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Barrierefreiheit: Stolpersteine bei mobilen Anwendungen ĂŒberwinden, Teil 1

Sergey Yurchenko, Theresa Jordan, Martin Kinting
Barrierefreiheit: Stolpersteine bei mobilen Anwendungen ĂŒberwinden, Teil 1

(Bild: Shutterstock)

Entwickler mobiler Anwendungen mĂŒssen besonders auf den barrierefreien Zugang zu ihren Apps achten. Dabei hilft es, die entscheidenden Herangehensweisen ebenso zu kennen wie potenzielle Hindernisse.

Beim Entwickeln mobiler Anwendungen ist Barrierefreiheit ein wichtiges Thema, weil ein Alltag ohne Smartphone fĂŒr viele Nutzer nicht denkbar ist [1] und sie auf einige mobile Apps angewiesen sind. Unzureichende Optimierung kann dazu fĂŒhren, dass einzelne Funktionen schlecht erreichbar bis unzugĂ€nglich bleiben. Dadurch verschlechtert sich die Benutzererfahrung erheblich. Dabei ist die Nutzerakzeptanz eines Produkts ein wichtiger Indikator [2], der in der Wettbewerbssituation am Softwaremarkt schnell entscheidet, ob Anwender zu zufriedenen Kunden werden oder lieber zu besseren Alternativen der Konkurrenz greifen.

Damit alle Nutzer sich gleich behandelt fĂŒhlen können, existieren Konzepte [3] mit dem Ziel eines weitgehend barrierefreien Zugangs zu allen Lebensbereichen. Bei mobilen Anwendungen ist Barrierefreiheit zwar kein neues Thema, aber es herrscht eine gewisse Unsicherheit bei manchen Entwicklern. Im Folgenden finden sich Antworten auf typische Fragen wie "FĂŒr wen ist Barrierefreiheit primĂ€r gedacht?", "Welche Besonderheiten in Bezug auf Barrierefreiheit hat der mobile Anwendungsfall?" oder "Wo sollen Entwickler anfangen, um ihre Anwendung weitgehend barrierefrei zu gestalten?".

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Barrierefreiheit: Stolpersteine bei mobilen Anwendungen ĂŒberwinden

Die moderne Gesellschaft setzt eine aktive Teilnahme in unterschiedlichen Bereichen voraus, sei es im Gesundheits- und Versicherungswesen, beim Banking, bei der Kommunikation und MobilitĂ€t im Alltag, in Bildung und Politik. Die Gesellschaft ist ebenso heterogen wie die genannten Bereiche: Sie umfasst Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und HintergrĂŒnden, Bildungsgraden und Berufsausrichtungen, Lebenssituationen und PrĂ€ferenzen. Die Vielfalt wird von weiteren Merkmalen körperlicher Natur ergĂ€nzt. Dabei sind physische und psychische Eigenschaften von Menschen zu berĂŒcksichtigen, die bei einzelnen Personen unterschiedlich ausgeprĂ€gt bis eingeschrĂ€nkt sein können. Im letzten Fall spricht man von einer EinschrĂ€nkung oder Behinderung.

Die Menge von EinschrĂ€nkungs- oder Behinderungsarten lĂ€sst sich fĂŒr die Nutzung von Anwendungen auf vier Kategorien aufteilen:

EinschrĂ€nkungs- oder Behinderungsarten sind in temporĂ€r und permanent zu unterteilen. WĂ€hrend eine vorĂŒbergehende Verletzung eine temporĂ€re, motorische EinschrĂ€nkung mit sich bringen kann, verursacht eine altersbedingt auftretende SehschwĂ€che eine dauerhafte BeeintrĂ€chtigung. Bestimmte Ă€ußerliche Bedingungen wie schlechte LichtverhĂ€ltnisse oder eine die Bewegung einschrĂ€nkende Arbeitskleidung können weitere EinschrĂ€nkungen verursachen. Die Beispiele zeigen, dass das sensible Thema alle Menschen im Laufe ihres Lebens mehr oder weniger betrifft [5] oder betreffen wird. In der Praxis bedeuten solche EinschrĂ€nkungen und Hindernisse eine Barriere fĂŒr Menschen.

