Den FĂ€lschern auf der Online-Spur
Auf Auktionsplattformen werden zahlreiche FĂ€lschungen angeboten. Es gibt allerdings eine Reihe Kriterien, um solche zu erkennen. Mehrere Unternehmen haben dies als MarktlĂŒcke entdeckt.
Das Problem ist fast so alt wie der Internethandel selbst: Auf Auktionsplattformen werden zahlreiche FĂ€lschungen, Graumarktprodukte und Hehlerware angeboten. Es gibt allerdings eine Reihe Kriterien, um solche zu erkennen. Mehrere Unternehmen haben dies als MarktlĂŒcke entdeckt und bieten Programme an, die unseriöse Angebote herausfiltern sollen.
Es roch nicht gut. Vom 5. Oktober bis zum 9. November 2005 beobachtete die Studentin der Betriebswirtschaftslehre Doreen Ulbrich fĂŒr ihre Diplomarbeit auf der Internet-Auktionsplattform eBay.de genau 248 Auktionen, auf denen das Eau de Toilette "Davidoff Cool Water Deep" in 100-Milliliter-Flaschen angeboten wurde. Die meisten Angebote standen mit Bildern im Netz. Diese Bilder nahm Frau Ulbrich genau unter die Lupe. Das Ergebnis der Untersuchung: Zahlreiche angebotene Flaschen sahen deutlich anders aus als auf jenen Bildern, die etwa Davidoff selbst ins Netz stellt. Mal war der Glasboden nicht ebenmĂ€Ăig, sondern zu stark gewölbt, manchmal das Glas so dĂŒnn, dass es leicht brechen konnte, bei wieder anderen war der SprĂŒhschlauch zu lang.
Als nĂ€chstes ersteigerte Frau Ulbrich ein paar Flaschen. SchlieĂlich schrieb sie nach dem Ende einiger Auktionen die KĂ€ufer an und erkundigte sich nach der Seriennummer ihres Duftwassers. Das Ergebnis dieser Detektivarbeit: Insgesamt konnte Frau Ulbrich nur sechs von den 248 Auktionen nicht zuordnen, 26-mal wurde das echte Davidoff angeboten, und 216-mal standen FĂ€lschungen im Netz: 87 Prozent. Interessant war auch die Aufteilung auf die VerkĂ€ufer: 30 hatten Auktionen gestartet. 27 von ihnen boten nur wenige Flaschen an, die teils echt, teils falsch waren. Vier dagegen waren "groĂe Fische", auf sie verteilten sich 158 Auktionen, ausschlieĂlich mit FĂ€lschungen. Skurrilerweise sollten gerade diese VerkĂ€ufer am Schluss zu 98 bis 100 Prozent positive Bewertungen fĂŒr sich verbuchen.
FĂŒr Frau Ulbrich war die Detektivarbeit ĂŒberaus mĂŒhselig gewesen, sie hatte die 248 Auktionen mehr oder minder in "Handarbeit" auswerten mĂŒssen. Dies haben mehrere Softwarefirmen als MarktlĂŒcke entdeckt: Sie bieten Programme an, die einen GroĂteil dieser Arbeit automatisieren. Sie haben vor allem zwei Zielgruppen. Zur einen gehören Unternehmen, deren Produkte besonders hĂ€ufig gestohlen oder als Graumarktware reimportiert werden, also etwa Hersteller von Consumer Electronics. Diese Unternehmen wollen Diebe und Hehler identifizieren â und eventuell entlassen, wenn etwa die eigenen Mitarbeiter geklaut haben. Zur zweiten Zielgruppe gehören Firmen, deren Produkte besonders hĂ€ufig gefĂ€lscht werden, zum Beispiel Parfum- oder Sportartikelhersteller. Sie wollen die FĂ€lschungen vom Markt verdrĂ€ngen.
Ein Programm stammt von rola Security Solutions [1] aus Oberhausen, es heiĂt rsCASE und wird vor allem von Ermittlungsbehörden genutzt [2]. Die Berliner Tochterfirma rola Business Solutions GmbH vertreibt das Programm fĂŒr Unternehmen, die auf Internet-Auktionsplattformen wie eBay nach FĂ€lschungen, Graumarkt- und Hehlerware suchen. Ein anderes Programm stammt von dem MĂŒnchner Unternehmen P4M. rsCASE und wie die Software von P4M funktionieren nach einem Ă€hnlichen Prinzip: Sie scannen die Angebote und suchen nach Parametern fĂŒr Diebesgut, Graumarktware und FĂ€lschungen, auĂerdem nach Verbindungen zwischen unterschiedlichen Auktionen.
