Biometrie: Das Gesicht lÀsst sich nicht abschalten
Entwickler arbeiten daran, Personen in Echtzeit im öffentlichen Raum zu identifizieren. Die erfassenden Kameras sind dabei oftmals nicht mal zu erkennen.
Was Sie mit Ihrem Smartphone machen, wohin Sie mit ihm gehen, wonach Sie im Internet suchen und mit wem Sie kommunizieren: Sie mĂŒssen immer davon ausgehen, dass Dritte Ihre Online-ÂAktivitĂ€ten auswerten könnten. Aber als cât-ÂLeser Âwissen Sie das und haben gelernt, möglichst wenig Datenspuren zu hinterlassen.
FrĂŒher oder spĂ€ter wird man Sie allerdings verfolgen können, ohne dafĂŒr diese Spuren auswerten zu mĂŒssen. Der SchlĂŒssel dafĂŒr ist Ihr Gesicht. LĂ€ngst arbeiten Entwickler daran, Personen in Echtzeit im öffentlichen Raum wiederzuerkennen. Können maschinelle Gesichtserkenner erst einmal zuverlĂ€ssig Menschen in freier Wildbahn ausÂmachen, wĂ€ren Sie identifizierbar, wo immer eine Kamera Sie erfasst. Besonders perfide: Sie sehen oft nicht einmal die Kameras, die Sie im Bild haben.
Dass einige Unternehmen auf dem Feld der ÂGesichtserkennung mit wenig Skrupel agieren, Âzeigte die Firma Clearview AI. Sie hat sich ohne nachzufragen drei Milliarden bei Facebook und anderen sozialen Medien veröffentlichte Fotos heruntergeladen, um ihre Personensuchmaschine zu trainieren. Wer nicht freiwillig zum DatenÂspender werden will, darf seine Bilder daher nur privat teilen oder muss sie fĂŒr Gesichtserkenner unbrauchbar machen. Das ist auch deshalb wichtig, weil man diese Fotos fĂŒr IdentitĂ€tsdiebstahl missbrauchen kann.
Noch arbeiten die Gesichtserkenner nicht sonderlich zuverlĂ€ssig [1]. Systeme, die bei der Fahndung nach Verbrechern zum Einsatz kommen, produzieren viel zu viele falsche Treffer, wobei sie Menschen mit dunkler Hautfarbe ĂŒberproportional oft mit Gesuchten verwechseln. IBM, Amazon und Microsoft haben daher unter dem ÂEindruck der Massenproteste gegen Rassismus und ÂPolizeigewalt die Konsequenzen gezogen: Microsoft und Amazon bieten ihre Software den US-ÂPolizeibehörden nicht mehr an. IBM zieht sich sogar vollstĂ€ndig aus dem GeschĂ€ft mit Gesichtserkennung zurĂŒck. Doch das verschafft uns allenfalls ein wenig Zeit, in der wir noch nicht unter Massenbeobachtung stehen. Wir sollten sie nutzen, um zu diskutieren, ob eine solche Technik ĂŒberhaupt zu einer freiheitlichen ÂGesellschaft passt.
Jo Bager
Dieser Artikel stammt aus c't 14/2020. [2]
(jo [3])
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