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Photovoltaik auf ParkplÀtzen: Peitsche statt Zuckerbrot

Gregor Honsel
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(Bild: seo byeong gon/Shutterstock.com)

Frankreich hat eine Photovoltaik-Pflicht fĂŒr große ParkplĂ€tze erlassen, in einigen deutschen BundeslĂ€ndern gibt es sie bereits. Was bringt der Zwang?

ParkplĂ€tze mit mehr als 80 StellplĂ€tzen mĂŒssen in Frankreich kĂŒnftig mindestens zur HĂ€lfte mit Photovoltaik-Modulen ĂŒberdacht werden. Eine Ă€hnliche Photovoltaik-Pflicht gibt es bereits in Baden-WĂŒrttemberg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (siehe Tabelle). Sie bezieht sich allerdings auf Neubauten. In Frankreich gilt sie auch fĂŒr bestehende ParkplĂ€tze. Anlagen mit bis zu 400 StellplĂ€tzen haben fĂŒr die NachrĂŒstung fĂŒnf Jahre Zeit, grĂ¶ĂŸere drei Jahre.

Land in Kraft ab ... StellplÀtzen
Baden-WĂŒrttemberg Januar 2022 35
Nordrhein-Westfalen Januar 2022 35
Niedersachsen Januar 2023 50
Hessen November 2022 50
Schleswig-Holstein Januar 2023 100
Rheinland-Pfalz Januar 2023 50

Nach Angaben der französischen Regierung könnten die französischen PV-ParkplĂ€tze [1] rund 9 bis 11 Gigawatt an Leistung erzeugen, etwa so viel zehn Kernkraftwerke – und das zu einem Bruchteil des Preises. Hat Frankreich nun also eine Wunderwaffe der Stromversorgung gefunden?

Auf den ersten Blick spricht vieles fĂŒr ParkplĂ€tze als PV-Standorte: Sie sind reichlich vorhanden, gut zugĂ€nglich, es mĂŒssen keine zusĂ€tzlichen FlĂ€chen versiegelt werden. Zudem bieten die PV-Module Wetter- und Sonnenschutz fĂŒr Fahrzeuge und ihre Nutzer. "WĂŒrde die HĂ€lfte aller StellplĂ€tze mit Photovoltaik-Modulen ĂŒberdacht werden, errechnet sich ein Photovoltaik-Potenzial von etwa 2,4 GW, was etwa 6 Prozent des Solarpotenzials auf DĂ€chern in Baden-WĂŒrttemberg entspricht", schreibt das Solarcluster BW in einem Faktenpapier [2].

Dagegen spricht vor allem ein Argument: die Kosten. Auf ParkplĂ€tzen mĂŒssen die PV-Module aufwendig aufgestĂ€ndert werden; die Anlagen mĂŒssen gegen Kollision und Vandalismus gesichert werden; will man kein zusĂ€tzliches Blechdach montieren, benötigt man spezielle Module, die fĂŒr die Überkopf-Montage zugelassen sind. In den deutschen LĂ€ndergesetzen gilt die Solarpflicht deshalb meist nur bei "wirtschaftlicher Zumutbarkeit".

Entscheidend fĂŒr die Wirtschaftlichkeit ist, was mit dem erzeugten Strom geschieht. Im Rahmen des EEG bekommen Parkplatz-PV-Anlagen bis 100 kW (das entspricht etwa 40 bis 50 StellplĂ€tzen) einen festen VergĂŒtungssatz von 6,6 Cent pro Kilowattstunde. Zwischen 100 und 1000 kW wird der Verkaufserlös ĂŒber das MarktprĂ€mienmodell auf 7 Cent aufgestockt.

TatsĂ€chlich können SolarparkplĂ€tze aber auch weit in den Megawatt-Bereich reichen. Im sĂ€chsischen Rackwitz [3] etwa eröffnete ein Automobil-Logistiker Ende vergangenen Jahres eine Anlage mit 5,7 MW. SpĂ€ter soll sie auf 16 MW (6000 StellplĂ€tze auf 14 Hektar) ausgeweitet werden. Weitere große PV-ParkplĂ€tze gibt es etwa in Ahrensburg [4] (560 kW), Hilden [5] (440 kW) und Schwabach [6] (340 kW).