rsCASE etwa durchsucht Auktionsplattformen zweigleisig. Auf der einen Seite filtert die Software typische Merkmale fĂŒr unseriöse Angebote heraus, bei gefĂ€lschten Parfums sind das Stichwörter wie "Duftabweichung", "fehlerhafte Produktion" oder "Abweichungen an der Flasche", auĂerdem Einstellpreise ab einem Euro bei 24 Stunden Auktionslaufzeit. Auf der anderen Seite scannt das Programm die Online-Plattform nach Verbindungen zwischen mehreren VerkĂ€ufern wie etwa identische E-Mail-Adressen oder Telefonnummern â ein groĂer FĂ€lscher oder Hehler fĂ€llt mehr auf als viele kleine, darum treten unseriöse VerkĂ€ufer meist unter mehreren Namen gleichzeitig auf, erklĂ€rt GeschĂ€ftsfĂŒhrer Robert Eck.
Auch das Programm von P4M [3] sucht einerseits nach verrĂ€terischen AusdrĂŒcken wie "Duft Ă€hnlich". Ferner findet das Programm verdĂ€chtige ZusammenhĂ€nge bei Standort, Bewertung und Preis, wenn etwa ein HĂ€ndler aus Thailand ein Hemd fĂŒr 15 Euro liefern wolle oder ein Anbieter in den vorangegangenen beiden Monaten zwei schlechte Bewertungen erhalten habe, zĂ€hlt GeschĂ€ftsfĂŒhrer Hubert Neuner auf.
Neben diesem Angebots-Scan verfĂŒgen rola und P4M ĂŒber ein Application Programming Interface (API) â eine Schnittstelle zur eBay-Datenbank. Ăber diese Schnittstelle können sie die gesamte eBay-Historie eines VerkĂ€ufers rĂŒckverfolgen: Auktionen, UmsĂ€tze, Zahl der VerkĂ€ufe, die genauen Artikelbezeichnungen, auĂerdem die Bankverbindung, sofern diese bei den Angeboten mit angegeben ist. Weder rola-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Robert Eck noch P4M-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Hubert Neuner halten dies fĂŒr datenschutzrechtlich bedenklich, schlieĂlich handele es sich bei allen ĂŒber die API-Schnittstelle verfĂŒgbaren Daten um Angaben, die zumindest einmal schon öffentlich gewesen seien, nĂ€mlich wĂ€hrend die jeweiligen Auktionen gelaufen seien.
In noch einem dritten Punkt arbeiten die Unternehmen Ă€hnlich: Beide kaufen ab und zu auf Online-MarktplĂ€tzen ein. In der Zielsetzung dieser EinkĂ€ufe unterscheiden sie sich allerdings. Laut Robert Eck identifiziert rsCASE die BetrĂŒger schon mit 100-prozentiger Sicherheit, KĂ€ufe seien daher bloĂ "BeweiskĂ€ufe" fĂŒr den Kunden. P4M dagegen nutze "TestkĂ€ufe" fĂŒr eine letzte ĂberprĂŒfung, erklĂ€rt Hubert Neuner, auĂerdem erfahre man hierbei nicht nur in jedem Fall die Bankverbindung, sondern auch die Anbieter- sowie die Versenderadressen: Manche kriminellen Organisationen wĂŒrden schlieĂlich auch harmlose Hausfrauen mit dem Versenden beauftragen.
Weitere Unterschiede zwischen den beiden Programmen finden sich vor allem bei Anwendung und Vertrieb: P4M bietet laut Neuner seinen etwa 70 Kunden ein Lease-Modell an, lĂ€sst also sĂ€mtliche Untersuchungen ĂŒber den eigenen Server laufen. Diese Detektivarbeit erledigten 65 Mitarbeiter aus dem Management sowie "Internet-Agenten" mit TelearbeitsplĂ€tzen, ferner etwa 120 TestkĂ€ufer, die auf Provisionsbasis arbeiteten. rola dagegen vergibt die Software auch an Lizenznehmer. Nach Angaben von Roland Eck haben im Jahr 2007 etwa 40 Unternehmen mit der Software rsCASE selbststĂ€ndig auf Internet-Auktionsplattformen nach FĂ€lschungen, Hehlerware und Graumarktprodukten gesucht, und fĂŒr weitere 30 Unternehmen habe rola das Monitoring durchgefĂŒhrt.
Viel Arbeit fĂŒr die Internet-Detektive. Dabei fahndet auch eBay selbst nach FĂ€lschungen und Diebesgut, sagt Maike Fuest, Pressesprecherin von eBay Deutschland: Erstens sei ein mehr als 100-köpfiges Team im Europarc Dreilinden bei Berlin allein fĂŒr die Sicherheit zustĂ€ndig. Zweitens nutze auch eBay eine selbst entwickelte Sicherheitssoftware, um unseriöse Auktionen zu identifizieren. Ăber diese wolle man allerdings nichts Genaues sagen, um BetrĂŒger nicht schlauer zu machen. Drittens biete das Unternehmen ein "verifiziertes Rechtinhaber-Programm" (VeRI) an, an dem etwa Hersteller von Markenware kostenlos teilnehmen könnten. Dies tĂ€ten inzwischen weltweit ĂŒber 18.000, in Deutschland mehrere 100, so Fuest.
