Wichtige Forscher fordern Moratorium fĂŒr genmanipulierte Babys
In der Debatte um gezielte DNA-VerĂ€nderungen an menschlichen Embryos melden sich Ethik-Experten und NobelpreistrĂ€ger aus den USA zu Wort: Bis zur KlĂ€rung wichtiger Fragen soll es ausschlieĂlich Grundlagenforschung geben.
In der Debatte um gezielte DNA-VerĂ€nderungen an menschlichen Embryos melden sich Ethik-Experten und NobelpreistrĂ€ger aus den USA zu Wort: Bis zur KlĂ€rung wichtiger Fragen soll es ausschlieĂlich Grundlagenforschung geben.
Eine Gruppe von bedeutenden Wissenschaftlern und Ethik-Experten aus den USA hat sich in die Debatte um Genmanipulationen an Menschen eingeschaltet. Nach ihrer Darstellung steht Technologie, mit der sich die DNA kommender Generationen verĂ€ndern lĂ€sst, âkurz vor der Umsetzungâ.
Zu der Gruppe gehören 18 Forscher, darunter 2 NobelpreistrĂ€ger, die ihre Politikempfehlungen Mitte MĂ€rz in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten: Bis Sicherheits- und medizinische Fragen solcher AktivitĂ€ten besser verstanden sind, sollte die Wissenschaft sich selbst ein Moratorium fĂŒr jegliche Versuche auferlegen, genetisch verĂ€nderte Kinder zu schaffen.
Die Sorgen drehen sich um eine in schneller Weiterentwicklung befindliche Technologie zum Editieren von Genomen namens CRISPR-Cas9, mit der Wissenschaftler relativ problemlos die Genome von lebenden Zellen und Tieren verÀndern können. Mit der Technologie wÀre es auch möglich, DNA-Buchstaben in einer Embryo- oder Eizelle zu korrigieren, um zum Beispiel Kinder ohne bestimmte krankheitsverursachende Gene oder sogar mit gezielt verbesserter Genausstattung zu erschaffen.
âWir versuchen, die Ăffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass so etwas jetzt einfach istâ, sagt David Baltimore [1], NobelpreistrĂ€ger und frĂŒherer President des Caltech, einer der Autoren des Beitrags. âDie Ausrede, die wir frĂŒher benutzt haben, nĂ€mlich dass es so schwierig ist, dass es niemand versuchen wird, gilt heute nicht mehr.â
Viele Staaten haben âKeimbahnâ-Manipulationen â also genetische VerĂ€nderungen, die von einer Generation zur nĂ€chsten weitergegeben werden â aus Sicherheits- oder EthikgrĂŒnden bereits verboten. Auch in den USA gibt es strenge Vorschriften, die das Schaffen von genverĂ€nderten Kindern um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verzögern wĂŒrden. In manchen LĂ€ndern aber existieren nur lose Regeln oder sogar gar keine dazu. Einer der GrĂŒnde dafĂŒr, dass sich die Forscher jetzt zu Wort melden, ist laut Baltimore, âdass wir die Leute davon abhalten wollen, etwas VerrĂŒcktes zu tun.â
Erstmals wurde in den 1970er Jahren die FĂ€higkeit entwickelt, DNA in Mikroorganismen gezielt zu verĂ€ndern. Mit dem Aufkommen von CRISPR kommen jetzt Fragen wieder auf, die schon damals gestellt wurden: Bei einem mittlerweile berĂŒhmten Treffen im Jahr 1975 in Asilomar in Kalifornien verstĂ€ndigten sich Forscher darauf, bestimmte Arten von Experimenten zu vermeiden, die zu dieser Zeit als gefĂ€hrlich galten. Baltimore gehörte zu den Organisatoren des Treffens. Nach seinen Worten wollen die an der neuen Stellungnahme beteiligten Wissenschaftler jetzt bei genmanipulierten Babys Ă€hnliche Leitlinien einrichten.
Die Möglichkeit genetisch verÀnderter Menschen ist mittlerweile bemerkenswert nah. Vor einem Jahr haben chinesische Forscher Affen geschaffen, deren DNA mit Hilfe von CRISPR editiert worden war.
Seitdem haben mehrere Forscherteams aus China, den USA und GroĂbritannien damit begonnen, mittels CRISPR die DNA von menschlichen Embryos, Eizellen und Spermien zu verĂ€ndern, zumeist in der Absicht, die Technologie bei kĂŒnstlichen Befruchtungen im Labor einzusetzen.
Anfang MĂ€rz hatten Vertreter eines Branchenverbandes, der Alliance for Regenerative Medicine [2], in der Fachzeitschrift Nature ein noch weiter gehendes Moratorium angeregt. Demnach sollten auch derartige Laborversuche eingestellt werden, denn sie seien âgefĂ€hrlich und ethisch inakzeptabelâ [3].
Die Autoren des neueren Aufrufs in Science aber wollen nicht so weit gehen. In ihren Augen sollte die Grundlagenforschung bei Keimbahn-Manipulationen fortgesetzt werden, um herauszufinden, âwelche klinischen Anwendungen, wenn ĂŒberhaupt, in Zukunft als akzeptabel angesehen werden könntenâ.
