Missing Link: Die Vertreibung der MilliardÀre aus dem Silicon Valley?
(Bild: Daniel AJ Sokolov)
Der California Effect, Ă€hnlich dem europĂ€ischen BrĂŒssel-Effekt, sorgt immer wieder fĂŒr Kritik. Das hat das Silicon Valley verĂ€ndert, und wird es weiterhin tun.
Das Jahr 2026 könnte eine deutliche ZĂ€sur fĂŒr das Silicon Valley bringen. Nicht nur tritt mit der âSenate Bill 53â ab 1. Januar eine der weitreichendsten KI-Regulierungen innerhalb der Vereinigten Staaten in Kraft, es ist auch der Stichtag fĂŒr einen weiteren, umstrittenen Gesetzesentwurf. Geht es nach den BefĂŒrwortern des âBillionaire Tax Act [1]â, mĂŒssen alle MilliardĂ€re, die vor dem 1. Januar 2026 in Kalifornien ansĂ€ssig waren, ab 2027 einmalig fĂŒnf Prozent Steuern auf ihr Vermögen zahlen. Ziel der Initiative ist es, die EtatkĂŒrzungen durch PrĂ€sident Trump im Gesundheitsbereich auszugleichen.
Ob es tatsĂ€chlich zu einer Ratifizierung des Gesetzes kommt, bleibt allerdings abzuwarten. Erst einmal mĂŒsste es durch ein Volksbegehren im November 2026 zur Wahl gestellt werden. Damit dies geschieht, mĂŒssten mehr als 900.000 Unterschriften gesammelt werden. Doch bereits jetzt hat die Diskussion dafĂŒr gesorgt, dass einige MilliardĂ€re und ihre Firmen Kalifornien den RĂŒcken gekehrt haben. Die beiden Google-GrĂŒnder Sergey Brin und Larry Page beispielsweise haben zahlreiche Firmen nach Nevada und Florida verlegt â darunter jene Firmen, die ihre Yachten und Anteile an einem privaten Flughafenterminal verwalten. Auch der bekannte Investor Peter Thiel hat seine Firma âThiel Capitalâ als direkte Konsequenz nach Miami verlegt.
Corona, Regulierung und ideologische Differenzen
Seit Jahren kommt es bereits zu hochkarĂ€tigen Abwanderungen. Einer der wohl bekanntesten UmzĂŒge aus Kalifornien dĂŒrfte die Verlegung des Tesla-Hauptquartiers aus dem Silicon Valley nach Austin in Texas sein. Die Stadt trĂ€gt bereits seit Anfang des Jahrtausends den Namen âSilicon Hillsâ. Nachdem Elon Musk selbst bereits im Jahr 2020 aus Los Angeles nach Austin gezogen war, folgte auch das Hauptquartier des Autobauers im Jahr 2021 endgĂŒltig. Zuvor hatte es eine Auseinandersetzung zwischen dem MilliardĂ€r und dem Staat ĂŒber eine FabrikschlieĂung wĂ€hrend der Corona-Pandemie gegeben.
Im selben Jahr zog auch der Software-Gigant Oracle von Kalifornien nach Austin. Als Grund nannte der Konzern damals, dass die flexibleren Arbeitsbedingungen ein groĂes Hauptquartier in Kalifornien ĂŒberflĂŒssig machen wĂŒrden. GrĂŒnder und CEO Larry Ellison verlegte seine eigene Residenz nach Hawaii.
Weniger dramatisch begrĂŒndete Hewlett Packard Enterprises damals seinen Umzug nach Houston in Texas. Man flĂŒchte vor den astronomischen Immobilienpreisen und wolle eine bessere Basis, um Talente rekrutieren zu können. Im Silicon Valley sind die Lebensunterhaltungskosten enorm.
Chevron, SpaceX und Twitter-Nachfolger X verlegten im Jahr 2024 ihre Hauptquartiere nach Texas. Neben der strikten regulatorischen Umgebung Kaliforniens sorgte ein weiteres Gesetz fĂŒr den Umzug der beiden Unternehmen aus Musks Imperium. Das Gesetz âAB 1955â verbietet es Angestellten einer Schule, die sexuelle Orientierung eines Kindes ohne dessen Zustimmung öffentlich zu machen. Elon Musk bezeichnete das Gesetz auf X sinngemÀà als den Tropfen, der das Fass zum Ăberlaufen brachte. Eine seiner eigenen Töchter ist transgeschlechtlich.
