Die Rolle der IT im Kampf gegen KriminalitÀt
Unter ihrem ehemaligen Chef JĂŒrgen Storbeck entstand bei Europol deren spezifische IT-Systematik mit einem Datenbanksystem aus Arbeitsdateien zu Analysezwecken. Im GesprĂ€ch mit heise online erlĂ€utert Storbeck die Entstehungsgeschichte.
Unter ihrem ehemaligen Chef JĂŒrgen Storbeck entstand bei Europol deren spezifische IT-Systematik mit einem Datenbanksystem aus Arbeitsdateien zu Analysezwecken (Analysis Work Files, AWF [1]): Sie bildeten den Kern der Arbeit und wurden oft als "HerzstĂŒck" Europols bezeichnet. Eine AWF ist eine Datei zu einem bestimmten KriminalitĂ€tsgebiet oder einer Personengruppe, zu denen Europol den EU-Mitgliedstaaten oder auch assoziierten Drittstaaten eine operationale UnterstĂŒtzung bieten will.
Ein AWF enthĂ€lt Angaben zu Personen, Fakten sowie Recherche- und Analyseergebnisse. AWFs sind das erste und einzige derartige legale Werkzeug auf europĂ€ischer Ebene. Mit der Zeit entstanden gut 20 unterschiedliche AWFs zu verschiedenen Themen. Inzwischen hat Europol seine IT-Systematik umgebaut [2], die AWFs heiĂen inzwischen "Focal Points". Storbeck schildert im GesprĂ€ch mit heise online die Entstehungsgeschichte und welche Rolle dabei die "Operation Monitor" gegen Rockergruppen spielte.
heise online: Wie kam es, dass die entstehende EuropÀische Polizeiorganisation Europol ein AWF ausgerechnet zum Thema RockerkriminalitÀt aufbaute?
JĂŒrgen Storbeck: ZunĂ€chst haben wir uns bei Europol auf den Informationsaustausch und die Weitergabe von Informationen aus verschiedensten nationalen und internationalen Quellen spezialisiert. Dann haben wir relativ schnell auch Analytiker eingestellt. Das waren schon mit die ersten Rekrutierungen.
Wann war das?
Das war 1994. Wir hatten einerseits zwei operative Analytiker, die aus den vielen Informationen Hinweise fĂŒr Verhalten oder AktivitĂ€ten von kriminellen Organisationen herausfiltern sollten und andererseits strategische Analytiker fĂŒr Lageberichte, Bedrohungs- und Risikoanalysen. Die vier ersten Analytiker waren zwei EnglĂ€nder und zwei NiederlĂ€nder. Mit ihnen, Ermittlern und Juristen war dann zu organisieren, wie Informationen in Dateien eingespeichert, bearbeitet und weitergeleitet werden: Wer Zugriff haben, wer einspeichern, wer bearbeiten, wer davon profitieren soll und wie ein in sich gesichertes Umfeld geschaffen wird. Da habe ich mich persönlich mit eingebracht.
Informationsspeicher
In rudimentÀrer Form gab es so etwas schon auf dem Markt, zum Beispiel bei den EnglÀndern, interessanterweise auch bei Geheimdiensten in DÀnemark, Schweden und in den Niederlanden. Aber nicht in dieser ausgefeilten Form, insbesondere nicht mit diesem gesamten Hintergrund von Datensicherheit und Datenschutz.
Wie war denn das bei der Operation Monitor?
Der AWF Monitor war einer der ersten, vielleicht sogar die erste Datei, und auf jeden Fall von Anfang an eine sehr bedeutende.
Warum?
Weil bereits fĂŒr bestimmte eingegrenzte KriminalitĂ€tsbereiche wie zum Beispiel fĂŒr gröĂere Rauschgiftorganisationen und teilweise auch fĂŒr terroristische Organisationen schon national starke Dateien existierten, vergleichbar mit den Arbeitsdateien, aber kaum kriminalitĂ€tsĂŒbergreifend. Gerade hinsichtlich der Rocker war das im wesentlichen noch Flickwerk. Das galt so auch fĂŒr Deutschland, das durch RockerkriminalitĂ€t ja sehr stark betroffen war.
