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Wie vor 30 Jahren das World Wide Web entstand

| Detlef Borchers

UrsprĂŒnglich vernetzte das World Wide Web die Rechen­zentren von Teilchenforschern. Doch dann knĂŒpften andere Einrichtungen und die ersten GoldgrĂ€ber mit.

Die Genfer Zentrale der EuropĂ€ischen Organisation fĂŒr Kernforschung CERN in den achtziger Jahren: ein Kommen und Gehen. Nur 3000 der 10.000 im internen Telefonbuch verzeichneten Wissenschaftler gehörten zum CERN selbst, beschreibt Tim Berners-Lee in seinem Essay "A Brief History of the Web" [1] die Situation; der Rest waren Wissenschaftler aus aller Herren LĂ€nder. Wer verstehen will, warum und wie das World Wide Web in die Welt kam, muss sich in dieses Gewusel hineindenken.

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Die Computer- und Netzwerkinfrastruktur am CERN: ein ziemlich wildes Patchwork unterschiedlicher Systeme. Berners-Lee hatte sich eine Hypertext-Anwendung geschrieben, mit der er die Beziehungen zwischen Personen, Programmen und Hardware festhalten konnte. Eines Tages wurde ihm klar, dass so etwas wie sein Programm fĂŒr alle zur VerfĂŒgung stehen sollte, um Informationen auszutauschen. Im MĂ€rz schlug er seinem Chef, Mike Sendall, vor, ein solches System umzusetzen. Der gab grĂŒnes Licht.

Schon in Tim Berners-Lees erstem Projektvorschlag fand sich die Anforderung, dass Web-Dokumente unabhĂ€ngig vom Rechner und Betriebssystem fĂŒr jeden lesbar sein mĂŒssen. Im Oktober 1990 hatte Berners-Lee drei wesentliche Elemente dafĂŒr formuliert, die auch heute noch technische Eckpfeiler der Web-Architektur bilden: einen ersten Entwurf der Auszeichnungssprache HTML, Uniform Resource Identifiers, mit denen sich Ressourcen im Netz adressieren lassen, sowie HTTP als Übertragungsprotokoll fĂŒr WWW-Inhalte.

Um Weihnachten 1990 herum lief WorldWideWeb, so hieß der erste Browser [3], auf Berners-Lees NeXT-Computer. Mit einem Browser, der nur auf NeXT-Systemen funktioniert, wĂŒrde sich sein System aber nicht durchsetzen, das war Berners-Lee klar. Er hatte daher im November 1990 die Praktikantin Nicola Pellow beauftragt, einen zeilenbasierten, plattformunabhĂ€ngigen Browser zu entwickeln, der auf einfachen Terminals WWW-Inhalte anzeigen konnte. Einen anderen Namen als "Line Mode Browser" [4] hat dieser nie erhalten. Als erste Serveranwendung hat ein Kollege Berners-Lees ein Gateway zum elektronischen Telefonbuch des CERN ins Netz gestellt.

Im Sommer 1991 folgte dann der erste "echte" Server. In dieser Zeit hat Berners-Lee sein Projekt auch zum ersten Mal in der Usenet-Gruppe alt.hypertext der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit der Zeit lieferten Interessierte Feedback in Form von Anregungen und auch BeitrĂ€gen zum Quellcode. 1992 war eine Handvoll Browser verfĂŒgbar. FĂŒr X-Window wurde an der Technischen UniversitĂ€t Helsinki (OTH) Erwise entwickelt (Otherwise ausgesprochen), gefolgt von Viola und einem rudimentĂ€ren Browser namens Samba fĂŒr den Mac.

1992 legte Tim Berners-Lee eine erste Liste von WWW-Servern an. Sie enthielt genau zehn EintrĂ€ge. Neben dem eigenen Server am CERN waren dies Informationsseiten an Ă€hnlichen Instituten wie dem Stanford Linear Acceleration Center, dem niederlĂ€ndischen Zentrum fĂŒr Partikelphysik (Nikef), dem französischen Institut fĂŒr Nuklear- und Partikelphysik (IN2P3), dem Fermilab und dem National Center for Supercomputing Applications (NCSA).

