Konservative Standpunkte - Podiumsdiskussion auf der SEE 2007
Bericht von der SEE 2007, einer dreitÀgigen Konferenz zu Vorgehensmodellen, Prozessen und Techniken des Software und System Engineering.
Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht selbst, sondern lasse meinen Kollegen Christian Weiss (GeschĂ€ftsfĂŒhrer bei oose) ĂŒber seine Erlebnisse mit einem Konferenzauftritt in der letzten Woche berichten:
Letzten Mittwoch (06.06.07) war ich in MĂŒnchen auf der SEE 2007 [1], einer dreitĂ€gigen Konferenz zu Vorgehensmodellen, Prozessen und Techniken des Software & System Engineering, veranstaltet von der TU Clausthal und der Firma 4Soft in Zusammenarbeit mit verschiedenen VerbĂ€nden, anderen UniversitĂ€ten und Firmen. Dort waren insgesamt viele BeitrĂ€ge zum neuen V-Modell XT, CMMI, SPICE u.Ă€. eingereicht, andererseits waren aber durchaus auch einige BeitrĂ€ge zur agilen Softwareentwicklung zu hören, wenn auch deutlich weniger. Zumindest zeigt dies, dass Vertreter klassischer Vorgehensweisen die moderneren AnsĂ€tze zur Kenntnis nehmen und sich durchaus ernsthaft damit auseinander setzen, was ich sehr begrĂŒĂe.
Auf der Konferenz war ich am letzten Abend als Vertreter der agilen Fraktion zu einer Podiumsdiskussion eingeladen: "Agile und reichhaltige Vorgehensweisen â Gegensatz oder ErgĂ€nzung?". Anfangs war ich vom Titel der Podiumsdiskussion irriert, legt doch das Attribut "reichhaltig" die Kehrseite geradezu in den Mund, nĂ€mlich "armselig". Andererseits sind wir Agilisten auch nicht besser, wenn wir von "schwergewichtigen" Vorgehensmodellen sprechen.
Die Podiumdiskussion lief fĂŒr mich nicht ganz so toll, da ich neben fĂŒnf Vertretern eher traditioneller AnsĂ€tze der einzige Agilist war. Dieses Ungleichgewicht war aber gar nicht so entscheidend fĂŒr den Verlauf, wie ich finde. Vielmehr war es fĂŒr mich schwierig, eine extreme Gegenposition Ă la XP zu beziehen, da ich auch in der GroĂprojektwelt zuhause bin und eher einen integrativen Ansatz verfolge. In unseren Beratungsprojekten (beispielsweise bei der EinfĂŒhrung iterativer Verfahren und agiler Managementpraktiken) sind wir stĂ€ndig bemĂŒht, das absolut Notwendige möglichst agil zu machen.
Mir ist durch die Podiumsdiskussion aber nochmal sehr deutlich geworden, wo wir Agilisten noch ansetzen können. Sehr klar ist fĂŒr mich heraus kommen, dass vielfach immer noch der Eindruck vorherrscht, AgilitĂ€t sei planungsloses, ja chaotisches Vorgehen. Weit verbreitet ist dort der Glaube, in agilen Vorgehensweise wĂŒrden keine Anforderungen erhoben und schon gar nicht dokumentiert. Auch AnforderungsĂ€nderungen seien in klassischen Vorgehensweisen natĂŒrlich genauso jederzeit möglich, weil es ja Change Requests gibt. Aber die Anforderungen mĂŒssen bitte vollstĂ€ndig vor Projektstart erhoben sein, denn andernfalls kann man ja das Projekt weder schĂ€tzen noch planen. AuĂerdem gibt es vielfach die Meinung, dass AgilitĂ€t nur in kleinen Projekten ohne Risiko funktioniert. Offenbarte Unwissenheit und Interesselosigkeit gegenĂŒber Neuem paart sich hier mit der bequemen Ignoranz der Tradition.