Wie kam es dann zur Arbeitsdatei?
Der Vorschlag kam von Spezialisten der betroffenen LĂ€nder, vor allem den Skandinaviern. Die hatten groĂe Ermittlungsprobleme in der Zeit. Auch wir â das heiĂt Deutschland â hatten gröĂere Rockerverfahren, im Ruhrgebiet, Schwerpunkt Dortmund, und teilweise in DĂŒsseldorf. Das Bundeskriminalamt hat damals auch gegen Rocker ermittelt, zum Beispiel gegen MC Gremium. Der groĂe Vorteil fĂŒr uns war, dass es eine InformationsfĂŒlle und nationale Dateien gab, die wir erstmals international zusammenfĂŒgen konnten. Und so bekamen wir innerhalb kĂŒrzester Zeit eine fĂŒr europĂ€ische VerhĂ€ltnisse groĂe Analysedatei. Die wurde spĂ€ter auch von Kanada oder den USA fĂŒr die dortigen Verfahren genutzt.
Rocker im Visier
Warum ausgerechnet Rocker? â Sie hatten ja schon einiges zu Terroristen, und auch die Arbeitsdatei zum Thema GeldwĂ€sche ist deutlich gröĂer, oder?
Ja, heutzutage. Aber das muss man auch historisch sehen. Von Mitte der 90er bis 2001 war Europa international durch Terrorismus weniger betroffen. Die GeldwĂ€schedatei war dagegen interessant, weil sie BezĂŒge zu unterschiedlichen KriminalitĂ€tsfeldern hatte und sich aus den verschiedensten Einzelverfahren speiste. So haben wir ein groĂes Verfahren gegen Menschenhandel unterstĂŒtzt, bei dem osteuropĂ€ische Prostituierte ĂŒber verschiedene Transitstaaten nach Italien verschoben und verkauft wurden. An den Ermittlungen waren Ăsterreich, Italien und noch einige andere Staaten beteiligt. Aus dieser Datei waren natĂŒrlich auch viele GeldwĂ€scheaktivitĂ€ten zu vermelden, die dann teilweise fĂŒr andere Ermittlungszwecke mit genutzt werden konnten. Denn diese GeldwĂ€scher, zum Beispiel eine irische Gruppierung, haben fĂŒr verschiedene kriminelle Organisationen gearbeitet; fĂŒr Drogenhandel und Menschenhandel. Deshalb wurde die Datei natĂŒrlich immer gröĂer, weil die Daten aus verschiedenen Bereichen kamen.
Europol hat die Operation Monitor ja schon sehr frĂŒh beschlossen, schon 1996. Auf wessen Initiative?
Schweden und DĂ€nemark, dann hat Finnland das gleich mit unterstĂŒtzt.
Waren Sie damals bei dem ersten Treffen dabei?
Damals war das alles Chefsache. Das Treffen hatte bei uns stattgefunden. Die Europol-Kooperation ist so organisiert, dass es als Kunden oder Partner zu Europol die nationalen Einheiten gibt, also die nationalen Dienststellen. Deren Chefs, die Heads of National Unit (HENUs) haben sich alle zwei Monate bei Europol getroffen und diskutiert, was wichtig ist, wo Bedrohungen sind und was gemacht werden muss.
Das Projekt Monitor ergab sich aus dem stĂ€ndigen Informationsaustausch, der ĂŒber uns lief. Aber eben auch, weil die skandinavischen HENUs sagten, sie hĂ€tten ein groĂes Problem mit Rockern, denn sie wĂŒrden immer radikaler. Dabei hĂ€tten sie sogar Kriegswaffen eingesetzt. Zu der Zeit hatten dagegen die Spanier, Franzosen, Italiener gesagt, dass sie ĂŒberhaupt kein Problem mit Rockern haben. Die EnglĂ€nder meinten, sie hĂ€tten ein gewisses Problem. Und bei den NiederlĂ€ndern hatten Rocker schon fast eine soziale Stellung erreicht, der Chef der Hells Angels war damals zum Beispiel mehrfach in Talkshows eingeladen.