Der erste Webserver, der nicht fĂŒr die Belange der Nuklearphysik und ihrer Supercomputer installiert wurde, war HUJI, der Server der HebrĂ€ischen UniversitĂ€t von Jerusalem. Das Informationsangebot war komplett zweisprachig HebrĂ€isch/Englisch, womit HUJI auch der erste Server mit UnterstĂŒtzung fĂŒr Schriften und Browsereingaben in Rechts-Nach-Links-Schreibrichtung war. Am Museum fĂŒr Wissenschaft, Technik und Kunst in San Francisco entstand das "Exploratorium": Es war der erste Versuch, mit Texten und Bildern ein virtuell zu begehendes Museum zu errichten.

Im selben Jahr meldete sich die Politik zu Wort. Al Gore, damals "Running Mate" des PrÀsidentschaftskandidaten Bill Clinton, lobte in einem Vorwort des "Internet Companion" das Internet in den höchsten Tönen: "Man kann Tausende von Datenbanken und Schwarze Bretter besuchen, die alles Mögliche behandeln, von mittelalterlicher französischer Literatur bis hin zur globalen ErwÀrmung."

Und weiter: "Weil das Internet ein Netzwerk von Netzwerken ist, gibt es nicht den einen Platz, an dem man sich ĂŒber Inhalte informieren kann und den einen Weg, wie man an die Informationen kommt. Viele Nutzer mussten sich auf andere, auf Freunde oder Kollegen verlassen, wenn sie Informationen ĂŒber das Internet suchten. Deshalb ist es gut, dass es diesen Internet Companion gibt, als Einstieg in das Internet, der auch die Verkehrsregeln im Netz erklĂ€rt." Ein kĂŒnftiger VizeprĂ€sident der USA, der die Leser und angehenden Netznutzer ermahnt, die Netiquette zu beachten: Das ist die US-Version von "Neuland".

Berners-Lee erklĂ€rte in seinem ersten Entwurf fĂŒr das spĂ€tere WWW auch das Prinzip der Hyperlinks.

(Bild: CERN)

1993 wurde die "Acceptable Use Policy" der National Science Foundation geĂ€ndert. Durften bislang nur Forschungseinrichtungen und UniversitĂ€ten die KapazitĂ€ten des "Netzwerk von Netzwerken" benutzen, so wurde die BeschrĂ€nkung vorsichtig gelockert und um kommerzielle Angebote erweitert. Das hieß zunĂ€chst vor allem, dass kommerzielle Onlinedienste wie Compuserve und America Online (AOL) sich am vorhandenen Internetangebot bedienten.

Doch die Kommerzialisierung brachte auch neue Dienstleistungen hervor. Eine der ersten Firmen, die auf die Änderung reagierten, war Anyware Associates: Unter Awa.com bot man fĂŒr 5 Dollar pro Seite einen weltweiten Internet-zu-Fax-Service an. Als erster Verlag verkaufte O’Reilly seine BĂŒcher ĂŒber das Netz: Das Verlagsprogramm musste man mit gopher ora.com abrufen. Mit dem Webservice "Global Network Navigator" (GNN) startete der Verlag O’Reilly den ersten eigenen WWW-Dienst, der als Verzeichnis aller Webserver konzipiert war.

Ein Verzeichnis war auch sinnvoll, denn das Web wuchs nun schon wesentlich schneller: Ende 1993 zĂ€hlte man bereits 623 Webserver, darunter auch deutsche Angebote. Viele dieser Webserver wurden von Studenten aufgesetzt, die sich fĂŒr das neue Informationsangebot begeisterten. An der FU Berlin entstand, ebenfalls von Studenten programmiert, mit drei EintrĂ€gen das "Verzeichnis deutscher WWW-Server" analog zum Verzeichnis deutscher FTP-Server der Uni Karlsruhe.

Die ersten drei Server standen an den UniversitĂ€ten Berlin, Dortmund und Karlsruhe. SpĂ€ter hatte das DFN-Projekt unter entry.de eine eigene Webadresse und listete circa 33.000 ĂŒberprĂŒfte deutsche Webangebote auf, als der Dienst am 30.12.2000 abgeschaltet wurde. Einer der ersten halbwegs kommerziellen Server war ĂŒbrigens www.ix.de, der im Dezember 1992 von der Redakteurin Kersten Auel fĂŒr ein Hypertext-Projekt kompiliert wurde. Er lief zunĂ€chst im Intranet des Heise-Verlages, ehe er 1993 im Internet auftauchte.

