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25 Jahre MP3: Die Klang-Quetsche hat Geburtstag

Karl-Gerhard Haas
25 Jahre MP3: Die Klang-Quetsche hat Geburtstag

Erste erfolgreiche Tests: Mit dem MP3-VorlĂ€ufer OCF gelang Fraunhofer IIS im FrĂŒhjahr 1990 die EchtzeitĂŒbertragung von Musik in CD-Ă€hnlicher QualitĂ€t ĂŒber ISDN-Leitungen.

(Bild: K. Fuchs/Fraunhofer IIS)

Am 14. Juli wird die Audio-Datenreduktion MP3 ein Vierteljahrhundert alt – eine Erfolgsgeschichte aus Deutschland, die noch lange nicht zu Ende ist.

Das mit den JubilĂ€en in der Technik ist knifflig – denn meist gibt es gleich mehrere Termine, die als Geburtstag in Frage kommen. So ist es auch bei MP3: FĂŒr nach ihrem Verfahren eingedampfte Audiodateien legten die Projektbeteiligten beim federfĂŒhrenden Fraunhofer-Institut fĂŒr Integrierte Schaltungen (IIS) am 14. Juli 1995 nach interner Abstimmung ".mp3" als Dateiendung fest. Im Hause hießen die Files bis zu diesem Zeitpunkt ".bit". Aber fixiert wurde das ausgefuchste und von einigen gar als ĂŒberkomplex gescholtene System schon auf dem MPEG-Meeting vom 2. bis 6. November 1992 in London. Die Entwicklungsgeschichte reicht gar bis in die 1970er zurĂŒck – die "Schwangerschaft" wĂ€hrte also mehr als ein Jahrzehnt.

MP3 ist die Kurzform von MPEG 1/Layer III – die AbkĂŒrzung MPEG (Empeg gesprochen) steht fĂŒr "Moving Picture Experts Group" [1]. MPEG befasste sich mit Verfahren zur Datenreduktion von Bildern und musste sich daher auch fĂŒr den Ton etwas einfallen lassen. Ziel: Die vergleichsweise hohe Datenrate von per PCM (Pulse Code Modulation) digitalisierten Audiosignalen auf Mengen eindampfen, die digitalen Hörfunk ermöglichen oder den Einsatz auf DatentrĂ€gern, die weniger KapazitĂ€t haben als die CD [2].

Daran forschte man an vielen Stellen der Welt – Sony tĂŒftelte fĂŒr seine MiniDisc an Atrac, Dolby an AC-1, dem VorlĂ€ufer des spĂ€ter als Dolby Digital vermarkteten AC-3. Alleine in Deutschland und den Niederlanden gab es anfangs drei Lager: Die erste Gruppe entstand um Philips und das MĂŒnchner Institut fĂŒr Rundfunktechnik (IRT) und werkelte an einem "Musicam" genannten System. ZunĂ€chst als EinzelkĂ€mpfer war Karlheinz Brandenburg unterwegs, der an der UniversitĂ€t Erlangen Möglichkeiten erforschte, subjektiv klangneutral die Datenflut digitaler Tonsignale zu bĂ€ndigen. "Wir wollten das Signal so speichern, dass es alles enthĂ€lt, was vom Innenohr an die Nervenbahnen weitergegeben wird", sagt Brandenburg im GesprĂ€ch mit heise online. Team Drei bildete sich mit Detlef KrahĂ© an der UniversitĂ€t Duisburg und Ernst F. Schröder von Thomson (damals Telefunken, heute Technicolor). Letztlich waren es Team 2 und 3, deren Arbeit in MP3 mĂŒndete.

Brandenburg handelte im Auftrag: Sein Doktorvater, Professor Dieter Seitzer, spĂ€ter GrĂŒnder des Fraunhofer IIS, hatte in den 1970ern den Gedanken, Musik ĂŒbers aufkommende ISDN-Telefonnetz in Hi-Fi-QualitĂ€t zu verbreiten. Er wollte sich erste Ideen schĂŒtzen lassen – das Patent wurde aber zunĂ€chst nicht erteilt, weil die PrĂŒfer der Ansicht waren, nach dem Stand der Technik könne man mit den angepeilten Bitraten keine Musik ĂŒbertragen. Daraufhin fand Seitzer in Karlheinz Brandenburg den Doktoranden, der sich des Themas annahm. Recht bald wechselte Brandenburg ans gerade gegrĂŒndete IIS, wo eine Gruppe unter Leitung von Professor Heinz GerhĂ€user weiterforschte.