Es war ein sehr unterschiedliches Bild. Wir wollten dann die Bedrohung analysieren und ErmittlungsansÀtze zu gewinnen, und da haben wir Ende 1996 diesen AWF dargestellt.
Wissen ist Macht
Die Schwierigkeit war von Anfang an, dafĂŒr lage- und ermittlungsrelevante wichtige Daten zu bekommen. Nationale Dienststellen haben sich aus verschiedenen GrĂŒnden hĂ€ufig geweigert â nicht offiziell, aber de facto â, wichtige Informationen zuzuliefern. Wir mussten mit solchen GroĂverfahren auch Vertrauen erwecken.
Warum?
Dies ist ein PhĂ€nomen, das haben Sie bei der Kriminalpolizei und bei anderen Diensten auch immer wieder: Wissen ist Macht. Da gab es ungeheure Vorbehalte, Informationen an andere Dienststellen und gar internationale Organisationen abzugeben, die heute noch in gewisser Weise bestehen; aber dadurch, dass sich Europol und das Instrument der AWF so bewĂ€hrt haben, wurden sie in groĂem MaĂe abgebaut.
Auch deshalb war das fĂŒr uns sehr wichtig, dass wir ein sehr geschĂŒtztes Umfeld fĂŒr die Behandlung von Informationen, von Daten, hatten. Und wir mussten die Garantie geben, dass wir keine Daten ohne Genehmigung an Dritte herausgeben.
Es wurden ja dann ungefÀhr 20 AWF erstellt?
Am Anfang hatten wir vier, es wurden dann mehr als 20. Ein AWF heiĂt nicht, dass damit ein KriminalitĂ€tsbereich voll abgedeckt wird. Er zielt normalerweise sehr stark auf eine Gruppierung oder auf ein, zwei oder drei nationale GroĂverfahren, die irgendwie miteinander verknĂŒpft sind.
Ein rechtlich und fachlich interessantes Problem war die Frage, wie man die Information aus AWF in eine Datei bekommt, die auch fĂŒr andere Zwecke genutzt werden kann. Beispiel GeldwĂ€sche: Wenn das GeldwĂ€scheverfahren zu Ende ist, dann wird der AWF geschlossen. Ich hatte eine irische Gruppierung erwĂ€hnt, zu dieser gehörten mindestens sechzig bis hundert verschiedene Einzelkontakte zu anderen Gruppierungen. Was macht man mit den Informationen ĂŒber diese Kontakte, die fĂŒr das Hauptverfahren nicht mehr relevant waren? Man kann nicht ausermitteln. Irgendwann ist Schluss, da gibt es Kompetenzprobleme, aber es gibt auch rechtliche Probleme: Man kann nicht einfach weiter ermitteln. Und dann muss man sich bemĂŒhen, dass dieses Wissen zu anderen kriminellen AktivitĂ€ten nicht sofort verlorengeht. Aber das ist wieder ein eigenes Thema, das sehr stark juristisch belastet ist.
Wegen des Datenschutzes? Die meisten AWFs mĂŒssen doch nach drei Jahren gelöscht werden, und es muss auch immer notiert werden, wann sie gelöscht werden.
Ja.
RisikoabschÀtzhung
Wie profitieren eigentlich die MitgliedslÀnder von einem AWF?
Sie haben verschiedene Vorteile: Sie haben erstens einen allgemeinen Lagebericht, zweitens Bedrohungsanalysen und drittens Risikoanalysen. Aber was ganz wichtig ist: Aus diesen AWF gibt es ErmittlungsansÀtze. Aus Informationen wird Intelligence gemacht. Intelligence ist "information made for action".
Wie funktioniert das? Geht Europol auf die einzelnen Mitgliedstaaten zu und spricht Warnungen aus? Gibt es Dokumente heraus oder gehen die Mitgliedstaaten auf Europol zu?
Das geht per Telefon oder E-Mail, ĂŒber gesicherte Nachrichtennetze, die Europol aufgebaut hat. Wie zum Beispiel das System SIENA [3], das genutzt wird, um Informationen, Analyseergebnisse und Berichte zu ĂŒbertragen, die genaue Hinweise geben wie: "Vorsicht, derjenige, der innerhalb der Hells Angels fĂŒr Waffen zustĂ€ndig ist, ist bei Euch, vielleicht ist da das Waffendepot der Hells Angels." Und Analytiker gehen in dem entscheidenden Moment hĂ€ufig sogar zum Einsatzteam in dem jeweiligen Land.