AgilitĂ€t per se ist fĂŒr mich kein Vorgehensmodell, sondern eine Sammlung von good practices und Geisteshaltungen, die erst im Zusammenspiel ihre volle Kraft entfesseln und fĂŒr mehr Beweglichkeit in der Projektabwicklung sorgen, um die Projektziele trotz der alltĂ€glichen ungeplanten Ereignisse erreichen zu können. So gesehen, kann ich mir auch ein agiles V-Modell vorstellen. Es kommt vor allem darauf an, wie bestimmte Praktiken gehandhabt werden.
FĂŒr Vertreter der klassischen AnsĂ€tze sind Aussagen aus dem Wertemanifest, wie "Höchste PrioritĂ€t hat die Zufriedenstellung des Kunden mit frĂŒhzeitiger Lieferung funktionsfĂ€higer Software" im Grunde PlattitĂŒden, weil das ja selbstverstĂ€ndlich sei. Und dass man regelmĂ€Ăig Inkremente in kurzen AbstĂ€nden ausliefert, versteht sich mindestens genau so wie integriertes Risikomanagement und permanentes Reflektieren ĂŒber die tatsĂ€chlich geleistete Arbeit. Das sind einfach nur Regeln des klassischen Projektmanagements.
Aber was und wo sind die Werte bei traditionellen Vorgehensmodellen? Dort lese ich meist nur Prozessbeschreibungen, Formulare und Regeln noch und nöcher, die in der Praxis bei der Umsetzung dazu tendieren, dass Mitarbeiter verfĂŒhrt werden, diese seelenlos zu befolgen. Genau dort entsteht meines Erachtens ein Problem, weil Mitarbeiter dadurch aus der Verantwortung genommen werden â sie befolgen ja schlieĂlich nur Vorschriften. Hier leistet die Wertediskussion einen wertvollen Beitrag, da sie dabei hilft, ungewollte und nicht beschriebene ProzesslĂŒcken durch vernĂŒnftige Geisteshaltungen zu schlieĂen.
Vergleicht man Aussagen ĂŒber die ProduktivitĂ€tszuwĂ€chse nach EinfĂŒhrung von CMMI o.Ă€. mit Studien aus dem agilen Umfeld, so stelle ich fest, dass auch dort etwa dieselben Werte existieren. Ist es dann vielleicht am Ende sogar egal, welches Vorgehen man einfĂŒhrt, Hauptsache man hat ĂŒberhaupt eines?
Fast alle GroĂunternehmen, die wir betreut haben, sind den Weg von wirklich chaotischem Vorgehen ĂŒber schwergewichtige Modelle bis hin zu agilen AnsĂ€tzen gegangen. Muss man vielleicht erst auf die heiĂe Herdplatte fassen, um den Sinn agiler Verfahren zu verinnerlichen? Es scheint mir fast so.
Mir fiel es jedenfalls schwer, Sinn und Zweck von AgilitĂ€t ĂŒberzeugend zu verdeutlichen. Vielleicht liegt hier aber auch das eigentliche Problem: Mein Eindruck war, dass beide Fraktionen im Grunde ihres Herzens dieselben Ziele verfolgen.
Wir Agilisten haben also immer noch Ăberzeugungsarbeit vor uns, und die sollte sich mehr darauf konzentrieren, aufzuzeigen, wie bestimmte Fragestellungen in agilen Verfahren gelöst werden können und wo die klassischen Artefakte bleiben, die fĂŒr uns zum Teil Unworte sind. Zum Beispiel: Wie und wann entsteht eine Anforderungsspezifikation? Wie werden Anforderungen verfolgt? Wie wird QualitĂ€tssicherung betrieben? Wie gestalte ich Preis- und Vertragsmodelle im agilen Umfeld? Wie gehe ich mit sicherheitskritischen Anforderungen um? NatĂŒrlich sind diese Fragen bereits weitgehend beantwortet (glauben wir jedenfalls). Aber es fehlt vielleicht noch ein bisschen am Marketing und daran, die Vertreter klassischer Vorgehen in ihrer verschlafenen Begriffswelt abzuholen. ( [2])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-354873
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.see-conf.de/
[2] mailto:bernd.oestereich@oose.de
Copyright © 2007 Heise Medien