Star Trek Picard, die Zweite: C'est de la merde!
Eine Rezension zum Staffelauftakt der zweiten Runde von Star Trek Picard. Leider wird diese Serie anscheinend eher schlechter als besser.

Mon Capitaine: Auch in der zweiten Staffel trifft Picard wieder auf mehrere alte Bekannte
(Bild: CBS, StarTrek.com)
Die erste Folge der zweiten Staffel von Star Trek Picard ist bei Amazon Prime angelaufen. Es folgt eine Rezension dieses Werkes, die Spoiler für die Folge enthält. Was wohl auch schon mal verraten werden kann: Gut ist dieser Staffelauftakt nicht. Vor allem nicht, wenn man seit Jahrzehnten Fan ist.
Wie die erste Staffel beginnt auch Staffel Nummer Zwei auf der Erde. Schnell zieht es unseren Winzer und widerwilligen Sternenflotten-Senior allerdings wieder ins Weltall. Denn es hat sich eine Raumspalte aufgetan und die Borg rufen seinen Namen. Nein, das ist kein SpaĂź, das ist in der Tat der Plot der ersten Folge. Dazu gesellen sich ZeitsprĂĽnge, das Paralleluniversum und unser guter alter Freund Q.
Appellation d'origine contrôlée
Gleich der Anfang der Folge enthält eine Einstellung, die in einem Sekundenbruchteil das Problem mit der ganzen Serie verdeutlicht. Wir sehen das Etikett auf einer Flasche Rotwein von Picards Weingut. Dort steht: Château Picard, Grand Vin de Bordeaux. Dazu muss man wissen, dass wir in einer Folge der vierten Staffel von Star Trek Next Generation aus dem Jahre 1990 sehen, wie Captain Picard auf sein heimatliches Weingut zurückkehrt, während die Enterprise im Weltraumdock im Orbit repariert wird. Picards Heimatort ist das Dorf La Barre in Frankreich. In Frankreich gibt es zwei Dörfer mit diesem Namen, beide liegen im Burgund im Osten des Landes. Demnach hatten die Macher der aktuellen Serie in der ersten Staffel den Wein auch korrekt mit Bourgogne-Franche-Comté beschriftet, dem modernen Namen des Burgunds. Warum ist Picards Weingut dann jetzt auf einmal in Bordeaux, auf der anderen Seite des Landes an der westlichen Atlantikküste?
Das liegt einfach daran, dass es seit mehr als einem halben Jahrhundert ein echtes Château Picard gibt und die Serienmacher nun in Zusammenarbeit mit diesem Weingut einen Wein auf den Markt gebracht haben, der das Etikett aus der Serie trägt. Dieser Wein wird jetzt in den USA an Trekkies verkauft; mit einem Preisaufschlag von knapp 300 Prozent. Und weil Franzosen nun mal strenge Gesetze für die Herkunftsbezeichnung von Lebensmitteln haben, konnte man auf diesen Wein nicht einfach wie in der ersten Staffel der Serie Bourgogne-Franche-Comté schreiben. Picards Heimatweingut wurde also nach mehr als dreißig Jahren etablierter Hintergrundgeschichte kurzerhand nach Bordeaux verlegt. Weil die Story weniger wichtig ist, als das Geld, das man damit verdienen kann. Wie der Franzose sagen würde: C'est de la merde! (Das ist ein ganz schöner Mist!)
FrĂĽher war alles besser
Das Wein-Dilemma beschreibt aber nicht nur das Problem mit dieser Serie, sondern auch mit dem Star Trek der Discovery-Ära im Allgemeinen. Die Drehbuchschreiber vollen neue Dinge tun und ihre Serien an den Massengeschmack und die politischen und soziologischen Marotten des Zeitgeists anpassen, schaffen es aber nicht, Werke zu schaffen, die auf ihren eigenen Beinen stehen. Im Gegensatz zu vergangenen Generationen von Drehbuchschreibern bei Deep Space Nine und Voyager, denen es gelang, neue Dinge mit neuen Figuren zu machen, die trotzdem im Geiste noch Star Trek waren, brauchen die heutigen Autoren etablierte Figuren wie Picard, Seven of Nine und Q, um wenigstens den Anschein von Star Trek zu erwecken. Nicht als Gaststars, um die Fans zu beglücken, sondern als Dreh- und Angelpunkt der Serie. Sie brauchen die Symbole und Titel der Star-Trek-Tradition – Schiffsnamen wie Stargazer und Excelsior – und nicht zuletzt den Namen Star Trek, weil sonst niemand ihre mittelmäßigen Geschichten auch nur ansatzweise interessant finden würde.
Das Ganze ist für eingefleischte Trekkies auch deswegen so schmerzhaft, weil die Figuren alter Serien – in diesem Falle Jean-Luc Picard – dazu degradiert werden, als Relikt der Vergangenheit zerlegt zu werden. Sie dienen dazu, die neuen Figuren der Serie schneller, besser und schlauer wirken zu lassen. Leider sind diese neuen Figuren aber unglaublich langweilig und die Autoren legen ihnen derart inhaltslose und dumme Dialoge in den Mund, dass am Ende der ganzen Aktion keiner mehr schlau oder souverän aussieht. Das Problem ist nicht, dass die Autoren Star Trek in eine neue Richtung führen wollen. Das Problem ist, dass sie es schlecht machen. Und dabei die Helden unserer Kindheit verheizen. Hauptsache am Ende steht Star Trek drauf und das Geld fließt in die Kasse.