Beim CERN gibt es einen Nachbau des Line Mode Browsers, den man in einem modernen Browser ausprobieren kann.

Parallel zur Verbreitung der Server entstanden auch neue Browser. DOS-Rechner wurden ab 1993 mit dem Textbrowser Lynx von der UniversitĂ€t von Kansas WWW-fĂ€hig. Schließlich gewann die WWW-UnterstĂŒtzung mit dem Browser Mosaic enorm an Fahrt. Das hatte auch Nachteile: Tim Berners-Lee selbst beschreibt in seinen Erinnerungen, wie sich die Mosaic-Entwickler vom National Center for Supercomputing Applications (NCSA) der UniversitĂ€t von Illinois als Stars auffĂŒhrten und sich als Zentrum der WWW-Entwicklung sahen. "Beim NCSA waren Sachen nicht ‚im Web‘, sie waren ‚in Mosaic‘."

UnglĂŒcklicherweise begannen auch die Medien, die sich nur oberflĂ€chlich mit dem Thema Internet befassten, Mosaic als Äquivalent fĂŒr das Web zu beschreiben. Der Trend wurde noch ausgeprĂ€gter, als O’Reilly gemeinsam mit dem Unternehmen Spry begann, sein Angebot "Internet in a Box" zu verkaufen. Diese Ibox fĂŒr Windows enthielt zum stattlichen Preis von gut 100 US-Dollar auf fĂŒnf 3,5-Zoll-Disketten eine Version des Mosaic-Browsers, einen TCP/IP-Stack fĂŒr Windows, den man damals benötigte, um Windows 3.1 ans Internet zu bekommen, sowie ein Nutzerkonto fĂŒr InterServ, dem Provider-Angebot von Spry.

Dazu packte man freie Software wie FTP-, Telnet- und Gopher-Clients sowie ein dickes Buch vom Verlag O’Reilly, den "Whole Internet User’s Guide and Catalog" von Ed Krol in der erweiterten Ausgabe von 1993, in der erstmals dieses World Wide Web beschrieben wurde. Das kĂŒrzeste Kapitel des Buches beschĂ€ftigte sich mit dem Anlegen einer eigenen Homepage: "Im Moment ist es so: Wenn Sie keinen NeXT besitzen, haben Sie kein GlĂŒck. Es soll aber Leute geben, die direkt in HTML schreiben können. Warten Sie einfach, bis das Web explodiert ist."

Das Versandhaus Quelle war hierzulande eine der treibenden KrĂ€fte hinter der Öffnung des Web fĂŒr die Allgemeinheit.

Mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Web verĂ€nderten sich auch Websites, die ursprĂŒnglich als Hobbyprojekte gestartet waren. Aus dem Webserververzeichnis "Jerry’s Guide to the World Wide Web" des Studenten Jerry Yang von der UniversitĂ€t Stanford wurde Yahoo!, der erste Internetkonzern. Ein anderes Beispiel waren studentische Filmfreaks, die aus der Usenet-Newsgroup rec.arts.movies die Internet Movie Database (IMDB) im Web aufsetzten. Ähnlich startete IUMA, das Internet Underground Music Archive. Studenten richteten zunĂ€chst einen Gopher- und FTP-Service fĂŒr digitalisierte Musik unabhĂ€ngiger Musiker ohne Plattenvertrag ein, der 1994 als Webangebot startete.

Yahoo – hier ein Screenshot von 1994 – avancierte im wachsenden Web zur wichtigsten Navigationshilfe der Surfer.

Richtig bekannt wurde IUMA, als man 3000 Dollar fĂŒr alle Eltern versprach, die ihrem Baby den Namen Iuma gaben. Auch das erste Nachrichtenangebot entstand in Tippelschritten: Die NandO Times der Tageszeitung "News & Observer" von Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina war zunĂ€chst ein Mailbox-Angebot, ehe sie 1994 zur beliebtesten News-Seite des WWW wurde, weil sie die Meldungen vieler Agenturen kostenlos ins Web stellte. NandO wurde bereits 1995 verkauft und 2003 eingestellt.