Bei VeRI â an dem auch rola und P4M fĂŒr ihre Kunden teilnehmen â versichert etwa ein Markenartikelhersteller an Eides statt, dass er die Markenrechte hat. Dann weist eBay ihm eine E-Mail-Adresse zu, bei der er VerstöĂe gegen seine Rechte melden kann, wenn er beispielsweise eine FĂ€lschung seines Artikels auf der Auktionsplattform entdeckt. eBay kann daraufhin die Auktion stoppen. Dann teilt das Auktionshaus seine Mailadresse dem Anbieter und den Bietern mit, so dass diese sich mit ihm in Verbindung setzen können. Die dafĂŒr eingesetzte Software ist vollkommen automatisiert. Vierte SicherheitsmaĂnahme von eBay: Die Plattform arbeitet mit Strafverfolgungsbehörden zusammen. Ein Angebot wird also beendet, wenn die Polizei eBay darĂŒber informiert, dass mit gestohlenen GegenstĂ€nde gehandelt wird.
Trotz dieser BemĂŒhungen des Auktionshauses haben P4M und rola ihr Auskommen. Wie viele Waren auf Internet-MarktplĂ€tzen gefĂ€lscht, gestohlen oder verschoben sind, mag Neuner nicht schĂ€tzen. Eck wird deutlich: "FĂ€lscher werden durch eBay nur unzureichend bekĂ€mpft", sagt er, man habe im Jahr 2006 die Kategorie Parfum beobachtet, im Schnitt habe es sich bei etwa 20 Prozent der Angebote um FĂ€lschungen gehandelt. Vor allem aber hĂ€tte eBay 61 Prozent von diesen selber erkennen mĂŒssen, da die FĂ€lscher sie mit Codes wie "Duftabweichung" oder "Kratzer am Flacon" als solche gekennzeichnet hĂ€tten. Wenn man alle Waren auf eBay betrachte, schĂ€tzt Eck, dĂŒrfe es sich bei 20 Prozent um Hehlerware oder FĂ€lschungen handeln, und etwa ein bis fĂŒnf Prozent der VerkĂ€ufer böten derlei Ware an.
Diese Zahlen bestĂ€tigt eBay nicht: rola sei bei seinen bisherigen öffentlichen Aussagen zu eBays Umgang mit FĂ€lschungen "sehr einseitig" und betreibe "viel Stimmungsmache", sagt Maike Fuest. Immerhin, wer sich die MĂŒhe macht, mit entsprechender Software FĂ€lscher und Hehler zu finden â manche Unternehmen arbeiten auch mit eigenen Programmen â dĂŒrfte gute Chancen haben, die meisten zu finden. Ihre Trefferquote sei sehr hoch, sagen Eck ebenso wie Neuner.
Nur eines hat man bei P4M scheinbar nicht entdeckt: In der Hauszeitschrift, dem "Internet Agent" vom September 2006, wird Frank Huber interviewt. Er ist Professor und hat den Lehrstuhl Marketing I an der UniversitĂ€t Mainz inne. Thema des Interviews: Eine Studie zu ProduktfĂ€lschungen auf Online-Auktionsplattformen. In der Tat vertreibt die UniversitĂ€t Mainz eine Studie [4] mit dem Titel "Marken- und Produktpiraterie aufdecken und bekĂ€mpfen â am Beispiel von Internetauktionen eines Markenparfums". Es geht um â Davidoff Cool Water Deep. Vier Autoren werden genannt, an erster Stelle Professor Huber. Doreen Ulbrich steht an letzter Stelle. Und sie sagt, dass es sich bei der Studie um eine gekĂŒrzte Fassung ihrer Diplomarbeit handele und dass sie von der Veröffentlichung nichts gewusst habe. Laut Professor Huber seien zwar einige kleinere Fehler entfernt worden, aber dass die Studie von Ulbrich stammt und dass sie nicht gefragt wurde, hat er trotz Nachfragen nicht bestritten. (anw [5])
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https://www.heise.de/-301383
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.rola-solutions.de
[2] https://www.heise.de/hintergrund/IT-Systeme-der-Polizei-Fahndung-Ermittlung-Analyse-301375.html
[3] http://www.p4m.de
[4] http://www.marketing-i.bwl.uni-mainz.de/cmpp/shop/product_info.php?products_id=38
[5] mailto:anw@heise.de
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