Nichts als die Wahrheit?
Ein theoretischer Physiker will mit einer statistischen Analyse zeigen, dass Frauen in der Physik nicht benachteiligt werden.
Er hat es wieder getan.
Vor gut einem Jahr sorgte der Physiker Alessandro Strumia bei einem Workshop am Forschungszentrum CERN fĂŒr einen Eklat [1]. Denn Strumia behauptete, aus der Analyse von Veröffentlichungsdaten belegen zu können, dass Physik âvon MĂ€nnern erfunden und betriebenâ wĂŒrde und unter dem Vorwand von Gleichbehandlung MĂ€nner im Forschungsbetrieb diskriminiert wĂŒrden - und nicht Frauen. Ăber 3000 Forscherinnen und Forscher unterzeichneten eine ErklĂ€rung [2], in dem sie den Vortrag als âunethischâ zurĂŒckwiesen. Andere, wie die Physikerin und Autorin Sabine Hossenfelder, arbeiteten sich stĂ€rker an der Methodik ab [3]. Strumia wurde gefeuert, und das Video des Vortrages von der CERN-Website entfernt - die Slides sind allerdings noch immer online verfĂŒgbar [4].
Doch jetzt legt Strumia nach: Er hat es geschafft, seine Analyse in einer wissenschaftlichen Zeitschrift unterzubringen. Das Journal Quantitative Science Studies [5], das im Verlag MIT Press erscheint, wird die Studie veröffentlichen, berichtet [6] das Wissenschaftsmagazin Science. Eine Vorabversion von dem Paper [7] hat er bereits auf seiner Website veröffentlicht.
Die Kernaussagen darin sind:
- Es gibt keine Unterschiede in der HĂ€ufigkeit, in der Frauen und MĂ€nnern Paper von Frauen oder MĂ€nnern zitieren
- Frauen werden im Schnitt hÀufiger eingestellt, auch wenn sie weniger Paper veröffentlicht haben als MÀnner
- Und der Anteil von Frauen und MĂ€nnern, die aus der Wissenschaft ausscheiden, ist prozentual gleich hoch
- Daraus folgt Strumia, dass MĂ€nner und Frauen in der physikalischen Forschung gleiche Chancen haben - und Diskriminierung nicht existiert.
Das ist aber noch nicht alles: Strumia hat auch eine "ProduktivitĂ€tslĂŒcke" zwischen MĂ€nnern und Frauen gefunden. Soll heiĂen: MĂ€nner produzieren im Schnitt mehr Paper, was nicht daran liegt, dass sie geschwĂ€tziger sind, sondern vielseitiger. Da die Daten gesellschaftliche GrĂŒnde fĂŒr diesen Unterschied ausschlieĂen, mĂŒsse man âbiologische GrĂŒnde in Betracht ziehenâ, schreibt Strumia.
Warum ist diese Geschichte so bemerkenswert? Aus zwei GrĂŒnden: Ob beim Streit um den Klimawandel, Fahrverbote, der Debatte um soziale Ungleichheit oder Diskriminierung - in all diesen Diskussionen treten Menschen auf, die behaupten, ihre Thesen und Deutungen durch objektive Daten und felsenfeste, wissenschaftliche Analysen belegen zu können.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich glaube an objektive Fakten. Ich glaube daran, dass es richtige und falsche Aussagen gibt. Auf einer ganz elementaren Ebene ist Wissenschaft oft schwarz oder weiĂ. In komplexen ZusammenhĂ€ngen ist sie das aber nicht. Es kommt ganz darauf an, wer mit welchem Interesse welche Fragen stellt.
Das ist blöd und verwirrend, aber leider wahr. Bei der Frage, warum es nicht mehr Frauen in den âhartenâ Naturwissenschaften wie Physik gibt, spielen viele Dinge eine Rolle: Das SelbstverstĂ€ndnis von Physikern, die weitgehende Ausblendung von eigenen Interessen, Emotionen und Sympathien, die mangelnde Fehlerkultur - und natĂŒrlich die Zuschreibung von Kompetenzen. Jeder, der behauptet, Physiker wĂŒrden immer - auch und gerade bei Einstellungen - nur objektive, rationale und reproduzierbare Entscheidungen treffen, lĂŒgt entweder. Oder er hat keine Ahnung, wovon er spricht.
(wst [8])
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Links in diesem Artikel:
[1] https://physicsworld.com/a/thousands-of-physicists-sign-letter-condemning-disgraceful-alessandro-strumia-gender-talk/
[2] https://www.particlesforjustice.org/
[3] http://backreaction.blogspot.com/2018/10/gender-bias-in-academia-case-strumia.html
[4] https://drive.google.com/file/d/1c_NyUhOZ8erdqU2AGZJZtNfFeA91Kefj/view
[5] https://www.mitpressjournals.org/qss
[6] https://www.sciencemag.org/news/2019/11/decision-certain-draw-fire-journal-will-publish-heavily-criticized-paper-gender?utm_campaign=news_daily_2019-11-04&et_rid=60665174&et_cid=3058945
[7] https://alessandrostrumiahome.files.wordpress.com/2019/10/artgender.pdf
[8] mailto:wst@technology-review.de
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