Auch Palantir zog 2020 nach Denver in Colorado. In den Papieren zum Börsengang [3] schrieb das Unternehmen damals: âDie Ingenieurselite des Silicon Valley mag mehr ĂŒber die Entwicklung von Software wissen als die meisten anderen. Aber sie weiĂ nicht mehr darĂŒber, wie die Gesellschaft organisiert sein sollte oder was Gerechtigkeit erfordert.â
Tech-Landkarte diversifiziert sich
Der US-Bundesstaat, der am stĂ€rksten von der Migration profitiert, ist Texas. Von 135 Firmen, die in den vergangenen Jahren ihr Hauptquartier dorthin verlegten, kamen 41,8 Prozent aus Kalifornien, zeigt der Bericht eines Immobilienunternehmens [4]. Besonders profitiert hat dabei das sogenannte âTexas Triangleâ, zwischen Dallas-Fort Worth, San Antonio/Austin und Houston. In Austin allein arbeiten 16,44 Prozent der Bevölkerung im Tech-Sektor, wobei fast 24 Prozent von ihnen im Sales-Bereich tĂ€tig sind. Die Region deckt dabei hauptsĂ€chlich Bereiche wie Fintech und die Halbleiter-Branche (Texas Instruments) ab, wĂ€hrend in Houston besonders Firmen aus dem Energiesektor und Logistik-Bereich ansĂ€ssig sind.
Im Gegensatz zur eher Hauptquartier-lastigen Region um Dallas, profitiert auĂerdem auch Phoenix in Arizona als einer der Produktionsstandorte von Halbleitern. Zu den ansĂ€ssigen Firmen gehören neben Intel auch TSMC. Beide Regionen haben dabei vom âCalifornia Environmental Quality Actâ, kurz CEQA, profitiert. Der zusĂ€tzliche regulatorische Aufwand erschwert die schnelle Fertigstellung von Projekten. Rund um Phoenix finden sich zudem einige Greentech-Unternehmen, zu denen ursprĂŒnglich auch Meyer Burger [5] und Nikola gehörten. Beide Firmen sind mittlerweile allerdings insolvent.
Im benachbarten Utah verwandelt sich die âSilicon Desertâ nicht nur in die âSilicon Slopesâ, auch die ansĂ€ssigen Branchen verĂ€ndern sich. Rund um Salt Lake City finden sich besonders Firmen aus dem Software-As-A-Service-Bereich sowie dem Fintech-Sektor. Zu den bekannteren Namen gehören beispielsweise Qualtrics (Hauptquarier in Provo, Utah) sowie groĂe Niederlassungen von Adobe, Microsoft und Oracle.
Auch Colorado profitiert vom GeschÀftsumfeld in Kalifornien. So hat sich Colorado Springs in den letzten Jahren als Cybersecurity-Hotspot etabliert. Maxar Technologies, eine Firma aus dem Feld der Radar- und Satelliten-Technologie verlegte ihren Firmensitz im Zuge eines Firmenzukaufs von Kalifornien nach Colorado.
Ein weiterer Bundesstaat, der dank seiner niedrigen Steuern in den vergangenen Jahren eine hohe Firmenzuwanderung erlebt hat, ist Florida. Besonders Investoren wie Peter Thiel und Firmen aus dem Crypto/Web3 und Fintech-Bereich zieht es in den Sunshine State. Eine besondere Rolle spielen dabei die Einkommens- und Kapitalertragssteuer. WĂ€hrend Kalifornien KapitalertrĂ€ge als regulĂ€res Einkommen mit bis zu 13,3 Prozent besteuert, wird beides in Florida ĂŒberhaupt nicht besteuert.
Washington State, Heimat groĂer Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon Web Services und F5 Networks, kann keine UmzĂŒge aus Kalifornien fĂŒr sich verbuchen. Allerdings haben ohnehin schon viele der groĂen Anbieter, nebst den genannten, Vertretungen in Seattle und Umgebung. Dazu gehören sowohl Google und Meta als auch Oracle.
