Lasst tausend Algen blĂŒhen
Die Bundesregierung unterstĂŒtzt ein deutsch-indisches Experiment zur OzeandĂŒngung, obwohl es unter ein Moratorium fĂ€llt. Egal: Der Klimaschutz soll ja irgendwann zu einem guten GeschĂ€ft werden.
Der Kampf gegen den Klimawandel treibt bisweilen seltsame BlĂŒten. Zum Beispiel die AlgenblĂŒte: Seit lĂ€ngerem propagieren Wissenschaftler die DĂŒngung der Meere mit eisenhaltigen Partikeln, um das Wachstum verschiedener Algenarten (zusammenfassend auch Phytoplankton genannt) zu stimulieren. Das soll dann die verstĂ€rkte Aufnahme des Treibhausgases CO2 aus der AtmosphĂ€re in den Ozean bewirken. Wenn die Algen absterben, sinken sie als Biomasse, die CO2 gebunden hat, auf den Meeresboden.
Eine klassische End-of-pipe-Lösung also: Wir haben zuviel CO2 in die AtmosphÀre gepustet? Dann holen wir es wieder heraus und deponieren es.
Vergangene Woche ist das Forschungsschiff âPolarsternâ, das vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) betrieben wird, mit einem internationalen Forscherteam in antarktische GewĂ€sser aufgebrochen, um diese Technik in einem groĂangelegten Experiment namens âLOHAFEXâ [1] zu testen. Auf einer FlĂ€che von 300 Quadratkilometern sollen 20 Tonnen Eisensulfat ins Meer ausgebracht werden. FederfĂŒhrend sind dabei Indien und Deutschland.
Da muss irgendjemand nicht genau aufgepasst haben. Denn, wie der stets aufmerksame Jim Thomas von der kanadischen ETC Group [2] nachgelesen hat, die Vertragsstaaten der BiodiversitÀtskonvention [3] hatten sich erst letzten Sommer in Bonn darauf geeinigt, solche Experimente vorerst auszusetzen. Das Bundesumweltministerium schrieb dazu [4]:
âDie Delegierten einigten sich darĂŒber hinaus darauf, AktivitĂ€ten zur kĂŒnstlichen DĂŒngung von Meeresgebieten mit dem Ziel der CO2-Bindung zu unterlassen. Der Grund: Wissenschaftler befĂŒrchten starke negative Auswirkungen auf die Meeresumwelt. Zudem ist bislang völlig unklar, ob solche AktivitĂ€ten tatsĂ€chlich die unterstellten positiven Auswirkungen auf das Klima haben.â
Einzige Ausnahme im Konferenzdokument sind âkleinrĂ€umige wissenschaftliche Forschungsstudien in KĂŒstengewĂ€ssernâ (laut Paragraph 4 des COP9-Beschlusses IX/16). Das alles anderes als kleinrĂ€umige LOHAFEX-Experiment wird hingegen auf hoher See durchgefĂŒhrt.
Wie die MĂ€rkische Allgemeine gestern berichtete [5], hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel seiner Kollegin, Bundesforschungsministerin Annette Schavan, deren Haus das Projekt genehmigt hat, bereits einen bösen Brief geschrieben. Sie solle âsicherstellen, dass das AWI-Projekt unverzĂŒglich gestoppt wirdâ. Laut Nature News [6] war das BMU aber vorab informiert worden und hatte keine EinwĂ€nde erhoben. Einmal mehr zeigt sich, wie weit bei dieser Bundesregierung in Sachen Klimaschutz Reden und Handeln auseinanderklaffen.
Das sollte nicht erstaunen: Das Wissenschaftsmagazin Science wies [7] bereits im November auf die handfesten wirtschaftlichen Interessen hin, die bei der MeeresdĂŒngung lĂ€ngst im Spiel sind. Drei private US-Firmen, Planktos, Climos und GreenSea Ventures positionieren sich bereits als kĂŒnftiger Anbieter einer solchen âCO2-Entsorgungâ. Die so eingesparten Tonnen sollen, vermutet Science-Autor Eli Kintisch, im CO2-Handel als AusgleichsmaĂnahme angeboten werden. Auch China forscht an dieser Technik, und Indien und Deutschland versuchen offenbar gemeinsam, hier ebenfalls FuĂ zu fassen.
Die Vorbehalte gegen diese Form des Geo-Engineerings sind bislang aber nicht entkrÀftet: Marine Nahrungsketten könnten gestört sowie als Nebeneffekt die weitaus wirksameren Treibhausgase Methan und Stickoxid freigesetzt werden. Deshalb auch das Moratorium.
Hinzu kommt, dass selbst eine weitrĂ€umige MeeresdĂŒngung nur ein Tropfen auf den heiĂen Stein wĂ€re. WĂŒrde der gesamte SĂŒdliche Ozean mit einer FlĂ€che von 50 Millionen Quadratkilometern (etwas weniger als Afrika und Nordamerika zusammengenommen) gedĂŒngt, lieĂe sich 1 Gigatonne CO2 aus der AtmosphĂ€re entfernen, heiĂt es in der Beschreibung [8] des LOHAFEX-Projekts der leitenden Forscher Victor Smetacek und Syed Wajih Naqvi. Um den den derartigen CO2-Gehalt der AtmosphĂ€re bei 380 ppm zu stabilisieren, mĂŒssten jedoch 190 Gigatonnen [9] entfernt werden!
Aber wenn es um neue GeschĂ€fte im kĂŒnftigen âgrĂŒnen Kapitalismusâ geht, werden all diese EinwĂ€nde sehr wahrscheinlich vergeblich sein. Wir werden uns noch wundern, was uns im Namen des Klimaschutzes eines Tages alles verkauft wird. (wst [10])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.nio.org/projects/narvekar/narvekar_NWAP2.jsp
[2] http://www.etcgroup.org/en/materials/publications.html?pub_id=710
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversit%C3%A4tskonvention
[4] http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/cop9_ergebnisse.pdf
[5] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11403492/485072/Vorhaben-des-Alfred-Wegener-Instituts-verstoesst-offenbar-gegen.html
[6] http://www.nature.com/news/2009/090109/full/news.2009.13.html
[7] http://www.sciencemag.org/cgi/content/summary/318/5855/1368?maxtoshow=&HITS=10&hits=10&RESULTFORMAT=&fulltext=lohafex&searchid=1&FIRSTINDEX=0&resourcetype=HWCIT
[8] http://www.nio.org/projects/narvekar/smetacek_naqvi.pdf
[9] https://www.heise.de/news/Geo-Engineering-im-Aufwind-191441.html
[10] mailto:wst@technology-review.de
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