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Triumph Bonneville Bobber Test

Ingo Gach
Zweirad

Es gibt zurzeit wohl kaum ein Motorrad, mit dem man mehr auffĂ€llt. Der scheinbar freischwebende Sattel und der vermeintliche Starrahmen im Heck sorgen ĂŒberall fĂŒr Aufsehen. Dabei beeindruckt der Zweizylinder fast noch mehr, dank seines mĂ€chtigen Drehmoments. Der Erfolg gibt Triumph Recht, das erste Modelljahr der Bonneville Bobber ist bereits ausverkauft

Die Bonneville Bobber von Triumph ist das vielleicht mutigste Motorrad der Saison. Einen scheinbar freischwebenden Einzelsitz traut sich sonst kein Hersteller zu. Darunter gaukelt die Triumph ein Starrrahmenheck vor, in Wirklichkeit aber ist das fast waagerecht liegende Federbein unter dem Sitz versteckt. Mit der Bobber muss man sich an jeder roten Ampel dem Publikum stellen. Die hĂ€ufigsten Fragen mĂŒssen verneint werden: „Nein, es ist kein Oldtimer“, „Nein, es ist keine Harley“ und „Nein, es gibt keinen Soziussitz“.

Das soll die Bobber aber auf keinen Fall negativ erscheinen lassen, denn einen auffĂ€lligeren Hingucker gibt es zur Zeit wohl nicht. Dabei basiert sie auf dem 1200er-Reihenzweizylinder mit 270 Grad Hubzapfenversatz der Bonneville, wurde jedoch ihrem Einsatzzweck entsprechend neu abgestimmt. Sie bietet mit 77 PS bei 6100/min zwar etwas weniger Höchstleistung, dafĂŒr aber noch mehr Drehmoment im unteren Drehzahlbereich. Zwischen 3000 und 5000/min liegt die Drehmomentkurve permanent ĂŒber 100 Nm, maximal sind es 106 Nm Drehmoment bei 4000/min. Doch die nackten Zahlen spiegeln nur ansatzweise die VerhĂ€ltnisse wider. Wenn der Fahrer den Gasgriff nur leicht öffnet, merkt er sofort: „Aha, ein braver Bulle, der seine Last von 245 kg locker zieht“. Doch bei Kommando Vollgas bricht die Stampede aus – die Bobber reißt Ross und Reiter mit Urgewalt nach vorne. Der bis dahin herrlich blubbernde Sound aus den beiden Slash-cut-Auspufftöpfen in Verbindung mit der neu entwickelten Doppel-Airbox steigert sich zum adrenalinausschĂŒttenden Fortissimo. Wohlgemerkt: Alles konform der Euro4-Vorschriften.

Triumph Bonneville Bobber Test (0 Bilder) [1]

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Obwohl das Sechsganggetriebe sich weich schalten lĂ€sst und die Kupplung nur minimale HandkrĂ€fte erfordert, mĂŒssen beide Komponenten an der Bobber selten bemĂŒht werden. Bei Tempo 100 im letzten Gang dreht sich die Kurbelwelle gerade 2600 Mal pro Minute. Also, leicht erhöhtes Standgas. Interessanterweise kappt Triumph die Höchstleistung in den oberen beiden GĂ€ngen, wohl um die Fuhre nicht zu schnell werden zu lassen. Der sechste Gang ist ohnehin als Overdrive ausgelegt und der Geschwindigkeitsrausch wird bei 177 km/h abrupt abgeriegelt. Die Traktionskontrolle lĂ€sst die Wahl zwischen „Road“ und „Rain“ und ist sogar abschaltbar, wenn schwarze Striche auf den Asphalt gemalt werden sollen. Auf kurviger Strecke wird jedoch in Anbetracht der anbrandenden Drehmomentwogen dringend von der Deaktivierung abgeraten.

Der Einzelsitz scheint frei zu schweben, ist aber natĂŒrlich am Rahmenrohr befestigt und kann diagonal in der Höhe verstellt werden. Je tiefer man ihn stellt, desto weiter hinten sitzt der Fahrer. Doch so schick die Aluminium-Sitzschale mit dem dĂŒnnen Polster auch aussieht, bequem ist sie auf Dauer nicht.

Nach spĂ€testens einer Stunde drĂŒckt sie mĂ€chtig auf den Steiß, was aber auch an der Sitzhaltung mit den weit vorne platzierten FĂŒĂŸen liegt. Das Problem ist allen Harley-Davidson-Fahrern bekannt. Wenn wir schon beim Vergleich mit der amerikanischen Marke sind: Die Kraftentfaltung des Triumph-Reihenzweizylinders verlĂ€uft deutlich geschmeidiger als die des ruppigen V2 aus Milwaukee. Vibrationen sind der Bonneville Bobber fremd. Im Gegensatz zur Amerikanerin wird die Kraft der Britin außerdem von einer Kette und nicht von einem Zahnriemen auf das Hinterrad ĂŒbertragen.

