GepÀck | 1605 |
| Zuladung in kg | 250 |
| Kofferraumvolumen in Liter | 354 |
| Maximales Kofferraumvolumen in Liter | 1360 |
| Dachlast in kg | 75 |
| Tankinhalt in Liter | 43 |
| Höchstgeschwindigkeit in km/h | 162 |
| Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden | 11,1 |
| Modell | Toyota Prius Plug-in |
| Schluesselnummer zu 2 / zu 3 | 5013 / ALF |
(mfz [8])
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[4] https://www.heise.de/tests/Test-BMW-330e-3625680.html
[5] https://www.heise.de/news/Test-Seat-Leon-1-4-TSI-ACT-Xcellence-3704036.html
[6] https://www.heise.de/autos/artikel/Intelligente-Loesungen-und-Ungereimtheiten-2762667.html?bild=1&view=bildergalerie
[7] https://www.heise.de/tests/Test-Volvo-V90-D4-AWD-3664365.html
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