Demontage einer Ikone
Der Picard dieser Serie ist ein alter, grenz-seniler Mann, der nur noch an sich zweifelt. Hatte in der ersten Staffel seine versagende Gesundheit zu einer Existenzkrise geführt, so ist es nun seine Einsamkeit und seine emotionale Distanz von anderen Menschen in seinem Leben. Warum die Autoren auf einmal auf die Idee kommen, einem über Achtzigjährigen müssten auf einmal schnulzige Herzschmerz-Dialoge aus einem schlechten Teenager-Film in den Mund gelegt werden, ist nicht nachzuvollziehen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Leute, die solche Serien heutzutage schreiben, absolut keine Ahnung davon haben, wie sich alte Menschen an ihrem Lebensabend fühlen. Weswegen der Figur des Jean-Luc Picard nun auch letztendlich jede nach der ersten Staffel noch verbliebene Würde genommen wird.
Captain Picard war immer jemand, der genau wusste, was er tut – und warum. In sieben Staffeln TNG gab es genug Folgen, die sich damit beschäftigt haben, welche Konsequenzen sein Ehrgeiz und seine Willenskraft für ihn selbst und seine Familie hatte. Die kurz angesprochene Folge auf dem Weingut handelt von seinem Zerwürfnis mit seinem verbitterten Bruder Robert, der das Weingut betreibt und den Jean-Luc bei seinem Eintritt in die Sternenflotte in La Barre zurückließ. Am Ende der Folge weint Jean-Luc bitterlich und setzt sich mit dem Schmerz auseinander, den er sich selbst und seinem Bruder mit seiner Flucht in die Sterne zufügte. Genauso werden in TNG die Liebesgeschichten von Picard behandelt und die Tatsache, dass er jede Hoffnung auf eine stabile Beziehung, oder gar eine eigene Familie, der Sternenflotte geopfert hat.
Im Laufe von TNG lernen wir Picard zu verstehen. Sehen, dass seine emotionale Distanz – auch zu seinen Offizieren – zu seinem Charakter gehört. Natürlich ist das ein Schutzmechanismus, der ihn in alltäglichen, familiären oder romantischen Situationen unbeholfen macht. Aber er gehört zu dieser Figur genauso wie das künstliche Herz und die Abwesenheit des Haupthaares. Die neue Serie brennt dies alles in wenigen Szenen nieder. Alles, was wir über Picard zu wissen glaubten, ist Schall und Rauch. In Wirklichkeit ist er ein mutloser, hoffnungsloser, ängstlicher alter Mann, der nur noch auf der Brücke eines Sternenflottenschiffs auftaucht, weil die Borg ihn persönlich als Unterhändler haben wollen. Ansonsten würde er wohl eher an einem gebrochenen Herzen und am Alkoholismus in Guinans neuer Bar zugrunde gehen, weil er es auch nach Jahrzehnten als Kommandant des Flaggschiffes der Föderation nicht schafft, einer Frau seine Gefühle zu gestehen.
Wahrscheinlich nichts fĂĽr Star-Trek-Fans
Star-Trek-Fans sollten sich auf keinen Fall diese Serie anschauen, nur weil Star Trek draufsteht. Man sollte vielleicht sogar so weit gehen, eingefleischten Trekkies davon abzuraten, Star Trek Picard zu sehen. Das führt nur zu Schmerz. Allem Anschein nach wird hier mal wieder ein Plot, der in den Neunzigern mit Ach und Krach für eine Doppelfolge gereicht hätte, auf zehn Folgen aufgeblasen. Plot-Löcher und handwerklich übel umgesetzte Dialoge werden mit reichlich Umhergerenne, Explosionen und Spezialeffekten verdeckt. Wir kennen das schon aus den Filmen von J. J. Abrams, der ersten Staffel Picard und zur Genüge von Discovery. Und zu allem Überfluss werden dann die Helden unserer Vergangenheit auch noch dazu missbraucht, das alles zu rechtfertigen. Jahrzehntelangen Fans zerstört diese Serie nur schöne Erinnerungen und versauert Gefühle, die wir mit Figuren verbinden, die uns seit unserer Jugend begleitet haben.
Jemand, der Picard nur als eine von vielen Serien bei Amazon Prime einfach so mal anguckt, ohne irgendwas Besonderes mit Star Trek zu verbinden, braucht das natürlich nicht zu interessieren. Als seichte Unterhaltung mit Explosionen und mehr oder weniger sinnfreiem Geplapper wird die Serie wohl funktionieren. Schön anzusehen ist sie ja. Da fallen dann ja auch die vielen Kontinuitätsfehler und die verfehlten Anspielungen auf frühere Serien nicht ins Gewicht. Ob das aber reicht, um Zuschauer für die übrigen neun Folgen der Staffel bei Laune zu halten, sei dahin gestellt.
(fab)