Ein weiteres Angebot der ersten Stunde war Angelfire. UrsprĂŒnglich ein studentischer Service, der medizinische Fachbegriffe erlĂ€uterte, mutierte die Website zu einem Webhoster. Auch bei Geocities.com, einem weiteren Web-Star der ersten Stunde, legten Millionen von Anwendern ihre blinkenden, grellbunten Seiten an.

Von Anfang an komplett kommerziell ausgerichtet waren nur wenige Angebote, etwa die Comp-U-Cards von CUC International, ein Angebot von Rabattkarten und Kaufauktionen, das unter Namen wie "Shoppers Advantage" zunĂ€chst nur auf Diensten wie Compuserve und America Online verfĂŒgbar war. Als die Firma 1995 im Web startete, war sie mit 20 Millionen Kartenbesitzern mit einem Schlag der weltgrĂ¶ĂŸte Onlinemarkt, wie es die WWW Business Resources List meldete, die an der UniversitĂ€t von Minnesota in Duluth gepflegt wurde. CUC International kaufte zahlreiche frĂŒhe Internetangebote auf, ging aber im Jahr 1998 in dem bis dahin grĂ¶ĂŸten BilanzfĂ€lschungsskandal unter, der den AktionĂ€ren einen Verlust von 16 Milliarden US-Dollar bescherte.

Im Oktober 1994 startete Pathfinder, das spektakulĂ€rste DebĂŒt jener Zeit: ein sehr aufwendig programmiertes Portal fĂŒr alle Zeitschriften des Time-Warner-Konzerns wie Time, Fortune oder People. Als "weltgrĂ¶ĂŸtes Online-Angebot fĂŒr Texte, Bilder und Star-Daten" beworben, kostete die WebprĂ€senz des Konzerns erstaunliche 120 Millionen US-Dollar, bis sie 1999 eingestellt wurde.

Vieles, was heute selbstverstĂ€ndlich ist, mussten die WWW-Pioniere erst lernen – etwa, dass eine starke Marke unter der Domain www.Marke.com zu finden sein muss. Das Time-Warner-Management ließ Domains wie Time.com oder Fortune.com aber nicht zu, weil es Pathfinder groß machen wollte.

Ohne viele skurrile Sites hĂ€tte das frĂŒhe Web nicht den Erfolg gehabt, den es lange vor der Dotcom-Blase hatte. Mit "The Doomsday Brunette" startete der Buchautor John Zakour eine Mischung aus Science Fiction und Detektivroman, die schnell zum Kultbuch avancierte. Surfer konnten in Kommentaren VorschlĂ€ge zum weiteren Verlauf der Handlung machen, die von Zakour und seinem Team aufgenommen wurden.

Das "Virtual Frog Dissection Kit" war eine weitere solche KuriositĂ€t. Eine grafisch hĂŒbsch gemachte Anleitung des Lawrence Berkeley Laboratory erklĂ€rte, wie man Frösche seziert. Paul Philipps sammelte solche FundstĂŒcke auf seinen "Useless Pages": Der Mosaic-Programmierer und spĂ€tere Netscape-GrĂŒnder Marc Andreessen nannte die Sammlung "eine der besten Websites im Netz".

In Deutschland wurden 1992 aus dem universitĂ€ren Umfeld heraus zwei Forschungsprojekte privatisiert. So entstanden die Internet-Provider Xlink in Karlsruhe und Eunet in Dortmund, letzterer bereits mit einem kleinen Internetshop, ĂŒber den etwa die Fachbuchhandlung J. F. Lehmanns zu erreichen war. Als eigenstĂ€ndiger Webservice wurde von Eunet die "Bundesdatenautobahn" unter der Adresse nda.net in Betrieb genommen.

Hier fand man ab 1993 Angebote wie das von Frank Frankens Teehandlung aus Oldenburg: Studenten der Fachhochschule Flensburg sollten im Rahmen einer Facharbeit einen Webshop entwickeln und betreiben. So verkaufte die Teehandlung Franken ihre Produkte im Internet, ohne ĂŒberhaupt an dieses angeschlossen zu sein. Die Studenten hatten eine Faxweiche programmiert und so trudelten die Bestellungen per Fax in Oldenburg ein.

