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"Was wir in Sachen Lockdown unternommen haben, das gab es noch nie"

Ben Schwan
BĂ€r mit Maske

(Bild: Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash)

Autorin Laura Spinney hat einen Bestseller ĂŒber die Spanische Grippe geschrieben. GegenĂŒber Technology Review Ă€ußert sie sich zur zweiten Corona-Welle.

Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen der Coronavirus-Pandemie und der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren gibt, dann die, dass sie in mehreren Wellen kam. Allerdings besteht bei COVID-19 noch die Hoffnung, dass die zweite Welle milder ausfĂ€llt – jedenfalls im Hinblick auf die Zahl der Toten und Schwerkranken, selbst wenn aufgrund wieder stark ansteigender Infektionszahlen neue Maßnahmen ergriffen werden mĂŒssen.

Bei der Spanischen Grippe kam ein erschwerender Faktor hinzu, wie Laura Spinney, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des vielbeachteten Bestsellers "Pale Rider" [1] ĂŒber die Superseuche, im GesprĂ€ch mit Technology Review sagt. "Es gibt viele Belege dafĂŒr, dass das Virus im FrĂŒhjahr 1918 mutiert ist und die Krankheit sehr viel ansteckender, sehr viel gefĂ€hrlicher war, als sie im August wiederkehrte."

Laufe es wie 1918, könne das Virus mutieren und noch virulenter werden, das sei möglich, aber unwahrscheinlich. "Coronaviren sind biologisch sehr viel gefestigter als Grippeviren. Auf ganz lange Sicht ist es wahrscheinlich, dass das Virus uns weniger gefÀhrlich wird und wir lernen, mit ihm zu leben."

Wer sich mit der Geschichte der Spanischen Grippe beschĂ€ftigt, wird lernen, dass auch vor 100 Jahren eine Maskendebatte herrschte. In StĂ€dten wie San Francisco schickte der BĂŒrgermeister Polizisten auf die Straße, um sicherzustellen, dass die Menschen Mund und Nase bedeckten. "Menschen sind nicht gut darin, ihre Freiheit auf lĂ€ngere Zeit einschrĂ€nken zu lassen", sagt Spinney. "FĂŒr kurze Zeit ist es ihnen möglich, doch leider verlangt so eine Pandemie, dass Disziplin gewahrt wird, zum Beispiel wenn es darum geht, eine Maske ĂŒber lĂ€ngere Zeit zu tragen, und das mögen wir nicht."

"Was wir in Sachen Lockdown unternommen haben, das gab es noch nie"

Die Autorin Laura Spinney.

(Bild: Studio Cabrelli)

Persönliche empfinde sie es nicht als eine massive EinschrĂ€nkung ihrer Freiheit, eine Maske zu tragen. "Denken wir doch mal ein paar Monate zurĂŒck, wo wir uns alle auf die Balkone gestellt haben und den Ärzten, Krankenpflegern und dem medizinischem Personal applaudiert haben, weil sie buchstĂ€blich ihr Leben riskiert haben, um fĂŒr Patienten zu sorgen, in diesem ersten Gipfel der Pandemie. Haben wir das schon wieder vergessen?"

Das Freiheitsstreben hat sich seit 1918 nicht geĂ€ndert. Allerdings ist der Lockdown, den viele westliche LĂ€nder umgesetzt haben, geschichtlich einzigartig – denn den gab es bei der Spanischen Grippe nicht. "Was wir in Sachen Lockdown unternommen haben, das gab es noch nie. Sowas haben wir noch nie in solch einer umfassenden, breiten und organisierten Weise unternommen. Auch wenn der europĂ€ische Lockdown nicht vergleichbar ist mit dem in Wuhan. Da kam niemand rein, niemand raus."

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In Deutschland warnt Spinney vor dem sogenannten PrĂ€ventionsparadox. Das sei in mancher Hinsicht eine richtige Tragödie. "[Deutschland] wird zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Man war so frĂŒh so gut darin, die Kurve flach zu halten, sodass viele Leute nicht verstehen, nicht sehen, warum sie sich noch an die EinschrĂ€nkungen halten mĂŒssen."

Insgesamt sei es schwieriger geworden, den Leuten Disziplin zu vermitteln. "Als wir alle zuhause bleiben mussten, wussten wir noch, wo wir sind und was wir zu tun gefragt sind. Und es war eben nur fĂŒr einen kurzen Zeitraum. Jeder war mehr oder weniger bereit, fĂŒr die gemeinsame Anstrengung einen Teil seiner Freiheit einzubußen, um [den Ausbruch] unter Kontrolle zu bringen."

Spinney sieht Gefahren fĂŒr die Wirtschaft, warnt aber davor, Regeln auszusetzen. "Ich denke, grundsĂ€tzlich muss man sich mit dem Kollateralschaden auseinandersetzen, aber sie sind kein Argument gegen die EindĂ€mmungsmaßnahmen, um die Kurve flach halten und Menschenleben vor COVID zu schĂŒtzen.“

(bsc [3])


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