Marie Curie: "Sie sehen aus, wie Zauberlichter"
Am 26. Dezember 1898 wurde ihre Entdeckung von Radium bekannt. Damit verschaffte sich Marie Curie eine Position in der Welt der Physik, als diese MĂ€nner dominierten: Ein fiktives Interview mit Marie Curie.
TR: Madame Curie, Sie kommen gerade aus dem WeiĂen Haus. GlĂŒckwunsch zu dem Gramm Radium, das Sie von PrĂ€sident Warren Harding erhalten haben.âŠ
Marie Curie: Vielen Dank, ich bin hocherfreut darĂŒber.
Es ist 100.000 Dollar wert und muss abgeschirmt werden. Sie werden das doch nicht hier im Hotel haben?
Nein, das war heute eine symbolische Geste. Der BehĂ€lter mit dem echten Radium befindet sich noch in einem Safe in Pittsburgh. Ich kann es kaum erwarten, damit endlich wieder in meinem Labor in Paris zu sein und weiter zu forschen. Ich mache das ganze â verzeihen Sie meine Direktheit â Medientheater hier nur mit, weil ich mich fĂŒr diese groĂzĂŒgige Spende erkenntlich zeigen möchte.
Eine Spende, die von einer amerikanischen Journalistin ermöglicht wurde. Auf ihren Aufruf hin kam das Geld fĂŒr den Radiumkauf zustande.
Ja, ich bin Mrs. Marie Meloney zu groĂem Dank verpflichtet. Und deshalb habe ich mich auch bereit erklĂ€rt, VortrĂ€ge zu halten und Interviews zu geben. Aber ehrlich gesagt bin ich froh, wenn ich mich wieder ganz der Forschung widmen kann.
Marie Curie â Meilensteine ihres Lebens:
1867 Maria SkĆodowska wird in Warschau geboren.
1897 Marie beginnt ihre Doktorarbeit, in der sie die Ursache der von Henri Becquerel entdeckten Uranstrahlung aufklÀren will.
1898 Mit ihrem Mann Pierre entdeckt sie die radioaktiven Elemente Polonium und Radium.
1903 Der Nobelpreis fuÌr Physik geht je zur HĂ€lfte an Henri Becquerel fuÌr die Entdeckung und an die Curies fuÌr die Erforschung der radioaktiven Strahlung.
1906 Nach Pierres Unfalltod erhÀlt Marie als erste Frau in Frankreich einen Lehrstuhl.
1911 Sie gewinnt den Chemie-Nobelpreis fuÌr die Entdeckung des Radiums und Poloniums und
fuÌr die Isolierung des Radiums.
1914â1918 Marie richtet einen mobilen Röntgendienst und die erste Radiumtherapie ein.
1921 Sie erhÀlt von US-PrÀsident Harding ein Gramm Radium.
1934 Marie stirbt an einer Blutkrankheit als Folge der Strahlung, der sie ausgesetzt war â ein Jahr
bevor ihre Tochter IrĂšne Joliot-Curie und ihr Mann FrĂ©dĂ©ric 1935 den Chemie-Nobelpreis fuÌr die
Entdeckung der kuÌnstlichen RadioaktivitĂ€t erhalten.
Literatur:
Brigitte Röthlein: "Marie & Pierre Curie â Leben in Extremen", FackeltrĂ€ger, 2008, 320 Seiten, 22,95 Euro
Und dazu brauchen Sie das gespendete Radium, denn Ihr Vorrat ist, wie ich hörte, fast aufgebraucht?
In der Tat. Das, was wir noch nicht fĂŒr Messungen verbraucht hatten, haben wir im Krieg fĂŒr die Therapie von Soldaten verwendet. Ich arbeite immer noch mit den Resten des Gramms, das ich fĂŒr meine Doktorarbeit mĂŒhsam aus acht Tonnen Pechblende-RĂŒckstĂ€nden gewonnen habe.
Wie kamen Sie auf die Idee, dass in diesem Abfall noch weitere radioaktive Elemente sein könnten?
Das war eine logische Ăberlegung. Pechblende strahlte bis zu fĂŒnfmal so stark, wie es das darin noch enthaltene restliche Uran vermuten lieĂ. Also haben mein Mann Pierre und ich es so lange mit SĂ€uren in seine Bestandteile aufgelöst, bis wir schlieĂlich tatsĂ€chlich erst das Polonium und dann das Radium entdeckten.
Sie bekamen damals fĂŒr Ihre Doktorarbeit kein Labor, sondern nur einen zugigen Schuppen. Wie haben Sie es in dieser winters unbeheizten und sommers ĂŒberhitzten Baracke denn ausgehalten?
