Wundersame Sechseckschichten
Vom Schmiermittel zum neuen Elektronik-Werkstoff? Das Material MolybdÀnit zeigt in ein Atom starken Schichten Àhnliche Eigenschaften wie das hochgelobte Graphen.
Vom Schmiermittel zum neuen Elektronik-Werkstoff? Das Material MolybdÀnit zeigt in ein Atom starken Schichten Àhnliche Eigenschaften wie das hochgelobte Graphen.
Bei der Suche nach neuen Materialien fĂŒr nanoelektronische Anwendungen stoĂen Wissenschaftler immer noch auf ĂŒberraschende Entdeckungen. Chemiker der ETH Lausanne haben nun gezeigt, dass auch ein Atom starke Schichten aus dem blau-grauen MolybdĂ€nit fĂŒr Transistoren, LEDs und biegsame Solarzellen interessant sein könnten. Die schwefelhaltige Mineralverbindung MoS2 wird bislang vor allem als Schmiermittel benutzt.
Ăhnlich wie die Kohlenstoffschichten aus Graphen hat âzweidimensionalesâ MolybdĂ€nit herausragende elektronische und optische Eigenschaften, die bei der dreidimensionalen Form fehlen. Mit einer Kristallstruktur, in der die Atome schichtweise zu Sechsecken angeordnet sind, gleicht der Aufbau von MolybdĂ€nit dem von Graphit (dessen Einschicht-Variante das Graphen ist), das ebenfalls als Schmiermittel eingesetzt wird. Die Lausanner Gruppe um Andras Kis [1] hat aus dem Material nun einen ersten Transistor-Prototyp hergestellt.
Die technischen Details beschrieben die Forscher jetzt in der Fachzeitschrift Nature Nanotechnology: Sie zerstieĂen zunĂ€chst MoS2-Kristalle, die sich zwischen gefaltetem Klebeband befanden. Dieses entfernten sie und hoben so eine erste Kristallschicht ab. Den Vorgang wiederholten sie solange, bis einlagiges MolybdĂ€nit ĂŒbrig blieb. AnschlieĂend ĂŒbertrugen sie diese hauchdĂŒnne Schicht auf ein Substrat und ĂŒberzogen es mit einem isolierenden Material. Mittels Photolithograpie fĂŒgten die Forscher Gatter-, Quell- und Abflusselektroden hinzu, so dass ein Transistor entstand. Laut Kis sind die LadungstrĂ€ger in dem MoS2-Transistor Ă€hnlich beweglich wie in Graphen-NanobĂ€ndern.
Das Interesse an zweidimensionalen elektronischen Materialien hat seit der ersten erfolgreichen Herstellung von Graphen durch Andre Geim und Kostya Novoselov im Jahre 2004 â im vergangenen Jahr mit dem Physiknobelpreis honoriert [2] â deutlich zugenommen. Bislang habe Graphen als das Nonplusultra dieser Materialklasse gegolten, sagt James Hone [3], Ingenieur an der Columbia University. Hone hatte mit Kollegen gezeigt, dass die Festigkeit von Graphen alle anderen bekannten Werkstoffe ĂŒbertrifft. Die Arbeit der Gruppe aus Lausanne werde MolybdĂ€nit stĂ€rker ins Rampenlicht rĂŒcken, ist sich Hone sicher. âWir werden nun schauen, wie man die LeistungsfĂ€higkeit des Materials steigern kann.â
Der Vorteil von MolybdĂ€nit ist, dass es bereits im reinen Zustand ein Halbleiter ist. In einem Halbleiter mĂŒssen Elektronen energetisch angeregt werden, um die so genannte BandlĂŒcke zu ĂŒberspringen und sich in einem elektrischen Feld zu bewegen. Graphen hingegen weist eine solche BandlĂŒcke nur auf, wenn es etwa zu NanobĂ€ndern mit ganz regelmĂ€Ăigen Kanten verarbeitet wird. âDie BandlĂŒcke zu öffnen, ist eine sehr knifflige Arbeitâ, sagt James Tour [4], Chemiker an der texanischen Rice University, der seit Jahren an diversen Nanomaterialien forscht.
Deshalb liegt das Potenzial von Graphen weniger darin, Silizium zu ersetzen, als vielmehr in sehr schnellen analogen Schaltkreisen etwa fĂŒr Radaranwendungen. Die halbleitenden MolybdĂ€nitschichten könnten sich wegen ihrer natĂŒrlichen BandlĂŒcke fĂŒr Solarzellen, LEDs und andere opto-elektronische Bauteile eignen. Ob es auch fĂŒr integrierte Schaltkreise gut genug ist, mĂŒsse nun untersucht werden, sagt Phaedon Avouris [5], der die IBM-Gruppe fĂŒr Graphen-Elektronik leitet. Wichtig sei auch, ob die Materialeigenschaften von MolybdĂ€nit ausreichten, um elektrische Signale zu verstĂ€rken. âDeshalb ist es noch zu frĂŒh zu sagen, wie groĂ das Potenzial des Stoffs istâ, gibt sich Avouris vorsichtig.
Ein anderer Vorteil von MolybdĂ€nit ist allerdings seine VerfĂŒgbarkeit: âSie können das Zeug tonnenweise kaufenâ, weiĂ James Hone. Das AbschĂ€len von Schichten, wie es die Kis-Gruppe praktiziert hat, eigne sich aber nicht fĂŒr groĂe Mengen an MoS2-Schichten. Er denkt eher an flĂŒssige Suspensionen mit solchen Schichten fĂŒr die Produktion von biegsamen dĂŒnnen Solarzellen. âBevor die Industrie sich auf MolybdĂ€nit einlĂ€sst, braucht man aber ein Herstellungsverfahren im groĂen Stilâ, sagt Avouris.
Kis hofft erst einmal, dass seine Arbeit andere Chemiker ermuntert, sich mit dem neuen Material zu befassen. James Tour ist zuversichtlich, dass nun andere Forscher folgen. Graphen sei am Anfang auch schwierig zu handhaben gewesen. Die Erfahrungen, die man mit Graphen gemacht habe, könnten aber der Forschung mit MolybdÀnit sehr zugute kommen, so Tour.
Das Paper:
Radisavljevic, B. et al.: "Single-layer MoS2 transistors", Nature Nanotechnology, Online-Veröffentlichung 30.1.2011 (Abstract [6]).
(nbo [7])
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[1] http://people.epfl.ch/andras.kis
[2] http://www.heise.de/tr/blog/artikel/Guter-Kohlenstoff-boeser-Kohlenstoff-1105255.html
[3] http://hone.mech.columbia.edu/
[4] http://www.jmtour.com/
[5] http://www.research.ibm.com/nanoscience/group.html
[6] http://www.nature.com/nnano/journal/vaop/ncurrent/abs/nnano.2010.279.html
[7] mailto:nbo@bitfaction.com
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