Plus-/Minuslisten sind keine Retrospektiven
Leider wird in vielen Trainings zwar von Retrospektiven gesprochen, aber meist nur im Sinne der Erstellung von Plus-/Minuslisten. Das fĂŒhrt dazu, dass viele glauben, dass dies Retrospektiven seien und dadurch leider der Begriff "verbrannt" wird.
Immer hĂ€ufiger wird an mich herangetragen, dass Retrospektiven nicht funktionieren oder dass sie doch eigentlich ĂŒberholt seien. Frage ich dann weiter nach, wie die Retrospektiven durchgefĂŒhrt werden, oder habe ich die Möglichkeit, einer solchen beizuwohnen, lĂ€uft es immer auf das Gleiche hinaus: Die Retrospektiven werden (miss-)verstanden als ein Erstellen von Plus-/Minuslisten. Wobei auf der Plusseite gesammelt wird, was alles gut lĂ€uft, und auf der Minusseite, was alles nicht gut lĂ€uft. Manchmal wird dann noch beschlossen, welche der Minuspunkte man abstellen möchte.
Möchte man eine effektive Retrospektive durchfĂŒhren, lĂ€sst sich das Erstellen einer Plus-/Minusliste allenfalls als Input verwenden. Es gibt mehrere Dinge, die das Erstellen von Plus-/Minuslisten von Retrospektiven unterscheidet. Hier möchte ich jetzt auf einen einzigen, jedoch ganz essenziellen Punkt eingehen, nĂ€mlich die konkrete Aktionsplanung, die sicherstellt, dass wir auch in der Lage sind, das Problem auf der Minusliste abzustellen.
Dazu gehört, dass wir erst einmal (reflektiv) untersuchen, was eigentlich genau das Problem ist, wie es entstanden ist, was es "am Leben" erhĂ€lt und was wir gewinnen, wenn wir dieses Problem lösen. Durch Letzteres können wir eine Art Kosten-Nutzen-Analyse machen: Ist es uns den Aufwand Wert, das Problem aus der Welt zu schaffen? Manchmal werden auch (immer wieder) Probleme genannt, die bei genauerer Betrachtung nicht wirklich behindern. FĂ€llt die Kosten-Nutzen-Analyse positiv aus, ĂŒberlegen wir uns eine Lösungsstrategie und "testen" diese, indem wir weiterhin darĂŒber diskutieren, was uns daran hindert, diese Strategie (oder auch diese Strategien) umzusetzen. Diese Ăberlegung versetzt uns in die Lage, einen konkreten Aktionsplan zu definieren:
- Was muss gemacht werden?
- Wer macht dies und mit wessen UnterstĂŒtzung?
- Wann wird die Strategie umgesetzt und bis wann?
- Wer ist alles darĂŒber zu informieren?
- Benötigen wir auch UnterstĂŒtzung von auĂerhalb des Teams?
- Wie können wir die Umsetzung sicherstellen/nachverfolgen?
- Können wir alle Schritte der Strategie direkt in der nÀchsten Iteration angehen, beziehungsweise welche Schritte gehen wir in der nÀchsten Iteration an?
Ohne eine solche Konkretisierung werden selbst "einfache" Probleme wie das Schreiben von mehr Unit-Tests nicht verschwinden. Ich finde es darĂŒber hinaus immer hilfreich, wenn wir uns darin limitieren, wie viel wir uns fĂŒr die nĂ€chste Iteration vornehmen. Nehmen wir uns zu viel vor, ist die Wahrscheinlichkeit groĂ, dass wir gar nichts in die RealitĂ€t umsetzen. Von daher ist es besser, sich einzuschrĂ€nken. Um zu verdeutlichen, dass durch die Retrospektive die VerĂ€nderung eingeleitet wurde, machen wir zu Beginn jeder Retrospektive einen kurzen RĂŒckblick auf die Dinge, die wir uns beim letzten Mal vorgenommen haben und "feiern" in dem Fall, dass wir erfolgreich das Problem abstellen konnten. ( [1])
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