"Die Iris-Erkennung macht mehr Probleme, als wir dachten"
Der US-Computerwissenschaftler Kevin Bowyer hat nachgewiesen, dass das biometrische Verfahren der Iris-Erkennung mehr Fehler aufweist, als bislang angenommen.
Der US-Computerwissenschaftler Kevin Bowyer hat nachgewiesen, dass das biometrische Verfahren der Iris-Erkennung mehr Fehler aufweist, als bislang angenommen.
Bowyer leitet das Institut fĂŒr Informatik an der University of Notre Dame in den USA.
Technology Review: Herr Bowyer, Sie und Ihre Kollegen haben herausgefunden, dass die als sicher geltende Iris-Erkennung eine ziemliche SchwÀche hat. Worin besteht diese?
Kevin Bowyer: Bislang ging die Sicherheits-Community davon aus, dass sich die Iris nicht verÀndert und es bei diesem biometrischen Verfahren keinen sogenannten Vorlagen-Alterungseffekt gibt. Wenn man also einmal ein Irisbild als Vorlage abgegeben hatte, sollte die Erkennung zuverlÀssig sein. Unsere Experimente zeigen, dass das nicht stimmt.
TR: Was bedeutet das?
Bowyer: Zwei Bilder derselben Iris, die im Abstand von einem Jahr aufgenommen wurden, produzieren mehr Erkennungsfehler als zwei, die nur einen Monat auseinanderliegen. Und die Fehlerrate steigt mit den Jahren weiter an, nach zwei Jahren wird eine Iris noch hĂ€ufiger nicht auf Anhieb erkannt â und so weiter. Anfangs stören die sporadischen Fehler noch nicht so sehr, weil ein zweiter Scan zumeist funktioniert. Mit der Zeit ist es aber nervig, weil die Scans immer öfter wiederholt werden mĂŒssen.
(Bild:Â LG )
TR: Zu welchen Iris-VerÀnderungen kommt es, und nach welchem Zeitraum wird es kritisch?
Bowyer: Bekannt ist, dass sich etwa die PupillengröĂe mit dem Alter verkleinert. Welche Teile der Iris sich noch verĂ€ndern, muss genauer erforscht werden â ebenso wie der genaue Zeitraum und ob sich der Prozess bei bestimmten Menschen beschleunigt.
TR: Werden Iris-Scanner irgendwann unbrauchbar?
Bowyer: GĂ€nzlich versagen sie wohl nie, doch ab einer gewissen Rate der Erkennungsfehler muss man etwas tun.
TR: Wie lÀsst sich das Problem lösen?
Bowyer: Man muss ĂŒber die Jahre regelmĂ€Ăig neue Iris-Vorlagen erstellen. Die Sache wird also nur dann zu einem groĂen Problem, wenn man nicht anerkennt, dass es auftritt. Viele Experten hat die Erkenntnis zunĂ€chst ĂŒberrascht.
(Bild:Â Kevin Bowyer / University of Notre Dame)
TR: Iris-Scanner sind schon viele Jahre auf dem Markt. Warum wird das Problem erst jetzt erkannt?
Bowyer: Eine ErklĂ€rung könnte sein, dass niemand geglaubt hat, dass es einen solchen Alterungseffekt gibt. Deshalb hat sich das auch niemand nĂ€her angeschaut. AuĂerdem fehlten den Forschergruppen lange Zeit genĂŒgend Bilder, die ĂŒber mehrere Jahre aufgenommen wurden. Der Effekt ist auĂerdem so klein, dass es eine lĂ€ngere Zeit dauert, bis er wirklich Probleme macht.
TR: Wie reagiert die Sicherheitsindustrie auf Ihre Studie? Wird an dem Problem bereits gearbeitet?
Bowyer: Es gab eine Reihe von Reaktionen. Bei unserem ersten Paper zum Thema hieĂ es von einer Stelle, dass unsere Ergebnisse falsch sein mĂŒssten, weil ja "jeder wisse", dass es den Alterungseffekt bei der Iris-Biometrie eben nicht gibt. Wir mussten dann darlegen, dass es zuvor eben keine Studie gab, die das belegte, was angeblich "jeder weiĂ".
Nachdem wir uns mehr mit dem Thema beschĂ€ftigt haben und eine andere Forschergruppe eine Studie durchfĂŒhrte, die den Effekt ebenfalls nachweisen konnte, wurden die gegenlĂ€ufigen Behauptungen schon schwerer. Mittlerweile haben mehrere Organisationen eine Kopie unseres Datenmaterials angefordert, damit sie es fĂŒr ihre eigene Forschung einsetzen können. Ziel wird dann die Entwicklung von Algorithmen sein, die resistenter gegen VerĂ€nderungen der Iris im Alter sind.
(Bild:Â GRUS IRIS TOOL)
TR: Iris-Profile sind nicht die einzige Möglichkeit, Menschen biometrisch zu identifizieren. Könnte es Ă€hnliche Alterungsprobleme bei anderen Verfahren geben, wie beispielsweise bei FingerabdrĂŒcken? Gibt es alternative Verfahren, bei denen der Effekt nicht auftritt?
Bowyer: Meines Wissens nach weiĂ man ĂŒber den Alterungseffekt bei Fingerabdruckverfahren noch weniger als bei der Iris-Erkennung. Ich habe einige Kollegen befragt, die im Bereich der Fingerabdruck-Analyse forschen, ob sie eine Studie kennen, die diese Problematik beschreibt - so wie wir dies nun bei der Iris getan haben. Bislang konnten sie mir noch keine Referenzen nennen. Entsprechend denke ich, dass die Fingerabdruck-Erkennung der Iris-Technologie hinterherhinkt.
Insgesamt halte ich es aber fĂŒr eine normale Situation in der Biometrie, dass Parameter wie das Gesicht, der Fingerabdruck oder die Iris mit der Zeit unter Alterungseffekten leiden. Gut gestaltete Anwendungen, die fĂŒr einen langen Zeitraum im Einsatz sein sollen, mĂŒssen dies einfach mit einberechnen. (bsc [1])
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