Hat sich eigentlich bei Europol und in den Mitgliedsstaaten durch die Operation Monitor die Einstellung gegenĂŒber Rockern geĂ€ndert?
Ja. In den Niederlanden und europaweit wurde die kriminelle Energie der Rocker ernster genommen. In Frankreich wurde auf Grund dieses AWFs erstmals versucht, ĂŒberhaupt festzustellen, ob sie ein Rockerproblem haben. Nach damaligen französischen Erkenntnissen gab es ja keine RockerkriminalitĂ€t, bis die französische Polizei sie nachher auch dort festgestellt hat. In Deutschland wurde stĂ€rker gemerkt, wie stark die internationalen kriminellen Beziehungen sind und wie die zusammenarbeiten. Ăber diesen AWF wurde meines Wissens dann stĂ€rker auch mit anderen Staaten zusammengearbeitet. Im kleinen Grenzverkehr, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen â Niederlande, funktionierte das schon. Aber die kriminellen Netzwerke von Skandinavien bis Spanien sind gar nicht bekannt gewesen und ernst genommen worden.
Es galt zumindest fĂŒr die Beschaffung von Kokain â und die Hells Angels haben ja auch stark mit Rauschgift gehandelt, wobei Kokain und synthetische Drogen von besonderem Interesse waren. In Spanien waren Bezugsquellen fĂŒr Kokain, das ist von SĂŒdamerika hĂ€ufig dort angelandet. Es war wohl Ende der 90er, da veranstalteten die Hells Angels sogar ihr Jahrestreffen, den world run, in Spanien. Und da hatten wir denn auch Europol-Beamte vor Ort.
Und diese haben etwas ĂŒber Kokain rausgefunden?
Nein, aber sie haben Erkenntnisse angereichert. Zum Beispiel ist ja oft die Rollenverteilung bei einer kriminellen Organisation nicht klar. Das gilt auch fĂŒr Rocker. Nun arbeiten Rocker hĂ€ufig nach stark vorgegebenen Strukturen, das ist historisch so bedingt. Es sind ja alles ehemalige MilitĂ€rs gewesen, die das aufgebaut haben. Vorne fĂ€hrt der Chef des betreffenden Chapters, rechts auĂen der Waffenmann, links ist der fĂŒr Finanzen und so weiter. Wir haben gesammelt, wer und warum die meiste Zeit mit den anderen zusammenhĂ€ngt. Daraus kann man RĂŒckschlĂŒsse ziehen.
Wir konnten aber nicht feststellen, ob Kokain ĂŒbergeben wird â die Hells Angels wĂ€ren ja verrĂŒckt, wenn sie bei so einem Event dann ihren kriminellen Handel machen.
Abwanderung in die IT
Hat sich Europol durch die Erkenntnisse aus den AWFs selbst auch verÀndert?
Nur wenn Sie die AWFs haben und damit eben auch die KriminalitĂ€t richtig beurteilen können, können Sie PrioritĂ€ten setzen. Zum Beispiel haben wir aus den AWFs gelernt, dass IT eine immer gröĂere Rolle spielt. Dass immer mehr KriminalitĂ€t abwandert aus dem normalen Leben in das virtuelle Leben. Darauf hat sich Europol vorbereitet. Das fĂŒhrte dazu, dass Europol voriges Jahr das Cybercrime Center der EU geworden ist. Der Bereich wird jetzt extrem ausgebaut.
Hat sich auch durch die Arbeit am AWF Monitor etwas bei Europol geÀndert?