Organisiert wurde die Stellungnahme von Jennifer Doudna [4], einer Biologin von der University of California in Berkeley, die zu den Entdeckern der CRISPR-Technologie gehört. Wie sie bestĂ€tigt, unterstĂŒtzt die Gruppe die Nutzung der Technologie fĂŒr das Editieren von menschlichen Embryos in einem frĂŒhen Stadium, soweit dies nur der wissenschaftlichen Forschung dient.
Diese Empfehlung könnte Kritikern von Keimbahn-Manipulationen vorkommen wie eine Zeitbombe, ebenso wie religiösen Gruppen. Manche sind der Ansicht, es mĂŒsse eine klare Trennlinie geben, die dafĂŒr sorgt, dass die Menschheit von Genmanipulationen frei bleibt, wie sie bei Pflanzen, Mikroben und Tieren vorgenommen werden. Doch welchen Sinn hĂ€tte es dann, die Technologie an menschlichen Embryos zu testen?
Einige der Autoren des Science-Aufrufs sind der Ansicht, dass die Grundlagenforschung freie Hand haben sollte. âDie Wissenschaft sollte in ihren frĂŒhesten Phasen nicht von Bedenken behindert werden, dass Verbesserungen und Validierungen mancher Teile dieser Technologie die TĂŒr in Richtung Eugenik öffnenâ, sagt Paul Berg [5], emeritierter Professor an der MedizinfakultĂ€t der Stanford University, der ebenfalls zu den Unterzeichnern gehört. Berg ist nach eigener Darstellung dafĂŒr, âdie Technologie zu perfektionieren, um vorbereitet zu sein fĂŒr die Zeit, wenn die Gesellschaft Keimbahn-Manipulationen in der Medizin akzeptabel finden könnte.â
Um das Editieren von Genen herum ist bereits eine wachsende Branche entstanden. Die Technologie wird bei Labortieren und Ackerpflanzen eingesetzt, ĂŒber die Behandlung von erwachsenen Menschen mit Krankheiten wie Muskelschwund oder einer HIV-Infektion wird nachgedacht. Solche Anwendungen bei kranken Personen werden als somatische Gentherapie bezeichnet. Auf diesen Bereich beziehen sich die aktuelle Stellungnahme und der Aufruf zu einem Moratorium nicht.
In der Theorie lieĂen sich mit Keimbahn-Editierungen jedoch schon vor der Geburt Gene korrigieren, die tödliche Erkrankungen auslösen. Wenn ein Mensch beispielsweise durch ein einzelnes fehlerhaftes Gen an der Huntington-Krankheit leidet, lieĂe sich CRISPR nutzen, um seine Kinder von der Mutation zu befreien.
Das Biotechunternehmen OvaScience [6] aus dem US-Bundestaat Massachusetts hat bereits mehr als 2 Millionen Dollar investiert, um herauszufinden, ob sich das Gen-Editieren bei kĂŒnstlichen Befruchtungen einsetzen lĂ€sst. Auf Anfragen zu diesem Thema kam von OvaScience keine Reaktion.
Das Korrigieren von geerbten Krankheitsgenen könnte sich als medizinisch hilfreich erweisen, doch wie die Autoren des Science-Beitrags schreiben, ist noch vieles daran unsicher. âSelbst dieses scheinbar einfache Szenario wirft Fragen aufâ, heiĂt es in Bezug auf das Umeditieren von fehlerhaften Genen in ihre gesunde Form. Der Grund: Noch können Forscher nicht alle Folgen voraussagen, die das VerĂ€ndern eines DNA-Buchstabens bei einem Menschen hĂ€tte, vor allem nicht, wenn mehrere Gene gleichzeitig korrigiert werden.
âMan wĂŒrde damit Ănderungen fĂŒr alle kommenden Generationen auslösen, und zwar auf sehr schwer vorhersagbare Weiseâ, sagt Baltimore.
In ihrem Beitrag regen die Wissenschaftler die Einrichtung von hochkarĂ€tigen technischen Foren fĂŒr Diskussionen ĂŒber CRISPR an. AuĂerdem solle es eine âweltweit reprĂ€sentativeâ Gruppe aus Regierungsbehörden, Ethik-Experten und Wissenschaftlern geben, die politische Empfehlungen erarbeiten. In der Zwischenzeit sollten Wissenschaftler auf die Erzeugung von genetisch verĂ€nderten Babys verzichten, auch wenn sie inzwischen theoretisch möglich wĂ€re.
Dazu der Aufruf: âWissenschaftler sollten nicht einmal versuchen, lockere Rechtslagen zu nutzen, um Manipulationen am Keimbahn-Genom fĂŒr klinische Anwendungen in Menschen vorzunehmen.â
(sma [7])
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https://www.heise.de/-2596101
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bbe.caltech.edu/content/david-baltimore
[2] http://alliancerm.org/
[3] http://www.nature.com/news/don-t-edit-the-human-germ-line-1.17111
[4] http://rna.berkeley.edu/
[5] https://med.stanford.edu/profiles/paul-berg
[6] http://www.ovascience.com/
[7] mailto:s.mattke@gmail.com
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