In diesem dĂŒrftigen Schuppen habe ich mit Pierre meine besten und glĂŒcklichsten Jahre verbracht. Ich musste schon im Studium mit wenig auskommen. Sehen Sie, ich hatte trotz allem eine wunderbare Chance: In meiner Heimat Polen durfte ich als Frau nicht studieren. Ich hĂ€tte höchstens als Lehrerin arbeiten können. FĂŒr mich aber gab es nie etwas Schöneres und Befriedigenderes als die Wissenschaft.
Auch wenn Sie körperlich hart arbeiten mussten, um das Mineral aufzuschlieĂen.
Das war in der Tat eine schreckliche Schufterei, die groĂen GefĂ€Ăe hin und her zu schaffen, die FlĂŒssigkeiten umzugieĂen und stundenlang mit einem Eisenstab die siedende Masse in einem Schmelztiegel umzurĂŒhren. Aber es war jede Anstrengung wert. Haben Sie schon mal in der Dunkelheit fluoreszierende radioaktive Substanzen gesehen? Sie sehen aus wie Zauberlichter.
Aus heutiger Sicht ist es beĂ€ngstigend, wie viel schĂ€dlicher Strahlung Sie ausgesetzt waren. Sie haben doch schon fruÌh an schmerzhaft entzuÌndeten Fingern gelitten und waren â genau wie ihr Mann â oft krank.
Es gab immer so viel zu tun, ich konnte mich damit nicht aufhalten. Im Ăbrigen bin ich nicht davon uÌberzeugt, dass das alles von der Strahlung kam. Es könnten auch die Chemikalien gewesen sein.
Aber Monsieur Curie hat nach seinem Selbstversuch mit einer Radiumsalz-Probe auf der Haut eine offene Wunde davongetragen!
Das ist etwas anderes. Diese Wirkung bei direktem Kontakt lieà uns hoffen, dass mithilfe der RadioaktivitÀt endlich Krebs geheilt werden könnte. Solche FÀlle gab es auch.
Unbestritten. Aber man wird die Dosis noch weit nach unten korrigieren. Im 21. Jahrhundert werden einige Krebsarten mit winzigen implantierten Strahlenquellen behandelt.
Winzig sagen Sie? Das ist ja hochinteressant! Ich wuÌsste zu gern, welche medizinischen Fortschritte noch daraus erwachsen werden.
Es wird GerĂ€te geben, die Krankheiten in bestimmten Organen aufspuÌren und daraus dreidimensionale Bilder herstellen können.
Wie im Kino? Als bewegtes Bild?
Ja, sogar das. Nur kleiner.
Es erfuÌllt mich mit groĂer Genugtuung, dass die FortfuÌhrung unserer Entdeckung menschliches Leid lindern kann.
Das taten Sie ab 1914, als der Weltkrieg ausbrach, sogar persönlich. Wieso haben Sie sich nicht in Sicherheit gebracht?
Ich musste mich doch nuÌtzlich machen, das ist doch selbstverstĂ€ndlich.Also habe ich mich fuÌr mobile Röntgenstationen eingesetzt, die ihre eigene Stromversorgung haben. In vielen Kliniken gab es nĂ€mlich entweder gar keine RöntgengerĂ€te oder keinen Strom dafuÌr. Die Französische Frauenunion stellte uns einen Wagen und Geld fuÌr einen Röntgenapparat sowie einen elektrischen Generator zur VerfuÌgung. Ăber Beziehungen konnte ich noch Fotoplatten, Chemikalien und BleischuÌrzen beschaffen.
Sie haben mit 47 Jahren sogar noch den FuÌhrerschein gemacht und einen der Wagen, die im Volksmund liebevoll "Petits Curies" hieĂen, selbst gefahren.
In der Tat. Wenn wir von einem Krankenhaus angefordert wurden, fuhren wir hin und machten die Apparatur innerhalb einer Stunde einsatzbereit. Dann konnten die Ărzte bei verletzten Soldaten Gewehrkugeln und Splitter genau ausfindig machen und sie so leichter entfernen. Aber dasâŠ
âŠhat Ihnen nicht gereichtâŠ
âŠes sind doch oft Tage vergangen, bis die Soldaten endlich in ein Lazarett kamen. Bis dahin hatte sie ihre Verletzung oft schon umgebracht. Ich habe gefordert â und durchgesetzt â, dass wir die Soldaten gleich vor Ort, hinter der Front, untersuchen können.
Bei den EinsĂ€tzen fuhr auch Ihre erst 17-jĂ€hrige Tochter IrĂšne mit. Auch in Ihrem Institut ist sie Ihre Mitarbeiterin. Glauben Sie, sie wirdâŠ
Ăa suffit, das ist zu persönlich. Nur so viel: Sie kann alles erreichen, was sie will, auch den Nobelpreis.
Wie recht Sie haben, Madame.
(jle [1])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3918238
Links in diesem Artikel:
[1] mailto:jle@heise.de
Copyright © 2017 Heise Medien