In einzelnen MaĂnahmen natĂŒrlich. Wir haben an Monitor gerade zu Beginn gemerkt, wie wichtig Vertrauensschutz und Sicherheit ist, wie wichtig es ist, auch aus verschiedenen FakultĂ€ten der kriminalpolizeilichen TĂ€tigkeit Leute hinzuzuziehen: Wir mussten sehr frĂŒh auch die Bedeutung der GeldwĂ€sche mit berĂŒcksichtigen. Der normale Ermittlungsansatz damals in den Mitgliedsstaaten war: Da ist irgendwo Gewalt aufgrund von Schutzgelderpressung, jetzt ermitteln wir. ZusĂ€tzlich versuchten wir festzustellen, wohin die kriminellen Erlöse gehen. Wir stellten fest, was das fĂŒr EinkĂŒnfte sind und auch, wie diese EinkĂŒnfte wieder investiert wurden. Uns wurde klar, dass es eine groĂe Rolle spielt, einfach zu wissen, wer letztlich die finanziellen Vorteile hat, um so dann wieder die wahre Macht festzustellen. Und deshalb haben wir eben auch verstĂ€rkt Leute geholt, die sich mit dieser Umwandlung von Gewalt zu Geld und von Geld dann zu Investitionen auskannten.
Umfassender Ansatz
Welche Leute haben Sie geholt?
Die kamen aus dem Bereich der BekĂ€mpfung der WirtschaftskriminalitĂ€t. Aber wenn wir zum Anfang gesagt haben: Wir machen jetzt die groĂe Untersuchung, wir unterstĂŒtzen die internationalen Ermittlungen gegen Rocker mit einem AWF und möchten dafĂŒr jetzt mal zwei Spezialisten fĂŒr WirtschaftskriminalitĂ€t haben, dann hĂ€tten die alle gesagt: Ja, spinnt Ihr denn? Das sind doch brutale Banden, Ihr mĂŒsst da die GewaltkriminalitĂ€t-Spezialisten nehmen.
Dieser neue, umfassende Ansatz bildete sich dann im Laufe der Ermittlungen heraus.
Wir benötigten Leute, die sich zum Beispiel im Transportwesen auskennen, also zum Beispiel von der Guardia de Financia oder vom Zoll, weil die wissen, wie Transporte denn ĂŒberhaupt erfolgen: Wie können denn zum Beispiel ĂŒberhaupt zwei Tonnen Cannabis sicher in ein Land transportiert werden, wer kommt denn dafĂŒr in Frage? Das kann man ja nicht mit dem Fahrrad von Neukölln schaffen, sondern Sie brauchen heutzutage einen Container. Also: Wie transportiert man einen Container von Marokko nach Buxtehude? LĂ€dt man den auf einen LKW? Nimmt man einen Zug? Nimmt man die KanĂ€le? Also: Es wurde dabei immer klarer, wie viel Spezialwissen notwendig ist.
Europol kann solche Spezialisten aber auch nicht stĂ€ndig vorhalten. Deshalb war fĂŒr uns klar, wir mussten sehr schnell auch ein Team von nationalen Experten haben.
Und wie viele nationale Experten haben Sie sich aufgebaut zum Thema Monitor?
Das weiĂ ich nicht. Das können 100 sein, das können aber auch nur 50 sein. Wir haben Dateien fĂŒr Spezialisten angelegt, die uns von den Mitgliedstaaten empfohlen wurden.
Gab es vielleicht mehr Kompetenzen bei Europol, die Sie aufgrund Ihrer Erkenntnisse zum Thema Rocker erlangen konnten?
Nein, ich glaube nicht, dass es jetzt zusĂ€tzlichen Kompetenzen dabei gab. Monitor war sehr wichtig fĂŒr den Anfang, das war das war wirklich eine der zwei, drei wichtigsten AWF. Das ist ganz klar, denn das hat Europol bei den nationalen Dienststellen auch bekannt gemacht.
Warum? So viele Rocker gibt es doch gar nicht.
Erstens, weil wir einerseits diesen einseitigen starken Ansatz nur sehr national geprĂ€gter Ermittlungen verĂ€ndert haben. Zwar gab es fĂŒr Bereiche wie Drogen oder Terrorismus schon grenzĂŒberschreitende Arbeitsgruppen. Aber nicht oder nur ausnahmsweise im Einzelfall fĂŒr eine kriminelle Gruppierung an sich, das heiĂt eine spezielle organisierte KriminalitĂ€tsgruppierung wie die Rocker. Das war also eigentlich ein richtiger groĂer neuer Ansatz.
