Abgefahren
Moderne Gesellschaften mĂŒssen der GroĂherausforderung namens Verkehr mit neuen Strategien begegnen. Ein kurzer Ausflug in das Jahr 2032...
Moderne Gesellschaften mĂŒssen der GroĂherausforderung namens Verkehr mit neuen Strategien begegnen. Ein kurzer Ausflug in das Jahr 2032...
Die Energiegewinnung ist um ein Vielfaches kleinteiliger und klĂŒger als noch vor 20 Jahren. Nicht mehr nur groĂe Kraftwerke, sondern ein intelligentes System aus Mikro-Energiequellen trĂ€gt zur Versorgung bei. So gibt es StraĂenbelag, der, wenn er begangen oder befahren wird, aus kinetischer Energie Strom erzeugt. E-Autos fungieren in Verbindung mit dem flexiblen Netz auch als Stromspeicher und gleichen wetterabhĂ€ngige Schwankungen bei der Erzeugung regenerativer Energie aus. Wie viele Hunderttausend andere erlaube ich, wĂ€hrend mein Wagen auf dem Parkplatz steht, einem Energieversorger bezahlten Zugriff auf meine Batterie, um Spitzenlasten im Netz abzufedern.
Anfang der 20er Jahre des neuen Jahrtausends waren verschiedene Verlockungen entwickelt worden, um aus Benzinfahrern Elektromobilisten zu machen. E-Fahrzeuge wurden mit eigenen Fahrspuren, ParkplĂ€tzen und Ladestationen privilegiert ("Park & Load"). Um lange Ladezeiten zu vermeiden, kann man seither bei Servicestationen leere Batterien einfach gegen geladene eintauschen. Neuartige Sharing-Systeme senkten die Schwelle der anfangs höheren Anschaffungspreise. Die neue Lebensart fand Anklang: borgen statt besitzen. Der rasche Zugriff auf MobilitĂ€t gewinnt an AttraktivitĂ€t gegenĂŒber der Last dauerhaften Eigentums.
Offen sichtbare Computer und Kommunikationselektronik sind 2030 weitgehend verschwunden. Kaum jemand trĂ€gt noch sichtbare GerĂ€te mit sich herum. Die FunktionalitĂ€t der vormaligen Smartphones ist in SchmuckstĂŒcke oder Kleidung integriert. Hardware ist fast vollstĂ€ndig in den Hintergrund getreten. Computerleistung wird von einer öffentlichen Infrastruktur bereitgestellt, die auch das Internet immer und ĂŒberall zugĂ€nglich macht. Tastatur und Bildschirm, die man frĂŒher bei sich haben musste, können auf beliebige FlĂ€chen projiziert werden â auf ein Blatt Papier, eine HandflĂ€che, einen AutorĂŒcksitz.
Als 2023 zwei der weltgröĂten Ălfelder zu versiegen begannen, explodierte der Benzinpreis. Mit dem Schwinden fossiler Brennstoffe wuchs die Vielfalt alternativer Energien und Antriebsformen. Zahlreiche konkurrierende MobilitĂ€ts-Alternativen drĂ€ngten auf den Markt â E-Fahrzeuge waren gefragt wie nie. Die Idee der Globalisierung begann erstmals ihre Faszination zu verlieren. Das Regionale, der Nahbereich erlebte auch aus ökonomischen GrĂŒnden eine Renaissance. Das perfekte Fortbewegungsmittel dazu: Elektrofahrzeuge.
MobilitĂ€t wird immer variabler und vielfĂ€ltiger. Mit neuen Optionen, Systemen und Diensten passt sie sich einem immer stĂ€rker stĂ€dtischen Umfeld und den individuellen BedĂŒrfnissen an. Neben E-Autos erfreuen sich elektroverstĂ€rkte E-Cycles, Roller und modulare Systeme, etwa Huckepack-Fahrzeuge oder FahrrĂ€der, aus denen sich ein Wagen zusammenstecken lĂ€sst, zunehmender Beliebtheit. FĂŒhrerlose Transportkomponenten lenken sich durch selbstregulierende Netzsysteme: Ein "Internet auf Schienen" entsteht. Auch den Fahrern herkömmlicher Fahrzeuge wird zunehmend assistiert. Die Autoscheiben werden zu Bildschirmen, auf denen neue Hinweisebenen die Sicht der Insassen erweitern.
Die BallungsrĂ€ume verdichten sich zu HyperstĂ€dten. Gleichzeitig nimmt die weltweite Vernetzung der urbanen Zentren untereinander immer stĂ€rker zu. Die DatenmobilitĂ€t fĂŒhrt dazu, dass Autofirmen sich zunehmend in IT-Unternehmen verwandeln. Fortschritte in der TeleprĂ€senz, bei ReprĂ€sentations-Robotern und zivilen Fahr- und Flugdrohnen, lassen das "fahrerlose Fahren" zu einer neuen Massenbewegung werden. Elektronische Systeme steuern Fahrzeuge nun sicherer als menschliche Lenker. "Hybrid" bedeutet 2030, dass man sich aussuchen kann, ob man selbst lenken möchte oder das Fahrzeug einem elektronischen Leitsystem ĂŒberlĂ€sst und stattdessen arbeitet, schlĂ€ft oder einer Unterhaltung nachgeht. Fahrzeuge lernen immer besser, in spontanen Netzwerken zu kommunizieren, in die der StraĂenverkehr sich verwandelt.
Das neue Zeitalter hat auch einen neuen Klang. Da Elektrofahrzeuge sehr leise sind und Verkehrsteilnehmern damit ein altgewohntes Aufmerksamkeitssignal fehlt, haben Sounddesigner synthetische MotorenklĂ€nge entwickelt. Wie frĂŒher Klingeltöne fĂŒr Mobiltelefone, kann man nun verschiedene FahrzeuggerĂ€usche downloaden. Die Bordintelligenz erkennt auf der StraĂe die Akustik der umgebenden Fahrzeuge und verhindert Misstöne â statt Verkehrsrauschen entsteht so im Zeitalter der ElektromobilitĂ€t ein orchestrierter Klang, der sowohl der Sicherheit als auch der LebensqualitĂ€t der Bewohner entgegenkommt. Es ist der Sound der E-poche. (bsc [1])
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