Da Nutzer mit EinschrĂ€nkungen und Behinderungen ihre mobilen GerĂ€te ĂŒberdurchschnittlich intensiv benutzen [6], ist die Bereitstellung eines barrierefreien Nutzererlebnis von hoher Relevanz. Der mobile Anwendungsfall unterscheidet sich vom Desktop durch einen anderen Nutzungskontext und variierende Ă€ußerliche Bedingungen. Mobile Anwendungen fĂŒhren Funktionen meist schnell und prĂ€zise aus, um konkrete Aufgaben mit minimalem Aufwand seitens des Nutzers zu erledigen. Unterschiedliche Licht- und GerĂ€uschkulissen, Abstand und Betrachtungswinkel zwischen mobilem GerĂ€t und den Augen des Nutzers, Bedienung mit einer oder mit beiden HĂ€nden, Ablenkungs- und Störfaktoren wie Straßenverkehr oder fehlender Netzempfang – viele Faktoren, auf die Entwickler keinen Einfluss haben, können die Nutzung mobiler Anwendungen erschweren und Barrieren begĂŒnstigen.

Barrieren lassen sich allerdings vermeiden, indem man wĂ€hrend der Konzeption und Entwicklung auf potenzielle Ursachen achtet und deren Entstehung verhindert. Zu den hĂ€ufigen Ursachen fĂŒr Barrieren [7], die das Benutzererlebnis negativ beeintrĂ€chtigen können und einigen Nutzergruppen den Zugriff zu mobilen Anwendungen erschweren, gehören:

