zurück zum Artikel

Magischer Halbleiter-Stoff

Kevin Bullis, Dr. Wolfgang Stieler

Das exotische Material Graphen beschÀftigt Forscher seit Langem. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass es tatsÀchlich Silizium ablösen könnte.

Das exotische Material Graphen beschÀftigt Forscher seit Langem. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass es tatsÀchlich Silizium ablösen könnte.

Dieser Text ist der Print-Ausgabe 4/2008 von Technology Review entnommen Das Heft kann man noch immer hier [1] online portokostenfrei bestellen.

Hongjie Dai, Chemieprofessor an der Stanford University, hat mit seinem Team einen neuen chemischen Prozess demonstriert, mit dem sich enorm dĂŒnne StrĂ€nge aus dem auf Kohlenstoff basierenden Material Graphen erzeugen lassen. Gleichzeitig konnte Dai zeigen, dass diese BĂ€nder in einer Transistorschaltung exzellente elektrische Eigenschaften haben, wie sie bislang nur theoretisch vorhergesagt worden waren. Die Entdeckung dĂŒrfte den Rummel um das exotische Material noch weiter verstĂ€rken, fĂŒr das sich bereits jetzt Forscher bei IBM, HP und Intel interessieren. Denn letztlich könnte es einen weitaus leistungsfĂ€higeren Ersatz fĂŒr das Standard-Halbleitermaterial Silizium liefern.

Graphen ist eng verwandt mit Grafit, wie es beispielsweise in schnöden Bleistiften verwendet wird. Aber Graphen besteht nur aus jeweils einer einzigen atomaren Lage von Kohlenstoff - ein Graphen-PlÀttchen ist also so etwas wie ein der LÀnge nach ausgerolltes Kohlenstoff-Nanoröhrchen. "Bis vor wenigen Jahren sind wir davon ausgegangen, dass so etwas gar nicht existiert", sagt Andre Geim von der University of Manchester, dessen Gruppe 2004 erstmals Graphen-PlÀttchen hergestellt hat.

Was die Wissenschaftler besonders fasziniert: Graphen ist ein zweidimensionales Material in einer dreidimensionalen Welt - der Leitungsmechanismus fĂŒr elektrische Ladungen funktioniert bei ihm deshalb komplett anders als bei allen bekannten Metallen und Halbleitern.Das hat interessante Folgen: Die LadungstrĂ€gerbeweglichkeit, die unter anderem die Schaltgeschwindigkeit eines elektronischen Bauteils definiert, liegt theoretisch bei 20.0000 Quadratzentimetern pro Voltsekunde. "Das ist magisch", schwĂ€rmt Geim, "um GrĂ¶ĂŸenordnungen mehr als bei allen anderen existierenden Materialien." Graphen-Transistoren könnten so bis zu tausendmal schneller sein, als es die heutige Siliziumtechnik erlaubt.


Allerdings hat Graphen einen gravierenden Nachteil. Obwohl ein Graphen-Transistor an- und ausgeschaltet werden kann, ist der Unterschied zwischen dem Strom im gesperrten und im leitenden Zustand ("An/Aus-Kennzahl") nicht besonders hoch. Im Gegensatz zu Silizium, das sich vollkommen abschalten lĂ€sst, ĂŒbertrĂ€gt Graphen also auch im "Aus"-Zustand noch Elektronen. Ein Chip aus Milliarden solcher Transistoren wĂŒrde dadurch massiv Energie verschwenden und deshalb kaum praktikabel sein. Geim hĂ€lt Transistoren aus Graphen deshalb "fĂŒr das am wenigsten wahrscheinliche Szenario einer Anwendung". Stattdessen ließe sich das Material als extrem gut leitende, transparente Beschichtung fĂŒr Solarzellen verwenden oder als Ersatz fĂŒr das teure Indiumzinnoxid, aus dem Leiterbahnen auf den GlastrĂ€gern von Displays gefertigt werden.


Andere Forscher verfolgen allerdings schon seit LÀngerem die Theorie, dass sich die An/Aus-Kennzahl verbessert, wenn Graphen-BlÀtter in BÀnder von nur wenigen Nanometern Breite geschnitten werden. Erste Erfolge damit hatten Forscher bei IBM und der Columbia University, doch ihre Werte erreichten nie die von Silizium. Dais Gruppe hat nun erstmals in der Praxis solche Effekte beobachtet.
Dais SchlĂŒssel zum Erfolg ist die Produktionsmethode: Statt der ĂŒblichen lithografischen Verfahren verwendete der Forscher eine chemische Lösung. Dazu begann er mit Grafit-Flocken, die aus ĂŒbereinandergestapelten Graphen-BlĂ€ttchen bestehen. Dann fĂŒhrte er Schwefel- und SalpetersĂ€ure-MolekĂŒle chemisch zwischen diesen Flocken ein und erhitzte sie mit hoher Geschwindigkeit, sodass die SĂ€ure verdampfte und die Graphen-BlĂ€tter auseinandergetrieben wurden. "Das erinnert an eine Explosion. Die BlĂ€tter trennen sich, und das Grafit dehnt sich um das 200-fache aus", erzĂ€hlt Dai.
Im nĂ€chsten Schritt hĂ€ngte Dai die Graphen-BlĂ€tter in eine Lösung und setzte sie Ultraschallwellen aus. Diese Wellen zerbrachen die BlĂ€tter in kleinere StĂŒcke. Überraschenderweise entstanden dadurch aber keine Flocken, sondern dĂŒnne und sehr lange BĂ€nder - das dĂŒnnste davon war weniger als zehn Nanometer breit und mehrere Mikrometer lang.

Nachdem Dai erste Transistoren mit diesen BĂ€ndern geschaffen hatte, registrierte er einen An/Aus-Quotienten von 100.000 zu 1 - sehr attraktiv fĂŒr Prozessoren. Zuvor lag die Kennziffer bei experimentellen Graphen-BĂ€ndern nur bei 30 zu 1. Bevor sich allerdings wirklich Chips mit der Technologie herstellen lassen, mĂŒssen noch viele HĂŒrden genommen werden. So mĂŒssten die BĂ€nder aus Dais Prozess zunĂ€chst sortiert werden, um zu große oder falsch geformte Teile zu entfernen. Außerdem muss ein Weg gefunden werden, die BĂ€nder in die passende Form fĂŒr komplexe Schaltkreise zu bringen.


Erste Lösungskonzepte gibt es bereits. So besitzen Graphen-BĂ€nder deutlichere Bindungen an ihren Kanten, sodass sich dort chemische MolekĂŒle anlagern ließen, um sie mit anderen Bauteilen zu verbinden. Eine weitere Methode kennt Peter Eklund, Physikprofessor an der Penn State University: Graphen lĂ€sst sich in großen BlĂ€ttern zĂŒchten. Mit optimierten Lithografie-Techniken ließen sich die benötigten Bandstrukturen möglicherweise in sie hineinĂ€tzen - mitsamt den Schaltkreisen, versteht sich. (bs)


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-275020

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.heise.de/abo/tr/hefte.shtml