Zu weiteren wichtigen Tech-Hubs zĂ€hlen Boston, mit Firmen wie Boston Dynamics, und New York. Dort haben bedeutende Tech-Firmen wie Google, Microsoft, Amazon und auch SAP groĂe Niederlassungen. Dabei gilt der Staat als einer der Fokuspunkte fĂŒr Berufseinsteiger. Rund 26 Prozent der dort Arbeitenden besetzen Junior-Positionen. Dem stehen knapp 56 Prozent mit einer Senior-Stelle gegenĂŒber.
Das Ende des Silicon Valley?
Muss sich Kalifornien, die laut Governor Gavin Newsom viertgröĂte Marktwirtschaft der Welt [6] ist, also Sorgen als bedeutender Standort machen? Mitnichten. Gerade im KI-Boom der letzten Jahre konnte sich das Silicon-Valley als absoluter Hotspot re-etablieren. Knapp sieben Prozent der BĂŒroflĂ€chen werden allein durch KI-Firmen [7] belegt. Eine Ă€hnliche Entwicklung spiegelt auch der Jobmarkt wider. Ausschreibungen im KI-Bereich stiegen von 20 Prozent Mitte 2022 auf 42 Prozent im Juni 2025. Zudem fanden 70 Prozent der gesamten KI-Risikokapitalfinanzierung von 2019 bis heute ihren Weg in das Silicon Valley. Insgesamt konnten Startups aus Kalifornien rund 49 Prozent des gesamten Risikokapitalmarkts fĂŒr sich beanspruchen, schreibt Carta, ein Unternehmen fĂŒr Eigenkapitalmanagement [8].
Die momentanen Entwicklungen sprechen eher fĂŒr das Entstehen eines âHub-and-Spokeâ-Modells, nachdem die Firmen ihre Hauptquartiere an Standorten mit niedrigen oder keinen Steuern haben. Ihre ĂŒbrigen Standorte hingegen orientieren sich an der VerfĂŒgbarkeit von Talenten. Denn vollstĂ€ndig aus dem Silicon Valley zurĂŒckgezogen haben sich nur wenige Firmen. Gesetzt hat sich der Markt ohnehin nicht. Sowohl in Austin als auch in Houston kam es in 2024 zu einem RĂŒckgang der Mitarbeiterzahl bei von Risikokapital finanzierten Startups von sechs beziehungsweise knapp 11 Prozent.
Und der âBillionaire Tax Actâ? Sollte dieser zur Wahl gestellt werden, so hat Governor Newsom in einem Interview mit der New York Times [9] bereits angekĂŒndigt, dafĂŒr zu sorgen, dass der Gesetzesentwurf abgelehnt wird. Andere MilliardĂ€re sehen die Diskussion eher gelassen. âWir haben uns entschieden, im Silicon Valley zu lebenâ, sagte Nvidia-CEO Jensen Huang in einem BloombergâInterview [10]. âUnd welche Steuern sie auch immer erheben möchten, so sei es.â Er mache sich keine Sorgen, er sei darauf fokussiert, die Zukunft der KI zu entwickeln. Genau deswegen sei Nvidia im Silicon Valley: Die Talente seien dort. Bleibt abzuwarten, was passiert, falls die KI-Blase platzt.
(emw [12])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11142117
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.seiu-uhw.org/ca-billionaire-tax-act
[2] https://www.heise.de/thema/Missing-Link
[3] https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1321655/000119312520230013/d904406ds1.htm
[4] https://partnersrealestate.com/wp-content/uploads/2025/07/Market-Edge-_-Texas-Relocation.pdf
[5] https://www.heise.de/news/Solarproduzent-Meyer-Burger-stellt-Insolvenzantrag-10421493.html
[6] https://www.gov.ca.gov/2025/04/23/california-is-now-the-4th-largest-economy-in-the-world/
[7] https://siteselection.com/tech-hubs-dfw-overtakes-dc-in-north-american-tech-hub-index/
[8] https://carta.com/data/VC-funding-geography-2024/
[9] https://www.nytimes.com/2026/01/13/us/newsom-billionaire-tax-california.html
[10] https://www.theguardian.com/us-news/2026/jan/08/billionaire-tax-california
[11] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[12] mailto:emw@heise.de
Copyright © 2026 Heise Medien