Wollen Betreiber solch großer Anlagen eine EinspeisevergĂŒtung, mĂŒssen sie sich an einer Auktion beteiligen – und dort mit den gĂŒnstigeren FreiflĂ€chenanlagen konkurrieren. Doch selbst fĂŒr solche Anlagen sind die festgelegten Höchstgebote oft bereits zu niedrig, denn die Ausschreibungen sind regelmĂ€ĂŸig unterzeichnet. [7] Der Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) fordert deshalb "ein eigenes Ausschreibungssegment fĂŒr Parkplatz-PV zusammen mit Agri-PV-Anlagen [8]".

Attraktiver scheint da der Eigenverbrauch des erzeugten Stroms zu sein. Bei lokalen Solaranlagen ist er von der Stromsteuer befreit. Deshalb bietet er sich beispielsweise bei SupermarktparkplĂ€tzen an, idealerweise in Kombination mit LadesĂ€ulen. Indirekt könnte eine PV-Pflicht fĂŒr ParkplĂ€tze also auch mehr Lademöglichkeiten schaffen. Doch trotzdem stellt sich die Frage: Solange noch Platz auf dem GebĂ€ude ist – warum baut man nicht erst das Dach zu, bevor man die Module auf hohe Stelzen stellt?

Selbst Freunde von PV-ParkplĂ€tzen geben zu, dass sich das Ganze nur dann lohnt, wenn man auch den Nutzen durch die Überdachung mit einberechnet. Meist wĂŒrden die Zusatzkosten fĂŒr Überdachung und Tragwerk "der PV-Anlage zugeordnet und nicht der zusĂ€tzlichen Funktion der Überdachung", heißt es in dem Paper des Solarcluster [9]. Somit falle die Wirtschaftlichkeit meist geringer aus als bei sonstigen Photovoltaikanlagen. "ZielfĂŒhrender ist der Vergleich der Kosten einer ParkplatzĂŒberdachung mit und ohne Photovoltaik."

Dies ist allerdings eine kipplige Argumentation. Denn sie unterstellt, dass die Vorteile einer ParkplatzĂŒberdachung groß genug sind, dass sie sich auch ohne Photovoltaik lohnen wĂŒrde. Wenn das so wĂ€re, mĂŒssten wir in den StĂ€dten allerdings mehr ĂŒberdachte ParkplĂ€tze sehen.

Mit den gegenwĂ€rtigen Rahmenbedingungen ist also klar, dass Parkplatz-PV kein SelbstlĂ€ufer wird – trotz der vielen, unbestrittenen Vorteile. Ähnliches gilt auch fĂŒr GewerbedĂ€cher [10]. Eigentlich gĂ€be es kaum bessere Standorte: Reichlich ungenutzte und gut erschlossene FlĂ€che, Stromverbraucher in unmittelbarer NĂ€he, keine Ă€sthetischen oder ökologischen Bedenken. Trotzdem sank 2021 laut BSW [11] der Zubau auf PV-GewerbedĂ€chern.

Kein Wunder, dass einige BundeslĂ€nder deshalb zu einer Solarpflicht greifen [12] – nicht nur fĂŒr ParkplĂ€tze, sondern auch fĂŒr Gewerbebauten und WohnhĂ€user [13]. SelbstverstĂ€ndlich, man ahnt es bereits, beschließt jedes Bundesland "andere und teils gegensĂ€tzliche Vorgaben", wie der Klimablog schreibt [14]. Das Ganze laufe mal wieder auf "kleinteilige BĂŒrokratie" oder "maximale Kompliziertheit" hinaus.

Der Kern des Dilemmas: Da ein politischer Akteur (in diesem Fall: der Bund) es nicht hinbekommt, eine gesellschaftlich erwĂŒnschte Entwicklung angemessen anzuschieben, greifen andere politische Akteure (in diesem Fall: die LĂ€nder) zum Zwang, der aber durch viele Sonderklauseln wieder abgeschwĂ€cht werden muss, um durchsetzbar zu sein – und entsprechend wirkungsarm bleibt.

Eine PV-NachrĂŒstpflicht fĂŒr ParkplĂ€tze wie in Frankreich hĂ€lt der BSW fĂŒr "schwer umsetzbar". Der Verband hĂ€lt es fĂŒr "vorrangig, zunĂ€chst Marktbarrieren bei der solaren Direktversorgung der ElektromobilitĂ€t, der Speicherung und dem Netzzugang von Solarstrom abzubauen".

