Neuronales Netz erzeugt attraktive Gesichter fĂŒr jeden Geschmack
KI-generierte Menschen â hier erstellt von einem GAN namens StyleGAN.
(Bild: Generated Media, Inc.)
Was genau macht ein Gesicht fĂŒr uns besonders anziehend? Die Augen, die Nase, der Mund? Die wenigsten Menschen können das beantworten. Ein Algorithmus schon.
Ein finnisch-dĂ€nisches Team aus Psychologen und Informatikern trainierte ein sogenanntes âGenerative Adversarial Networkâ (GAN) [1] mit 200.000 Bildern von Prominenten, um daraus neue Gesichter zu erzeugen. Bei einem GAN treten zwei neuronale Netze in einer Art Wettbewerb gegeneinander an: Das eine erzeugt virtuelle Bilder, das andere versucht zu erkennen, ob diese real oder gefĂ€lscht sind. So spornen sie sich gegenseitig zu immer realistischeren Fakes an.
Hunderte auf diese Weise gefakte Promi-Portraits zeigten die Forscher 30 Versuchspersonen, die mit EEG-Kappen verkabelt waren und instruiert wurden, sich darauf zu konzentrieren, ob sie ein Gesicht besonders attraktiv fanden. War das der Fall, zeigte sich das rund 300 Millisekunden spĂ€ter in den Gehirnwellen. âDabei handelt es sich nicht unbedingt um eine erhöhte HirnaktivitĂ€t, sondern eher um eine Re-Synchronisierung der neuronalen AktivitĂ€tâ, sagte Erstautor Michiel Spape vom Department of Psychology and Logopedics der University of Helsinki gegenĂŒber dem Online-Magazin Digital Trends [2].
Sind wir unoriginell?
Dabei zeigte sich: Jedes Individuum springt im Wesentlichen immer auf dieselben Reize an. âOffenbar neigen wir Menschen dazu, ziemlich unoriginell zu sein und wieder und wieder von denselben Attributen angezogen zu werdenâ, kommentiert das Online-Magazin Singularity Hub [3].
Diese Information wurde dann genutzt, âum in einem 512-dimensionalen ,Face-Spaceâ des neuronalen Netzes den Punkt zu triangulieren, der genau der höchsten AttraktivitĂ€t bei einem individuellen Teilnehmer entsprichtâ, so Spape. Auf diese Weise nĂ€herten sich die Bilder immer weiter dem an, was die Versuchspersonen bewusst oder unbewusst als Traummann beziehungsweise Traumfrau im Kopf hatten.
In einer Doppelblindstudie mischten die Forscher die individuell optimierten Bilder dann mit konventionell erzeugten und zeigten sie den Probanden. Das Ergebnis: Die neuronalen Netze erzeugten âhochgradig akkurate Ergebnisseâ, so die Forscher. 87 Prozent der Gesichter wurden als âattraktivâ eingeschĂ€tzt, der Rest war laut Singularity Hub entweder âzu perfektâ oder in der Kombination der Merkmale etwas seltsam (âa bit⊠offâ).
Rein in eine optimierte Welt
Der Versuch zeige, dass âdie Nutzung von EEG-Reaktionen zur Kontrolle eines GAN ein neues, machtvolles Tool zur interaktiven Informationsgenerierung und zur Kartierung individueller Unterschiede istâ, schreiben die Forscher in ihrem Paper [5].
Man braucht nicht viel Fantasie, sich auch andere Anwendungen vorzustellen. Dass etwa Versicherungskonzerne mit dieser Methode unwiderstehliche Versicherungsvertreter auf potenzielle Kunden maĂschneidern, ist bis auf weiteres zwar nicht zu befĂŒrchten â dazu mĂŒssten die Kunden mitwirken, eine EEG-Kappe aufsetzen und ihre persönliche Vorlieben kartieren lassen.
Was aber, wenn Menschen damit gelockt werden, sich eine virtuelle Welt mit individuell attraktivitĂ€tsoptimierten Avataren, Bildern, GerĂ€uschen und MusikstĂŒcken einzurichten? Denn: Wer wollte einen solchen Kokon aus Brain-Candy dann noch verlassen, wenn auĂerhalb davon stĂ€ndig eine suboptimierte Wirklichkeit droht? Zu den soziologischen Folgen muss erst noch geforscht werden. (grh [6])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6018436
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/hintergrund/Duell-der-KIs-4133903.html
[2] https://www.digitaltrends.com/features/brain-reading-ai-makes-fake-faces-attractive/
[3] https://singularityhub.com/2021/03/18/this-ai-uses-your-brain-activity-to-create-fake-faces-it-knows-youll-find-attractive/
[4] https://www.heise.de/
[5] https://ieeexplore.ieee.org/document/9353984/media
[6] mailto:grh@technology-review.de
Copyright © 2021 Heise Medien