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Steckt in jedem ein Troll?

Rachel Metz

Provozierende oder beleidigende Kommentare im Internet sind ein wachsendes Problem. Wie US-Forscher herausgefunden haben, lassen sich selbst ansonsten freundliche Menschen leicht dazu hinreißen.

Wahrscheinlich glaubt jeder von sich selbst, eine ganz nette Person zu sein, wenn es darum geht, Kommentare im Internet abzugeben. Eine neue Studie aber zeigt, dass unter den richtigen Bedingungen jeder zum unangenehmen Troll werden kann. Online-BelÀstigungen sind seit vielen Jahren ein Problem, und es wird immer gravierender. Von sozialen Netzwerken wie Twitter breitet es sich zunehmend in die hintersten Winkel des Internets aus.

Aber wer genau sind die Trolle? Laut einem Experiment von Forschern an den UniversitĂ€ten Stanford und Cornell könnte tatsĂ€chlich jeder von uns dahinter stecken: Wie sich zeigte, kann es ausreichen, schlechte Laune zu haben und Troll-Kommentare von anderen zu sehen, und schon schreibt man selbst hĂ€ssliche Bemerkungen. Ein Fachaufsatz [1] ĂŒber die Studie soll Ende Februar bei einer Konferenz in den USA [2] vorgestellt werden.

Wie die Forscher schreiben, soll ihre Arbeit die Vorstellung in Frage stellen, dass negative Kommentare nur von antisozialen Menschen verfasst werden, die in dunklen RĂ€umen sitzend Gemeinheiten in soziale Medien und Diskussionsforen schreiben. Außerdem wollten die Forscher herausfinden, ob es Möglichkeiten gibt, das Auftreten von Trollen vorherzusagen.

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FĂŒr ihre Studie mussten die Forscher zunĂ€chst fĂŒr die richtige Stimmung sorgen. Dazu verteilten sie RĂ€tsel, die in einer bestimmten Zeit gelöst werden sollten. Bei manchen Teilnehmern waren die RĂ€tsel schwieriger gestaltet, um sie zu verĂ€rgern, bei anderen einfacher. Anschließend mussten alle Probanden eine Liste von Fragen zu ihrer Stimmung beantworten.

Danach beteiligten sie sich an einer Online-Diskussion ĂŒber einen Artikel ĂŒber die US-PrĂ€sidentschaftswahl, unter dem bereits entweder friedliche oder trollige BeitrĂ€ge standen. Wie die Forscher feststellten, wurden die meisten Troll-Kommentare abgegeben, wenn die Verfasser in schlechter Stimmung waren und andere hĂ€ssliche Bemerkungen unter dem Artikel gesehen hatten. Konkret erhöhte schlechte Stimmung die Wahrscheinlichkeit dafĂŒr, dass jemand zum Troll wurde, um 89 Prozent, das Sehen von Troll-Kommentaren um 68 Prozent.

Außerdem haben die Forscher 16 Millionen Kommentare auf der Website von CNN analysiert. Dort stammte ein Viertel der Kommentare, die als beleidigend klassifiziert wurden, von Personen, die bis dahin nichts Derartiges geschrieben hatten; wenn bereits negative BeitrĂ€ge unter einem Artikel standen, folgten meist weitere. DarĂŒber hinaus zeigte sich, dass die meisten Troll-Postings abends und an Montagen eingestellt werden. Beides sind Zeiten, zu denen Menschen laut anderen Studien tendenziell schlechter gelaunt sind.

Kathryn Seigfried-Spellar, die sich als Assistant Professor an der Purdue University mit Trollen und Online-BelĂ€stigung beschĂ€ftigt, spricht sich allerdings fĂŒr eine differenziertere Betrachtung aus: Dass jemand einen negativen Kommentar abgebe, macht ihn nicht gleich zum Troll. "Ich könnte mich ja auch einfach so fĂŒhlen", sagt sie. "In diesem Fall verleihe ich einem GefĂŒhl in mir Ausdruck, aber ich versuche nicht unbedingt, Sie damit abzulenken oder zu Ă€rgern."

(sma [5])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3619980

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.cs.cornell.edu/%7Ecristian/Anyone_Can_Become_a_Troll_files/anyone_can_become_a_troll.pdf
[2] https://cscw.acm.org/2017/
[3] https://www.heise.de/hintergrund/Troll-Jaeger-2834049.html
[4] https://www.heise.de/hintergrund/Algorithmus-soll-zuverlaessig-Online-Stoerenfriede-erkennen-2617971.html
[5] mailto:s.mattke@gmail.com