Sehr geehrter Herr Bittner,
zunächst meinen Respekt, dass Sie sich hier zu Wort melden, ich weiß das zu schätzen.
Den Spiegel habe ich nie regelmäßig gelesen, dafür fast 20 Jahre lang die Süddeutsche, bis ich nach einigen Leserkommentaren zu Leitartikeln des von Ihnen angesprochenen Herrn Kornelius (und Cathrin Kahlweit) mich entschließen musste, dieser Zeitung für immer den Rücken zu kehren. Meine Wut über soviel missbrauchte leitartiklerische Feuerkraft war einfach zu groß geworden.
Diese Entscheidung habe ich gefällt, ohne etwa die besagte Folge der Anstalt gesehen zu haben. Meine Wut brauchte keine Verschwörungstheorien (Vernetztheit ist bis zu einem gewissen Grad jedenfalls unvermeidlich und in diesen Grenzen also legitim), dafür reichte einfaches, sorgfältiges Lesen mit Sinn für logische Widersprüche und sprachliche Suggestivkraft. Die großen Mängel der üblichen Berichterstattung über die Ukraine sind:
- Empörte Schuldzuweisungen ohne halbwegs gerichtsfeste Beweise. Je größer der Vorwurf, sollte man meinen, desto sicherer muß man ihn belegen können. In der ganzen Geschichte dieses Konflikts wird diese Regel grob mißachtet, am erschütterndsten beim Abschuss von MH17, wo noch rein gar nichts bewiesen ist, aber nur ein Erklärungsansatz ernsthaft erwogen wird. Meistens in einer Version, die Russland möglichst direkt die Schuld gibt.
- Schüren der aufgewühlten Emotionen und Instrumentalisierung derselben für vorschnelle politische Festlegungen und Forderungen. Ihr Blatt hat da mit dem berühmten Cover (Stoppt endlich Putin) wahrlich den Vogel abgeschossen. Ich weiß, auch Nachrichten unterliegen den Gesetzen des Marktes und tendieren daher zum reisserischen, aber diese Titelseite war ebenso schamlos wie unverantwortlich. Denkt der Spiegel eigentlich ab und zu darüber nach, was seine Verantwortung für Richtung und Stärke des Herdentriebs (Meinungsbildung) ist?
- Reduktion der russischen Politik auf eine Person, wobei die Beschäftigung mit Putin, wo sie überhaupt stattfindet, sich auf die Erstellung von Psychogrammen beschränkt. Die objektive strategische Lage Russlands mit echten äußeren Bedrohungen und allen hausgemachten Problemen (unter die ich auch die Menschenrechts-Problematik subsummieren würde) ist aber für das Verständnis des russischen Vorgehens wichtiger als die Macho-Mentalität Putins.
- Übernahme der Rhetorik einer Konfliktpartei (Frau Kahlweit übernahm die Kiewer Diktion von "Antiterroroperation" ohne Anführungszeichen) anstatt wenigstens vorsichtiger kritischer Distanz zur Ukraine.
- Fast vollständige Distanzlosigkeit gegenüber der Position des Westens, bzw. Verzicht darauf, die verschiedenen Positionen innerhalb des Westens zu analysieren (Warum? Weil Einigkeit und Entschlusskraft demonstriert werden soll?). Vor allem stößt mir übel auf, daß der Westen fast immer als ein im geostrategischen Sinne interesseloses Wesen dargestellt wird. Diese Interessen mögen teilweise oder sogar alle auf einer höheren Legitimitätsstufe als die russischen sein. Aber sie gehören kritisch beleuchtet, anstatt so zu tun, als ginge es dem Westen nur um Moral und Gerechtigkeit: wir sollten uns abgewöhnen, uns als Richter aufzuspielen. Wir sind PARTEI in diesem Spiel, und keinen Deut mehr als das.
- Niederbrüllen abweichender (Leser-)Meinungen. Ich bezweifle nicht, daß es bezahlte Agenten in Foren gibt, unter anderem auch welche, die aus Russland bezahlt werden. Ich bezweifle nicht, daß der Anti-Amerikanismus manchmal neurotische Züge annimmt. Ich bezweifle nicht, daß Putin Fans in Deutschland hat, gerade weil er ein Autokrat ist. Nichts von alledem trifft jedoch für meine Ausführungen und die vieler anderer zu, ohne dass sie deswegen jemals seriös beantwortet würden. Das ständige Gerede von "Putin-Trolls" polarisiert hingegen das Diskussionsklima noch weiter, in einer Zeit, in der nichts so sehr Not täte wie: ehrliche Information, offene, sachliche Diskussion und besonnene, kritische Meinungsbildung.
Um diesem Beitrag jeden Anschein von Putin-Trollerei zu nehmen, unterschreibe ich erstmals einen Beitrag mit Klarnamen und verbleibe mit respektvollen Grüßen,
Ekkehard Windrich, Berlin