Auf der Bundesdatenautobahn gab es ausgewĂ€hlte Texte aus dem Spiegel und das aktuelle Inhaltsverzeichnis. Die Hamburger Wochenzeitschrift zog es vor, alle Artikel auf Compuserve anzubieten, da dort der Abruf einzelner Texte kostenpflichtig war. Eines der populĂ€rsten Angebote des frĂŒhen Web war www.uni-karlsruhe.de/~rail, die Abfrage der Bahnverbindungen in Deutschland. Dieser Service der Bundesbahn lief eigentlich im btx-System, doch hatte man in Karlsruhe ein Web-Gateway entwickelt.

Der Zugang zum Internet und damit zum Web war hierzulande zunĂ€chst eine exklusive Angelegenheit. Die Provider wie Eunet und Xlink, bald darauf gefolgt von MAZ und GTN, waren auf Firmenkunden aus, die selbst eine WebprĂ€senz betreiben wollten. FĂŒr einfache Anwender waren die monatlichen NutzungsgebĂŒhren viel zu hoch, vielfach waren auch die Einwahlpunkte weit entfernt und verursachten zusĂ€tzliche Surfkosten. Mitunter sperrten UniversitĂ€ten den Zugang zum World Wide Web.

So erfreute sich "Doctor Bob’s Guide to Offline Internet Access" von Bob Rankin großer Beliebtheit. Die in 28 Sprachen ĂŒbersetzte Anleitung erklĂ€rte, wie man sich Inhalte ĂŒber E-Mail-Kommandos zuschicken lassen konnte. Der erste Ansturm auf das Internet in Deutschland erfolgte erst mit dem Start von Germany.net. Der von Michaela Merz 1994 gegrĂŒndete "kostenlose" Internet-Provider finanzierte sich durch Werbeeinblendungen in die laufenden Surf-Sessions und kam recht schnell auf 400.000 registrierte Nutzer.

"Das Internet" als ein in der Öffentlichkeit wahrgenommenes, allgemein verfĂŒgbares Informationssystem kam aber erst im September 1995, als die Deutsche Telekom allen 850.000 btx-Nutzern eine Internet-CD-ROM zuschickte. Diese CD kam mit der Hauszeitschrift "Com!" (zuvor btx-Magazin), die das Internet erklĂ€rte. Der Schritt ins Offene geschah auf Druck von Großkunden wie dem Versandhaus Quelle, das seinen Katalog von btx auf einen Webserver umgestellt hatte.

Das World Wide Web hat seine AnfĂ€nge in den Rechenzentren der Nuklearphysiker und Teilchenforscher. So verwundert es nicht, das Anfang 1993 am internationalen Zentrum fĂŒr theoretische Physik der UniversitĂ€t Triest der Physiker Enrique Canessa einen Webserver installierte und ihn "Who’s Online" benannte. Hier sollte sich jeder Physiker mit seinem Forschungsgebiet und seiner Publikationsliste vorstellen. Schnell trugen sich jedoch alle möglichen Personen ein, vom Astronomen bis zum Web-Admin. Who’s Online mutierte zu DOC, zum "Directory of Cyberneticians".

Das GefĂŒhl, einer globalen Gemeinschaft anzugehören, brachte die unterschiedlichsten Menschen zusammen. 1993 erschien das Buch "The Virtual Community" von Howard Rheingold. In ihm beschreibt Rheingold seine Erfahrungen mit der WELL (Whole Earth ’Lectronic Link), einem 1986 gestarteten Mailbox-System auf der Basis eines Unix-Rechners. Mit dem Web, da war sich Rheingold sicher, werden ĂŒberall auf der Welt Gemeinschaften entstehen, die sowohl digital wie physisch zusammengehen. Ein Beispiel war die "Digitale Stadt Amsterdam" (De Digitale Stad, DDS) eine Mischung aus Mailbox und Webserver, die kurz nach ihrer Eröffnung bereits im Januar 1994 bereits ĂŒber 10.000 Einwohner hatte.

Hinter dem Projekt der digitalen Stadt stand ein eigens dafĂŒr gegrĂŒndeter Internet-Provider namens XS4all (Access for all), von niederlĂ€ndischen Hackern gegrĂŒndet und in der Telepolis 1996 als "kompromissloser Graswurzel-Server" beschrieben, der einen billigen, lokalen Netzzugang fĂŒr alle bereitstellte. Die Kompromisslosigkeit wurde in der Anfangszeit des Web auf eine Probe gestellt, als einer der Stadtbewohner Texte der deutschen Zeitschrift "radikal" auf seiner Homepage veröffentlichte. Einer der Texte beschrieb, wie man eine Eisenbahn zum Entgleisen bringt. Das war wiederum Anlass fĂŒr die Politikerin Angela Marquard von der PdS, auf ihrer Webseite beim Provider Compuserve 1996 eine Debatte ĂŒber Militanz einzufordern – mit einem Link auf ebenjenen Text der radikal.