Immerhin: Bei GewerbedĂ€chern, die bisher von berĂŒchtigt-komplizierten Regularien [15] ausgebremst wurden, hat der BSW in der jĂŒngsten EEG-Novelle einige Fortschritte ausgemacht. Dazu gehörten die "Anhebung der Ausschreibungsgrenze auf 1 MW" sowie "die Abschaffung der 50-Prozent-Regel, nachdem Anlagen zwischen 300 und 750 kWp nur maximal 50 Prozent der erzeugten Strommenge vergĂŒtet bekommen, wenn die Anlage nicht an Ausschreibungen teilgenommen hat". Der BSW hĂ€lt die angehobenen VergĂŒtungssĂ€tze allerdings weiterhin fĂŒr zu niedrig und moniert "weitere regulatorische Hemmnisse", zum Beispiel die aufwendigen vorgeschriebenen Zertifizierungen von PV-Anlagen mit mehr als 135 kWp (Details zu den GeschĂ€ftsmodellen von PV-GewerbedĂ€chern [16]).

Das VerhÀltnis zwischen Zuckerbrot und Peitsche, also zwischen Anreizen und Auflagen, muss auch in einem anderen Bereich neu austariert werden: Der "urbanen Photovoltaik [17]". Dazu zÀhlen neben ParkplÀtzen auch andere PV-Anlagen in der Stadt, etwa als Schattenspender oder Werbetafeln. Das Fraunhofer ISE veranschlagt ihr Potenzial deutschlandweit auf mindestens 59 Gigawatt, also fast so viel, wie bereits an PV-Leistung installiert ist. Zu den Herausforderungen zÀhlt das ISE die "Schaffung klarer Anforderungen an die Genehmigung (Sicherheit, behördlicher Prozess, ZustÀndigkeiten, Normen)".

[18]

(grh [19])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7496548

Links in diesem Artikel:
[1] https://electrek.co/2022/11/08/france-require-parking-lots-be-covered-in-solar-panels/
[2] https://solarcluster-bw.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/Nachrichten/2022/2022_01_Solar_Cluster_BW_PV-Netzwerk_Faktenpapier_Photovoltaik-Parkplaetze.pdf
[3] https://www.pv-magazine.de/unternehmensmeldungen/wi-energy-und-sybac-on-power-realisieren-deutschlands-groesste-photovoltaik-parkplatzueberdachung-erster-von-insgesamt-sechs-bauabschnitten-der-neuen-carport-anlage-in-rackwitz-geht-ans-netz/
[4] https://www.pv-magazine.de/unternehmensmeldungen/560-kwp-bipv-projekt-in-ahrensburg-solarwatt-und-bartels-langness-entwickeln-solare-parkplatzueberdachung-fuer-famila-warenhaus/
[5] https://www.voltego.de/ladepark-hilden-optimierung-des-stromeinkaufes-durch-intelligente-speichersteuerung-voltego-flex
[6] https://www.energieatlas.bayern.de/energieatlas/praxisbeispiele/details,222
[7] https://www.solarwirtschaft.de/2023/01/23/mehr-spielraum-fuer-solarparks-und-solardaecher/
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Kombinierte-Nutzung-Wie-sich-Weideflaeche-fuer-Photovoltaik-Anlagen-nutzen-laesst-6236268.html
[9] https://solarcluster-bw.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/Nachrichten/2022/2022_01_Solar_Cluster_BW_PV-Netzwerk_Faktenpapier_Photovoltaik-Parkplaetze.pdf
[10] https://www.heise.de/select/tr/2019/9/1921810050998682805
[11] https://www.solarwirtschaft.de/2021/11/04/wirtschaft-warnt-zu-wenig-solardaecher/
[12] https://www.energie-experten.org/news/solarpflicht-ab-2023-in-diesen-bundeslaendern-ist-jetzt-eine-pv-anlage-pflicht
[13] https://oekozentrum.nrw/aktuelles/detail/news/uebersicht-zur-solarpflicht-fuer-gebaeude/
[14] https://derklimablog.de/politik/die-pflicht-es-besser-zu-machen-solar/
[15] https://www.heise.de/select/tr/2019/9/1921810050998682805
[16] https://www.node.energy/blog/die-3-haufigsten-betreibermodelle-fur-pv-auf-gewerbedachern
[17] https://www.ise.fraunhofer.de/de/leitthemen/integrierte-photovoltaik/urbane-photovoltaik-upv.html
[18] https://www.instagram.com/technologyreview_de/
[19] mailto:grh@technology-review.de