Ein Bobber zeichnet sich durch einen fetten Hinterreifen und ein relativ großes Vorderrad aus, entsprechend rollt die Triumph vorne auf einem Reifen der Dimension 100/90-19 und hinten auf 150/80-16. Im Vergleich zur T120 verlĂ€ngert sich der Radstand auf 1510 mm, der Lenkkopfwinkel bleibt mit 64,2 Grad fast identisch, aber der Nachlauf fĂ€llt mit 87,9 mm deutlich kĂŒrzer aus. Die Bobber vermittelt erwartungsgemĂ€ĂŸ ein relativ stures FahrgefĂŒhl, in Kurven will sie mit leichtem Nachdruck in SchrĂ€glage gebracht werden. Dann hĂ€lt die Britin aber auch problemlos die Linie und setzt erstaunlich spĂ€t mit den Fußrasten auf – da kratzt die Konkurrenz schon wesentlich frĂŒher ĂŒber den Asphalt.

Selbst sehr Kurzbeinige fĂŒhlen sich auf der Bobber wohl, denn mit dem Sattel in tiefster Position hockt der Fahrer nur 690 mm ĂŒber der Straße. DafĂŒr muss er relativ weit nach vorne greifen, kann dann aber mit dem breiten Lenker das Bike gut kontrollieren. Die Federelemente sind nicht einstellbar und eher auf Komfort ausgerichtet. Da die Bobber ĂŒber keinen Soziussitz verfĂŒgt und nur 121 kg zugeladen werden dĂŒrfen, hatten es die Ingenieure etwas einfacher mit der Abstimmung von Vorderradgabel und Mono-Federbein. Allerdings teilt die Britin bei schlechter Wegstrecke schon mal deutliche SchlĂ€ge Richtung Fahrer aus. Leider verrichtet am Vorderrad nur eine einzelne Bremsscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel ihren Dienst, was nicht unbedingt zur optimalen Verzögerung beitrĂ€gt. Das ABS spricht erst sehr spĂ€t, aber wenigstens feinfĂŒhlig an.

Die Triumph Bobber will natĂŒrlich eine Stil-Ikone sein. Dazu gehört auch ein kleiner, tropfenförmiger Tank mit nur neun Liter Volumen. Die Reichweite im Test beschrĂ€nkte sich daher auf knapp 200 Kilometer. Viel lĂ€nger möchte man auf dem harten Sattel aber ohnehin nicht ohne Pause verbringen. Ein Verbrauch von nur 4,5 Liter auf hundert Kilometer ist in Anbetracht des 1200 cm3 großen Motors aber aller Ehren wert.

Die Details zeugen davon, mit wieviel Leidenschaft die Entwickler zu Werke gegangen sind. Der Batteriekasten wird von einem Metallband aus Aluminium gehalten, wie ĂŒberhaupt viel mattes Aluminium an der Bobber glĂ€nzt. An den Lenkerenden sind kleine Spiegel befestigt, die Blinker sind mit LEDs bestĂŒckt und im Glas des kleinen Scheinwerfers ist das Triumphlogo eingelassen. Das einzelne und im Neigungswinkel einstellbare Rundinstrument hat bereits die goldene Schallplatte verliehen bekommen. Zumindest sieht der gold unterlegte Tacho so aus. In dem kleinen digitalen Display im unteren Viertel werden winzig klein die wichtigsten Informationen angezeigt, wahlweise auch die Drehzahl.

Über GepĂ€ck muss sich der Bobber-Besitzer keine Gedanken machen – es gibt nĂ€mlich keine Möglichkeiten es unterzubringen. Eher muss er sich den Kopf zerbrechen, wie er sein SchmuckstĂŒck noch aufwerten möchte. Zwar sieht der Bobber im Serienzustand schon außergewöhnlich aus, aber Triumph lockt im Zubehör mit ĂŒber 150 Teilen. Egal ob CafĂ© Racer mit Stummellenker oder Chopper mit „Ape hanger“ – jede Stil-Richtung kann durch Austausch weniger Komponenten eingeschlagen werden.

Das mutige Konzept der Bobber ist aufgegangen, sĂ€mtliche 550 fĂŒr Deutschland bestimmten Exemplare waren schon ausverkauft, bevor die erste beim Importeur eintraf. Die meisten hatten den Vertrag sogar unterschrieben, ohne den Kaufpreis zu kennen. Der betrĂ€gt 12.500 Euro, wird jedoch sicher von den meisten KĂ€ufern durch Zubehör noch weiter nach oben geschraubt.

Das Testfahrzeug wurde vom Importeur gestellt, die Kosten fĂŒr den Kraftstoff hat der Autor getragen.

Motorart Otto
Zylinder zwei
Ventile pro Zylinder vier
Hubraum in ccm 1200
Leistung in PS 77
Leistung in kW 57
bei U/min 6100
Drehmoment in Nm 106
bei U/min 4000
Antrieb Kette
GĂ€nge sechs
RadaufhÀngung vorn Teleskopgabel
RadaufhÀngung hinten Schwinge, Feder-DÀmpferbein
Bremsen vorn Einzelscheibe, 310 mm
Bremsen hinten Einzelscheibe, 255 mm
RĂ€der, Reifen vorn 100/90-19
RĂ€der, Reifen hinten 150/80-16
Lenkung Nachlauf in mm: 87,9; Lenkkopfwinkel in Grad: 66,2
Radstand in mm 1510
Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg GepÀck Leergewicht nach Motorrad-Norm: 245
Zuladung in kg 121
Tankinhalt in Liter 9
Höchstgeschwindigkeit in km/h 177
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 4,3
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 4,5
Modell Triumph Bonneville Bobber
Sitzhöhe 690

(fpi [3])


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