Und das zweite war: Gerade durch Monitor, durch dies AWF, haben sich dann sehr stark diese gemeinsamen Ermittlungen heraus ergeben, die so die Vorstufe der Joint Investigation Teams waren. Diese JITs sind so eine Art Sonderkommissionen, die inzwischen sogar im EU-RechtshilfeĂŒbereinkommen von 2001 in Artikel 13 als Instrument der Internationalen Zusammenarbeit verankert sind. Das heiĂt, in diesem Rechtshilfeverfahren können auch StaatsanwĂ€lte oder Richter, Untersuchungsrichter, Polizeibeamte und Zollbeamte mitarbeiten. Und im Zoll-Abkommen Naples II sind diese Teams als Customs Investigation Teams verankert.
Weiterentwicklung
Das heiĂt, Monitor hat auch dazu beigetragen, dass Europol sich entwickelt hat?
Das war ein wichtiger Punkt. Dazu kommt, dass Europol bald zumindest auf diesem Gebiet sehr stark anerkannt war. Und zwar sowohl in den Mitgliedsstaaten als auch in Drittstaaten: Anfang 2000 haben wir Analytiker und zustĂ€ndige Spezialisten, die eigentlichen Ermittler, zu Gerichtsverfahren nach Kanada geschickt. Dort waren im Rahmen von Auseinandersetzungen 25 Morde geschehen. Die Europol-Experten sind als Zeugen drĂŒben gehört worden, um vor den dortigen Gerichten dann eben diese transatlantischen Beziehungen, das ganze Geflecht, aber auch die Strukturen zu verdeutlichen. Das war damit eine transatlantische Anerkennung von Europol, insofern wurde Europol dadurch auch in Kanada und den USA bekannt.
Das heiĂt, Europol hat sich durch die Rocker schon verĂ€ndert, ist gröĂer geworden?
Das wuchs mit und hat im TagesgeschĂ€ft einen starken Einfluss gehabt. Aber dass Europol durch Monitor groĂ geworden ist â das stimmt nicht. Das ist nicht mit den Ereignissen nach dem 11. September 2001 zu vergleichen, da hab ich nĂ€mlich auf einen Schlag plötzlich Geld und Personal bekommen, fast mehr, als nötig war. Das war bei den Rockern nicht so. Andere wie die Italiener oder selbst die Spanier haben mich gefragt, warum ich soviel fĂŒr diese Rocker investiere, das sei ĂŒberhaupt kein Problem, eine Folkloregruppe.
Monitor wurde eingerichtet, damit sichtbar wird, welche Verbrechen in der DrogenkriminalitÀt mit Rockern in Verbindung gebracht werden könnten.
Das war ein ganz wichtiger Punkt, weil da der beste Anfasser war. Mit Schutzgelderpressung können Sie sehr schwer internationale Beziehungen darstellen: Wenn zum Beispiel ein Bordell oder eine Gastwirtschaft in Antwerpen Schutzgelder zahlen muss, holen sie dort nicht die SchlĂ€gertrupps, die EinschĂŒchterer aus Hannover, das machen die selbst. Aber beim Drogenhandel, da brauchen Sie den Transport, manchmal â bei synthetischen Drogen â schon die Produktion, meinetwegen in den Niederlanden und Belgien, und Sie mĂŒssen den gesamten Weg von der Produktion bis hin zum Verteilernetz vergegenwĂ€rtigen, und der ist grenzĂŒberschreitend.
Ăhnliches gab es auch â deshalb war das die zweite PrioritĂ€t â beim Menschenhandel, beim Handel mit Prostituierten. Da gibt es natĂŒrlich auch diese internationalen BezĂŒge. Da wurde ja nicht gesagt: "Ihr in Hannover, guckt Euch mal MĂ€dchen von der Schule an, die Ihr dazu bringt, dass sie Prostitution machen." Die hat man woanders hergeholt. Es ging teilweise auch mit Waffenhandel. Und natĂŒrlich dann eben die GeldwĂ€sche, das war der dritte Ansatz, aber der kam eben erst spĂ€ter.