25 Jahre MP3 (0 Bilder) [3]

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Anfangs bremste alle Forscher die verfĂŒgbare Rechenleistung – unter UmstĂ€nden dauerte es Stunden, bis man ein Klangbeispiel mit den jeweils geforderten Parametern codiert hatte. In Europa nahm die Technik mit der Vergabe des EU-Projekts 147 ("Eureka") Fahrt auf, das dem digitalen Rundfunk in der EU zum Durchbruch verhelfen sollte. Gleichzeitig waren die ersten Echtzeitsysteme verfĂŒgbar, die die Forschung wesentlich beschleunigten. 1988 grĂŒndete sich MPEG, nach diversen Hörtests kam zuerst MPEG 1/Layer I als abgespeckte Musicam-Variante auf der lĂ€ngst vergessenen digitalen Compactcassette (DCC) kurzzeitig zum Einsatz.

MPEG 1/Layer II ist die etwas komplexere Musicam-Variante. Sie ist bei SD-Digital-TV und -Radio via Kabel und Satellit der Standard und wird fĂŒrs terrestrische Digitalradio DAB (Digital Audio Broadcast) genutzt. In Deutschland konnte sich DAB aber nicht durchsetzen [5]. MPEG 1/Layer III – eben MP3 – fußt auf der Thomson-/Fraunhofer-Entwicklung ASPEC (Adaptive Spectral Perceptual Entropy Coding) und der modifizierten diskreten Cosinustransformation (MDCT). Letztere ist eine der MP3-SchlĂŒsseltechnologien – sie kam ins System, nachdem 1988 die Uni Hannover mit Hans-Georg Musmann und Bernd Edler zum Projekt gestoßen war.

WÀhrend Layer II im Rundfunk das Rennen machte, hatten die Teams um Thomson und Fraunhofer erst das Nachsehen. Doch die Geduld zahlte sich aus. Thomson-Mann Schröder sagte heise online: "Brandenburg hatte Weitsicht und Durchhaltevermögen." Er suchte nach Anwendungen abseits des klassischen Rundfunks und setzte auf die schnell wachsende Rechenleistung von PC-Prozessoren.

Dann passierten mehrere Dinge nahezu gleichzeitig: ITT-Intermetall (heute Micronas) lieferte mit dem MASC 3500 den ersten Einchip-Signalprozessor, der sich als MP3-Decoder programmieren ließ. Das – gescheiterte – digitale Satellitenradio "Worldspace" setzte auf MP3 als Codec, die US-Firma Telos Systems baute auf MP3-Basis Technik fĂŒr die Zuspielung von AußenĂŒbertragungen zu Rundfunkstudios. Brandenburg: "Deren GrĂŒnder Steve Church, hat uns Tipps gegeben, wir wir MP3 vermarkten können. Unter anderem sagte er uns: ‘Schaut Euch das Internet an!’‟

Das tat man in Erlangen; die AusgrĂŒndung Opticom verteilte ein MP3-Wiedergabeprogramm fĂŒr Windows-Rechner. Die kostenlose Version spielte nur 20-Sekundenschnipsel, die Vollversion vermarktete man fĂŒr kleines Geld. Die großen Summen, sagt Brandenburg, wollte das Team mit dem Encoder und den Lizenzen fĂŒr Hardwareplayer verdienen. "Das Pech, nicht fĂŒr DAB ausgewĂ€hlt worden zu sein, wurde unser GlĂŒck. Denn die VertrĂ€ge fĂŒr DAB sahen vor, dass die beteiligten Firmen untereinander keine Lizenzen verlangen durften. FĂŒr MP3 galt das nicht.‟

So kostete die Encoderlizenz 250 US-Dollar. Ein australischer Hacker erwarb die Software mit gestohlenen Kreditkartendaten, bastelte fĂŒr den Encoder eine neue BenutzeroberflĂ€che und stellte seine Frankenstein-Software mit dem Vermerk, der Encoder sei nun Freeware und "Thank you, Fraunhofer" ins Netz. Fraunhofer konnte davon aber auch profitieren. "Durch den kostenlos verfĂŒgbaren Encoder stieg die Zahl derjenigen, die unser Format benutzten und uns unterm Strich dennoch Lizenzeinnahmen brachten‟, sagt Brandenburg.