Prompt reagierte die Staatsanwaltschaft mit dem ersten Versuch, das Internet zu zensieren. Die deutschen Provider wurden im September 1996 aufgefordert, die WebprĂ€senz von XS4all zu sperren, weil dort ein Text zugĂ€nglich war, der nach deutschem Recht verboten sei. Gegen die VerfĂŒgung, der einige Firmen folgten, erhob sich internationaler Protest. Ist das Web frei oder muss es zensiert werden? Der Disput ĂŒber Meinungsfreiheit wurde 1998 abgebrochen, weil der Text auf Betreiben der Deutschen Bahn gelöscht wurde. Zu diesem Zeitpunkt war das Web lĂ€ngst damit beschĂ€ftigt, die Dotcom-Blase aufzupusten. Doch das ist eine andere Geschichte.


Bill Gates hat 1995 einmal gesagt: „A browser is a trivial piece of software“. Wie falsch er damit liegen sollte, zeigt der aufschlussreiche Browser-Stammbaum, den wir hier nur zum Teil wiedergeben können: bis zum Start von Apples Browser Safari (unten rechts). Viele Entwickler haben sich an der Programmierung von Browsern versucht; die meisten sind (auch) an der komplexen Materie gescheitert.

(Bild: ADeveria, CC BY-SA 3.0 [5])

Microsoft hatte die Bedeutung des Internet generell und des offenen Web zunĂ€chst falsch eingeschĂ€tzt und auf das proprietĂ€re Microsoft Network (MSN) gesetzt. Den Boden gutmachen wollte der Konzern, indem er Ende der 90er-Jahre mit harten Bandagen seinen Internet Explorer in den Markt gedrĂŒckt hat. Der Kampf mit dem zunĂ€chst vorherrschenden Netscape Navigator um Marktanteile wurde auch als „Browserkrieg“ bezeichnet. Die Entwicklung gipfelte in einem Antitrust-Verfahren des US-amerikanischen Justizministeriums, zeitweise stand eine mögliche Zerschlagung Microsofts im Raum.

Der Internet Explorer ist mittlerweile an seiner eigenen KomplexitĂ€t erstickt – Microsoft schaffte es nicht mehr, dieses Browser-Monstrum zu pflegen. Auch der Nachfolger, Edge, war ein Misserfolg. Microsofts neuester Browser, der ebenfalls Edge heißt, teilt sich wesentliche Teile seines Codes mit Googles Chrome, der erst 2008 erschien. Beide setzen auf Blink zum Rendern der Webseiten, gehören also zur grĂŒn hinterlegten Browserfamilie, die heute den mit Abstand grĂ¶ĂŸten Teil der Browser ausmacht. Alleine Chrome hat ĂŒber alle Plattformen hinweg einen Marktanteil von ĂŒber 50 Prozent. Nimmt man alle verwandten Browser wie Samsung Internet, Edge und Opera hinzu, ist der Markanteil noch grĂ¶ĂŸer. Einen bedeutenden aktuellen Browser mit einer Trident-Engine fĂŒr die Darstellung der Inhalte (blau hinterlegt) dagegen gibt es nicht mehr.


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c't RETRO

Dieser Artikel stammt aus c't-RETRO. In der Spezialausgabe der c't werfen wir einen Blick zurĂŒck auf die ersten IBM-PCs und beleuchten den Siegeszug von Windows. Sie finden darin Praxis, Tests und Storys rund um Technik-Klassiker. Wir erinnern an Karl Klammer, stellen einen neuzeitlichen IBM-XT-Nachbau fĂŒrs Vintage-Computing vor und erlĂ€utern, wie Sie Daten von verkratzten CDs und Uralt-Festplatten retten können. c't RETRO ist ab sofort im Heise Shop [6] und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk erhĂ€ltlich.

(jo [7])


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