  1. Wegen wachsender BildschirmgrĂ¶ĂŸen der mobilen GerĂ€te sind die dadurch ebenfalls hĂ€ufig vergrĂ¶ĂŸerten BenutzeroberflĂ€chen nicht ĂŒberall gleich leicht zu erreichen (die sogenannte "The Thumb Zone") – als Folge haben unter anderem Ă€ltere Nutzer Schwierigkeiten mit dem Erreichen einiger Bereiche der BildschirmoberflĂ€che, ohne stĂ€ndig umgreifen zu mĂŒssen.
  2. Interaktive Elemente auf der BenutzeroberflÀche sind zu nah beieinander platziert oder klickbare FlÀchen sind zu klein, wodurch sich Nutzer hÀufiger vertippen oder bestimmte SchaltflÀchen nur schwer auswÀhlen können.
  3. UngenĂŒgende Kontraste wirken auf die Augen ermĂŒdend und können ein Hindernis fĂŒr sehschwache Nutzergruppen darstellen. Zudem leidet dabei die Lesbarkeit in der App stark.
  4. Bei der TextvergrĂ¶ĂŸerung ĂŒber die Systemeinstellung können Elemente verrutschen und fĂŒr Orientierungslosigkeit sorgen. Noch ungĂŒnstiger ist, wenn die Systemeinstellung keine Auswirkung auf die Texte in der App hat.
  5. Beim Navigieren mit Gesten (Schaltersteuerung, Voice Over oder TalkBack) erfolgt die Auswahl in einer ungewĂŒnschten beziehungsweise ungĂŒnstigen Reihenfolge. Bei modalen Views kann es vorkommen, dass die darauf liegenden Elemente nicht auswĂ€hlbar sind und die Navigation weiter auf der darunterliegenden Ebene stattfindet. Solche Modal Views sind umstĂ€ndlich bis unerreichbar.
  6. Die Sprachausgabe versagt hĂ€ufig wegen passender Bezeichnungen der Elemente. Wenn nicht alle Felder auf Sprachausgabe eingestellt sind, lassen sich Unterseiten und Funktionen nicht aufrufen. Fehlende oder nicht eindeutig benannte Beschriftungen von interaktiven Elementen erschweren die Navigation fĂŒr blinde oder sehbeeintrĂ€chtigte Menschen, wenn beispielsweise ein Button ein Piktogramm enthĂ€lt, das mit der Beschriftung "pictures/buttons/123456.jpeg" hinterlegt ist. Auch fehlende Formularbeschriftungen blockieren die Nutzung. Auf dem Desktop per Mouseover erreichbare Inhalte werden vom Screenreader hĂ€ufig nicht erkannt und bleiben blinden Nutzern verborgen. Wenn sich im MenĂŒ durch BerĂŒhren eines MenĂŒpunkts selbststĂ€ndig eine neue Seite öffnet, beginnt der Screenreader die neue Seite, anstatt die MenĂŒpunkte vorzulesen. Pop-ups und Werbung stören die Sprachausgabe oder stoppen sie sogar: Ein Werbebanner inmitten eines Texts wird nicht nur als nervig empfunden, sondern beendet hĂ€ufig das Vorlesen komplett. Captchas sind unĂŒberwindbar und verhindern sogar mit Audio hĂ€ufig ein Weiterkommen.
  7. Die Umsetzung von Sprachbefehlen ist unter anderem die Kombination aus deutschen Befehlen und englischen Titeln oder bei Eigennamen fehlerhaft.
  8. Eine zu hohe KomplexitÀt von Informationen und Funktionen blockiert VerstÀndnis und Bedienbarkeit.
  9. Es mangelt an Fehlertoleranz: wie der zusĂ€tzlichen Abfrage einer BestĂ€tigung vor wichtigen Aktionen. Oft ist nicht möglich, Aktionen rĂŒckgĂ€ngig zu machen.
  10. Fehlen der kontextbezogenen Hilfe wie der ErlĂ€uterung von Fehlern können zum FehlverstĂ€ndnis von Aufforderungen fĂŒhren.
  11. Ein schwieriger Satzbau, zweideutige Begriffe oder Fachsprache sorgen fĂŒr MissverstĂ€ndnisse und Unsicherheit wĂ€hrend der Nutzung.
  12. Hilfestellung ĂŒber alternative KanĂ€le.

Jede Kategorie hat ihre spezifischen Anforderungen an mobile Anwendungen und Software im Allgemeinen. Konkret sind folgende Kriterien je nach Nutzergruppe zu erfĂŒllen:

Kriterien Kategorien
SehbeeintrÀchtigung Blindheit Motorische BeeintrÀchtigung Gehörschaden
1 The Thumb Zone +
2 AbstĂ€nde und ElementgrĂ¶ĂŸe + +
3 Kontrast +
4 SchriftvergrĂ¶ĂŸerung +
5 Navigation (z.B. TalkBack, Voice Over, Schaltersteuerung):
- Wechsel zwischen Inhaltsblöcken, Überschriften, Elementen, Wörtern, Zeichen
- Hidden Navigation
- Modal Views und vielschichtige OberflÀchen korrekt auswÀhlen
+ +
6 Sprachausgabe (Benennung von Überschriften, Buttons, Eingabefeldern durch Labels, Hinweistexten, Grafiken, Fehlermeldungen) + +
7 Spracheingabe + +
8 KomplexitÀt + +
9 Fehlertoleranz + + +
10 KontextabhÀngige Hilfen +
11 Leichte und einfache Sprache +
12 Alternative Kontaktmöglichkeiten + +

Die Beispiele zeigen, dass Ursachen fĂŒr Barrieren auf den unterschiedlichen Anwendungsebenen Architektur, Inhalt, Konzept, Design, Implementierung liegen können. Barrierefreiheit ist ein Thema, das Teamarbeit erfordert: Neben Konzeptions- und Designprozessen, bei denen Nutzer und ihre BedĂŒrfnisse im Mittelpunkt stehen sollen, ist die qualitative Implementierung durch das Entwicklungsteam von entscheidender Bedeutung. Letztlich stellt sich die Frage, ob der Aufwand sich lohnt und ob sich die Anpassungen fĂŒr Unternehmen auszahlen.

