Ich will Adobe hier ganz bestimmt nicht verteidigen. Wer jeden Tag mit diesem Krempel zu tun hat, hat genug Anlass, die glatte Wand hochzugehen. Sei es nun, dass irgend etwas nicht störungsfrei funktioniert oder eben die im Artikel genannten Umstände. Ich finde die Politik Adobes sehr oft nur zum Kotzen.
Wenn ich dann aber immer wieder Kommentare lese wie:
selbst schuld
Stockholm Syndrom
dumme Nutzer
können ja einfach wechseln
dann weiĂź ich, dass die meisten Kommentatoren exakt null Ahnung von den Fakten und dem Arbeitsalltag Kreativer haben.
Blöderweise ist es so: man hat insbesondere als Auftragnehmer schier keine Wahl.
Eine ganze Branche arbeitet mit Adobe-Krempel. Solange nur PDF verlangt wird, spielt es tatsächlich keine Rolle, ob ich mit InDesign, Affinity Publisher, QuarkExpress oder ähnlichen Programmen arbeite. Gleiches gilt für Photoshop, Illustrator und andere.
Sobald aber – und das kommt tatsächlich öfter vor als der Laie sich das vorstellen kann – offene Daten verlangt werden, damit die Werbeabteilung des Auftraggebers oder die Agentur eventuell noch selbst Änderungen vornehmen können, ist es zwingend, sich auf einen Standard zu einigen. Und das ist heute eben leider Adobe. Wenn es nicht Adobe wäre, wärs ein anderes Unternehmen.
Obwohl die vielen Programme verschiedener Anbieter untereinander teils kompatibel sind, Dateien, die ich in InDesign erstellt habe, also in Publisher geöffnet werden könnten, bedeutet das nicht, dass alle Formatierungen auch exakt so übernommen wurden. Das weiß der Auftragnehmer in der Regel aber nicht. Er müsste praktisch beide Programme vorhalten und vergleichen. Oder er müsste für jeden Auftraggeber in dem gewünschten Programm arbeiten. Das würde wiederum bedeuten, dass ich als Auftragnehmer jedes mögliche Programm vorhalten und mich einarbeiten müsste. (Über Kosten wollen wir hier mal gar nicht erst reden).
Der eine Auftraggeber arbeitet und verlangt Adobe, der nächste Affinity, der dritte QuarkExpress, der vierte irgend eine seltene quelloffenen Software, der fünfte will Viva, der sechste Corel, der siebte ... und so weiter! Und das gilt dann für jedes Programm – egal ob Layout, Bildbearbeitung, Grafikerstellung und viele andere.
Viele verschiedene Programme vorzuhalten und Wünsche der Kunden bedienen zu können, hat zwar den Vorteil, dass Adobe von seinem hohen Ross geholt wird, was nicht nur ich extrem begrüßen würde, hätte aber auch den Nachteil, dass Leute wie ich jedes dieser und weitere Programme kaufen und sich einarbeiten müssten und am Ende dann doch wieder nix zueinander passt. Was nämlich auch viele Außenstehende nicht wissen: Programme wie z. B. Photohop, InDesign, Illustrator bieten auch untereinander sehr praktische Kompatibilität, wie sie andere Programme meist nicht bieten. Das ist ein Zeit- und Kostenfaktor!
Wenn also immer wieder den Anwendern von Adobe-Software vorgeworfen wird, sie seien zu faul oder zu dumm zum wechseln, dann spricht daraus nur eine weitgehende Unkenntnis der Fakten und Gegebenheiten und des Alltags im grafischen Gewerbe.
Ich kenne keinen Kollegen, der die Politik Adobes begrüßt – eher hassen sie sie alle, aber es sind halt ganz praktische Vorteile für eine ganze Branche, wenn ein Höchstmaß an Kompatibilität vorhanden ist. Und es sind eben auch ganz erhebliche Nachteile, wenn es lauter Inkompatibilitäten gibt. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum sich Adobe überhaupt durchsetzen konnte. Es wurden Standards und damit Kompatibilität geschaffen und die Branche hat die Vorteile erkannt und genutzt.
Ich würde eine Lösung eher darin suchen, dass auch die Politik endlich begreift, dass Software elementarer Bestandteil des Funktionierens von Branchen ist und Hersteller sich daher aus vielfältigen Gründen innerhalb gesetzlicher Grenzen zu halten haben. Und dazu gehört, dass sich diese Hersteller nicht einfach Freiheiten herausnehmen können sollten, die den Nutzer in Nachteil setzen und in seine Privatsphäre eindringen, Daten abzusaugen oder zu nutzen und weiterzuverwenden, ohne dass er seine ausdrückliche Zustimmung gibt.
Wir schaffen das bei Hardware, wo das Recht auf Reparatur endlich mehr Gestalt annimmt, also sollten wir das auch bei Software schaffen. Die Rechte der Kunden müssen gestärkt werden. Und das liegt auch im Interesse derer, die keine direkten Nutzer und Kunden sind.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (07.06.2024 17:24).