Ausbau
Also wir hatten angefangen und mussten ja auch die nationalen Dienststellen bis hin zur Politik gewinnen, dass wir das machen. Beim Thema Drogen sahen sie das GefĂ€hrdungspotenzial, aber mit dem Menschenhandel sahen sie kein Problem. Das sagten sie so lange, bis Mitte der 90er Jahre in DĂŒnkirchen Chinesen in Containern erstickt sind. Da wurde Menschenhandel dazu genommen und Prostitution kam als Spezialgebiet gleich damit hinzu. â Damit konnten Sie auch solche Ermittlungen ĂŒberhaupt international organisieren.
Inwiefern entstand die damalige Entscheidung fĂŒr den AWF Monitor, gerade Rocker zu untersuchen, als gemeinsame strategische Entscheidung im Sinne einer Strategie, um die IT-Systematik aufzubauen?
Ich habe Sie so verstanden: Erstens wollten die HENUs die IT-Systematik Personengruppen-tauglich machen, darum haben sie eine Gruppierung fĂŒr ein AWF ausgewĂ€hlt. Zweitens wollten sie als europĂ€ische Polizeiorganisation internationale Ermittlungen "lernen" und haben darum eine internationale Gruppierung ausgewĂ€hlt.
Lag der Grund darin, dass die HENUs sicher waren, dass Rocker gefÀhrlich sind? Oder wollten sie herausfinden, ob sie gefÀhrlich beziehungsweise wie gefÀhrlich sie sind? Wie war das VerhÀltnis zwischen strategischem Vorgehen beim Aufbau des AWF-Systems und kriminalistischen Erkenntnissen?
Die IT- und Analysesystematik und -technik und Monitor wurden parallel aufgebaut. Informations- und Analysedateien sollten so entwickelt werden, dass sie sowohl der Methodik und den InformationsbestĂ€nden von Mitgliedsstaaten entsprachen oder ihnen flexibel angeglichen werden konnten als auch den unterschiedlichen nationalen rechtlichen Vorgaben GenĂŒge taten und schlieĂlich fĂŒr operative Zwecke, also Ermittlungen, nĂŒtzlich waren.
Auch suchten Europol und einige Mitgliedsstaaten nach Fallkomplexen von internationaler Dimension, die in den ZustĂ€ndigkeitsbereich von Europol fielen, bei denen Europol "added value" geben konnte, und bei denen die mitwirkenden Mitgliedsstaaten auch bereit waren, umfassend Informationen â auch sensibler Natur â an Europol zu geben. Letzteres war je nach Mitgliedsstaat und dortigen Behörden nicht selbstverstĂ€ndlich.
Bei der Entscheidung, ein AWF zu RockerkriminalitĂ€t anzulegen, half die Tatsache, dass gerade die skandinavischen Staaten, die Niederlande und auch GroĂbritannien Europol positiv gegenĂŒberstanden und gute Erfahrungen mit operativer Analyse auf nationaler Ebene gemacht haben. Die Idee, anhand von RockerkriminalitĂ€t die BekĂ€mpfung organisierter KriminalitĂ€t unter Einschaltung von Europol zu lernen, spielte bei den Ăberlegungen eine Rolle, wobei reizvoll war, dass dieser Ansatz nicht nur einen KriminalitĂ€tsbereich wie zum Beispiel Rauschgift betraf, bei dem ohnehin schon recht gut und auch ĂŒber Europol zusammengearbeitet wurde, sondern dass hier die Organisationsstruktur und die Vernetzung verschiedener KriminalitĂ€tsformen im Mittelpunkt stand. Auf Grund dieses zeitlichen Zusammenfallens und der Geeignetheit der Thematik wurde der AWF Monitor eine der ersten und wichtigsten AWF mit langer "Lebensdauer".
Aber auch andere AWF spielten in dieser frĂŒhen Phase aus verschiedenen GrĂŒnden eine wichtige Rolle. Es gab also keine klare Entscheidung, AWF Monitor zum Modell fĂŒr kĂŒnftige AWF zu machen und die Technik nur oder vor allem anhand dieses AWF zu entwickeln. (anw [4])
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[4] mailto:anw@heise.de
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