Neben dem Erreichen von Unternehmenszielen und Zufriedenheit der Nutzer sind die damit verbundenen Kosten ein weiterer entscheidender Punkt wĂ€hrend der Softwareentwicklung. Allerdings ist der erreichbare Nutzen weit höher und der Aufwand meistens geringer als gedacht. Das liegt daran, dass die mobilen Betriebssysteme iOS [8] und Android [9] standardmĂ€ĂŸig viele passende Funktionen an Bord haben.

Mobile GerĂ€te sind fĂŒr ihre Nutzer zu alltĂ€glichen Begleitern geworden und dienen ihnen in jeder erdenklichen Situation als UnterstĂŒtzung und Hilfe. Dank barrierefreien Anwendungen lassen sich mehr Menschen einbeziehen, damit jeder am Gesellschaftsleben und der Digitalisierung teilnehmen kann. Davon profitieren letztlich Menschen mit und ohne EinschrĂ€nkungen.

Entwickler sollten besonders bei mobilen Apps darauf achten, dass alle Menschen sie uneingeschrĂ€nkt benutzen können. Dabei mĂŒssen sie unterschiedliche EinschrĂ€nkungen im Blick haben, die einzelne Benutzergruppen betreffen. Sie helfen damit nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem Erfolg der App.

Damit endet der erste Teil des zweiteiligen Artikels. Die Fortsetzung wird konkrete Maßnahmen vorstellen, wie Entwickler ihre Anwendungen anpassen und optimieren können, um sie barrierefrei zu gestalten.

Sergey Yurchenko
arbeitet bei adesso mobile solutions als UX-Designer. Neben seiner TÀtigkeit in der Konzeption und Designentwicklung berÀt er in Softwareprojekten (Mobile und Web) zu den Themen Usability und Barrierefreiheit.

Theresa Jordan
arbeitet bei adesso mobile solutions als Senior UI-Designerin. Neben ihrer TĂ€tigkeit in der Entwicklung von Gestaltungskonzepten und der Erstellung von User Interface Designs berĂ€t sie in Softwareprojekten (Mobile und Web) zu den Themen Usability und Barrierefreiheit. FĂŒr ihre herausragende Design- und Kreativleistung erhielt sie zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, zuletzt den Red Dot Award.

Martin Kinting
ist Niederlassungsleiter der adesso mobile solutions am Standort Berlin und Senior Sales Manager unter anderem in den Bereichen Banking und Life Science.
(rme [10])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4476673

Links in diesem Artikel:
[1] https://www2.deloitte.com/de/de/pages/technology-media-and-telecommunications/articles/smartphone-nutzung-2017.html
[2] https://www.usabilityblog.de/akzeptanz-nutzung-warum-viele-apps-direkt-wieder-vergessen-werden-und-warum-laengsschnittstudien-aufschlussreich-sind/
[3] https://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/eu-richtlinie-2016-2102/
[4] https://heise.de/developer/artikel/Barrierefreiheit-Stolpersteine-bei-mobilen-Anwendungen-ueberwinden-Teil-2-4500303.html?seite=all
[5] https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsGiD/2015/kurzfassung_gesundheit_in_deutschland.pdf?__blob=publicationFile
[6] https://www.einfach-fuer-alle.de/studie/
[7] https://www.adesso-mobile.de/wp-content/uploads/2018/11/mobil_mit_barrieren.pdf
[8] https://www.apple.com/de/accessibility/iphone/
[9] https://support.google.com/accessibility/android/answer/6006564?hl=de
[10] mailto:rme@ix.de