Vollgas zurĂŒck?
Neue Quellen an Ăl und Gas gefĂ€hrden die globale Energiewende. Droht mit dem fossilen Boom das Aus fĂŒr sparsame Schiffe, gedĂ€mmte HĂ€user und Elektroautos?
Neue Quellen an Ăl und Gas gefĂ€hrden die globale Energiewende. Droht mit dem fossilen Boom das Aus fĂŒr sparsame Schiffe, gedĂ€mmte HĂ€user und Elektroautos?
Ganz Europa wird 2050 mit Ăkostrom versorgt. Millionen von Elektroautos, SchnellzĂŒgen und Biosprit-Flugzeugen sichern die MobilitĂ€t. Viele Szenarien halten diese Zukunft fĂŒr realistisch. Doch sie rĂŒckt in immer weitere Ferne. Die Ursache ist eine Energiewende der ganz anderen Art. Statt reihenweise WindrĂ€der wachsen derzeit Tausende von BohrtĂŒrmen aus dem Boden â vor allem in den USA. Angezapft werden gigantische Vorkommen an Ăl und Gas, die lange Zeit wegen zu hoher Kosten und unzureichender Technologie brachlagen. Förderraten steigen, Preise fallen. Damit sind zumindest jenseits des Atlantiks die erneuerbaren Energien ins Straucheln geraten. Schon wirkt sich der regionale Boom fossiler EnergietrĂ€ger kostensenkend auf den Weltenergiemarkt aus. Der russische Konzern Gazprom kĂŒndigte bereits an, noch in diesem Jahr eine Milliarde Euro an seine europĂ€ischen GroĂkunden zurĂŒckzuzahlen.
So steigt auch in Europa und Asien der Erfolgsdruck auf die Erzeuger grĂŒnen Stroms. Den Erneuerbaren droht im Energiewettlauf schon kurz nach einem vielversprechenden Start die Puste auszugehen. In Deutschland dĂŒrfte die heftige Debatte um den Preis der Energiewende andauern. âDie Erneuerbaren werden sich nicht so schnell entwickeln, wie sie solltenâ, fĂŒrchtet Richard Miller, Geologe und fĂŒhrender Ălexperte beim renommierten Oil Depletion Analysis Centre in London. âUnd das werden wir im Jahr 2020 sehr bereuen.â
Weltweit decken Wasser, Wind, Biomasse und Sonne gerade mal rund zwölf Prozent des Energiebedarfs, fossile EnergietrĂ€ger dagegen ĂŒber 80. Dass die KohlevorrĂ€te noch Jahrhunderte reichen werden, ist seit Langem klar. Wenn nun auch noch Ăl und Gas weit lĂ€nger zur VerfĂŒgung stehen als gedacht, hat das tiefgreifende Folgen: Spritschluckende Autos blieben ein Verkaufsschlager. Wind-, Wasser- oder Solarprojekte dagegen mĂŒssen um ihre Rendite bangen. Die fĂŒr den Klimaschutz so wichtige GebĂ€udedĂ€mmung wĂŒrde sich nicht mehr rechnen. Als Vorteil lieĂe immerhin der Preisdruck auf Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Reis nach, weil Biosprit unrentabel und weniger AckerflĂ€che fĂŒr Energiepflanzen genutzt wĂŒrde. DafĂŒr aber rĂŒckt selbst das pessimistischste Klimawandel-Szenario in den Bereich des Möglichen, weil der weltweite CO2-AusstoĂ weiter zunimmt. So dĂŒster die Prognose ist, so wahrscheinlich erscheint derzeit ihr Eintreffen â obwohl der Eindruck an deutschen Tankstellen das Gegenteil nahelegt.
Wie groĂ diese Gefahr ist, zeigt die Geschichte des Schiefergases: In den USA boomt die Förderung aus gigantischen Reservoiren in Pennsylvania und Virginia, Montana oder Texas. Dicht an dicht stehen die BohrtĂŒrme, mit denen bis heute Zehntausende Löcher bis in die gasfĂŒhrenden, teils einige Kilometer tiefen Schichten gebohrt wurden. Diese verlaufen nicht nur senkrecht nach unten, sondern können sich ĂŒber weite Strecken auch waagerecht verzweigen. Um das gebundene Gas freizusetzen, pressen die Förderunternehmen unter Hochdruck pro Bohrloch etwa zehn Millionen Liter Wasser, angereichert mit Sand und einem teilweise giftigen Chemikalien-Cocktail, in die Tiefe (siehe TR 10/2010, S. 32). Ins Gestein werden dabei dauerhaft Spalten gerissen, durch die das Gas austritt und zur OberflĂ€che gespĂŒlt werden kann. Die chemischen ZusĂ€tze sollen das Wasser zum einen verdicken, um möglichst effizient solche âFracsâ zu erzeugen. Zum anderen dienen Additive wie SĂ€uren, Antikorrosionsmittel und Biozide dazu, Verstopfungen und störenden Bewuchs zu vermeiden.
Gegen die Methode protestieren viele Bewohner in den Gasregionen, weil sie eine Verseuchung des Grundwassers, Erdbeben und unkontrollierte Methangas-Austritte befĂŒrchten. Als Reaktion suchen die Förderunternehmen nach einer wirksamen Additivmischung, die komplett ohne giftige ZusĂ€tze auskommen soll. Weiterbohren werden sie auf alle FĂ€lle. Denn die LagerstĂ€tten enthalten etwa 7,7 Billionen Kubikmeter Erdgas und bilden damit das weltweit fĂŒnftgröĂte Vorkommen. Die Quelle ist zu verlockend, um Förderunternehmen wie Shell, Devon Energy oder ExxonMobil von der Ausbeutung abzuhalten. Allein in den vergangenen fĂŒnf Jahren ist die Förderung um fast 25 Prozent angestiegen, und sie wird weiter zunehmen. Der Lobbyorganisation âPotential Gas Committeeâ zufolge könnte sich das Land noch hundert Jahre lang mit dem fossilen Brennstoff versorgen.
Als Folge sackte der US-Gaspreis von ĂŒber 10 Dollar pro MaĂeinheit (eine Million British Thermal Units, BTU) auf zeitweise unter zwei Dollar ab. FĂŒr Wind- und Solarenergie ist es mit heutigen Technologien unmöglich mitzuhalten. David Victor, Energieexperte an der University of California in San Diego, prophezeit: âAuf die Windkraft kommt ein regelrechtes Blutbad zu.â
Einen Vorteil hat der Gas-Boom allerdings: Er verdrĂ€ngt auch die heimische und importierte Kohle aus den Kraftwerken. Das Erdklima profitiert, da die Gasverbrennung pro erzeugte Kilowattstunde weniger als die HĂ€lfte an CO2 freisetzt. Aktuelle Zahlen der U.S. Energy Information Administration (EIA) belegen, dass der Kohlendioxid-AusstoĂ der USA schon dieses Jahr mit knapp ĂŒber fĂŒnf Milliarden Tonnen auf das Niveau von 1990 schrumpfen wird. Der Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken, staatlich gefördert mit jĂ€hrlich etwa 15 Milliarden Dollar, stĂŒtzt diesen Wandel nur mit einem Anteil von weit unter zehn Prozent. Eine langfristige Beurteilung, was der Gas-Boom fĂŒr den Klimawandel bedeutet, will Michael Greenstone, Ăkonom am MIT, allerdings nicht abgeben: âIm Moment gibt es zwei Deutungen: Entweder ist der Gas-Boom eine âblaue BrĂŒckeâ in eine grĂŒne Zukunft, oder er bringt das Aus fĂŒr Erneuerbare.â
(wst [1])
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