Der in C geschriebene Quellcode des MP3-Encoders hingegen war offiziell frei zugĂ€nglich. Er hatte aber einen Fehler: Es gab Differenzen zwischen dem tatsĂ€chlich realisierten Encoder und der Dokumentation. Der Quellcode wurde auf den realen Encoder optimiert, die Doku bezog sich auf den theoretischen Encoder. Brandenburg: "Uns selbst fiel das erst nach zwei Jahren auf und wir beschlossen, das nicht an die große Glocke zu hĂ€ngen."

Hobbyisten, die sich aus dem Code ihren eigenen MP3-Encoder kompilieren wollten, standen aber dumm da – bis das Lame-Projekt das Problem flickte. Der erste, 1998 erschienene Lame-MP3-Encoder war tatsĂ€chlich nur eine Fehlerkorrektur des Fraunhofer-Codes. Nachdem Fraunhofer sich neuen Projekten zuwandte, bauten die Lame-Entwickler von Grund auf einen eigenen Encoder, der die KlangqualitĂ€t des Originals lĂ€ngst ĂŒbertroffen hat.

Mit dem Aufkommen immer schnellerer InternetzugĂ€nge blieben die MP3-Dateien der Nutzer nicht auf deren Rechnern: Tauschbörsen wie Napster, Kazaa und spĂ€ter Bittorrent fĂŒhrten zum massenhaften illegalen Musikvertrieb. Den Verkauf von MP3-Playern und den ersten musikfĂ€higen Handys, spĂ€ter Smartphones, förderte das – und es war die Firma Apple, die mit iTunes den ersten legalen Netz-Musikladen aufzog. Heutzutage ist der Verkauf von Musik in Dateiform Standard, die CD-AbsĂ€tze seit Jahren rĂŒcklĂ€ufig.

Im Jahr 2020 ist das Lizenzprogramm lĂ€ngst beendet, da auch die letzten von Fraunhofer und Thomson gehaltenen MP3-Patente erloschen sind. Nicht einmal Brandenburg kann aber verbindlich sagen, ob noch irgendein Teil von MP3 durch etwaige andere Patente geschĂŒtzt sein könnte. Er selbst korrigierte im Nachfolgeformat AAC (Advanced Audio Coding) ein Problem, das er als "den einzigen wirklichen Fehler von MP3" bezeichnet: "Bei der Standardisierung haben wir bei der Layerkonstruktion Kompromisse schließen mĂŒssen – durch die verwendete Hybridfilterbank klingen Kastagnetten immer noch schlimm. Es wĂ€re schon damals besser gegangen, wurde aber aus GrĂŒnden der Standardisierungspolitik nicht implementiert.‟

Auch wenn AAC der bessere Codec ist: Wer Wert auf maximale KompatibilitĂ€t legt, nutzt immer noch MP3 – denn wenn ein GerĂ€t ĂŒberhaupt ein datenreduziertes Audioformat wiedergibt, dann ist es mit Sicherheit MP3. Auch Internetradios senden ĂŒberwiegend MP3 – einmal mehr der KompatibilitĂ€t wegen. So halten es auch viele legale Downloadanbieter. Streamingdienste hingegen, die auf Smartphones meist per App spielen, setzten auf AAC, Ogg-Vorbis oder verlustfreie Formate.

Karlheinz Brandenburg, vor 20 Jahren GrĂŒndungsdirektor des Fraunhofer-Instituts fĂŒr Digitale Medientechnologie (IDMT) in Ilmenau, ging dort im Juli 2019 in den Ruhestand. Seit April 2020 ruht auch seine regulĂ€re Professur an der Uni Ilmenau. Und, ja: Brandenburg kann die A-cappella-Version von Suzan Vegas "Tom’s Diner" noch hören, das sich wĂ€hrend der MP3-Entwicklung als schwer zu meisterndes Hörbeispiel bewĂ€hrte. Potenzial fĂŒr noch effizientere Audio-Codecs sieht er nicht. "Ich habe schon vor zehn Jahren gesagt: Das Thema ist jetzt durch.‟

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(dahe [7])


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