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20 Jahre ISS: Wie lange macht's die Internationale Raumstation noch?

20 Jahre ISS: Wie lange macht's die Internationale Raumstation noch?

Die ISS mit dem angedockten Space Shuttle Endeavour (2011)

(Bild: ESA/NASA)

Technikfehler, ein Leck und ein Beinahe-Crash: Die ISS kĂ€mpft kurz vor ihrem 20. JubilĂ€um mit großen Problemen. Wie lange hĂ€lt die Station noch durch?

Die Internationale Raumstation hat schwere Monate hinter sich. Immer wieder geriet die Weltraum-WG rund 400 Kilometer ĂŒber der Erde in den vergangenen Monaten in unrĂŒhmliche Schlagzeilen. Dabei hat die Mannschaft um den deutschen Astronauten Alexander Gerst eigentlich Grund zum Feiern: Die ISS wird 20 Jahre alt. Möglicherweise erlebt sie aber gerade ihre letzte Lebensphase.

Am 20. November 1998 wurde das erste russische Modul "Sarja" (Morgenröte) ins All geschossen. Seither ist die ISS immer weiter gewachsen, inzwischen ist sie etwa so groß wie ein Fußballfeld und technisch vielfĂ€ltig ausgerĂŒstet. "Die komplexeste, wertvollste & unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat", nennt Gerst seinen derzeitigen Wohn- und Arbeitsort [1]. Seit dem Jahr 2000 forschen ohne Unterbrechung Raumfahrer im Weltraumlabor. Gerst ist bereits zum zweiten Mal dort.

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Es war US-PrĂ€sident Ronald Reagan, der am 25. Januar 1984 die US-Raumfahrtagentur NASA mit der Entwicklung einer bemannten Raumstation beauftragte. Bald schon warben die Amerikaner bei den EuropĂ€ern um Teilhabe – auch um zu verhindern, dass dort an einer eigenen Station getĂŒftelt wird. Mit dem Ende der Sowjetunion 1990 entstand die ebenfalls nicht ganz selbstlose Idee, die Russen mit ins Boot zu holen. Eine Kooperation mit unzĂ€hligen Vorteilen etwa fĂŒr die VölkerverstĂ€ndigung nach dem Kalten Krieg – aber auch Nachteilen.

So wurde die Station grĂ¶ĂŸer als eigentlich geplant und gebraucht. Die meisten Bauteile stammen aus den USA und Russland. Mit dem in Bremen und Turin (Italien) gebauten Forschungslabor Columbus erhielt das Haus im Orbit 2008 auch ein europĂ€isches Zimmer [3]. Mit einer gemĂŒtlichen Herberge ist der Koloss nicht vergleichbar. Bei voller Besetzung gibt es kaum PrivatsphĂ€re, die speziell vorbereiteten Mahlzeiten kommen aus der TĂŒte. Waschmöglichkeiten zwischen Kabeln und Computern sind zwar spektakulĂ€r, das Prozedere ist aber mĂŒhselig, wie die Raumfahrer immer wieder dokumentieren. Viel Arbeitszeit muss fĂŒr die Wartung von GerĂ€ten und zum Putzen aufgewendet werden.

Columbus-Modul an der ISS (0 Bilder) [4]

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Vor allem wegen der LĂŒftungsventilatoren ist es zudem fortwĂ€hrend sehr laut, wie der US-Astronaut Scott Kelly in seinem kĂŒrzlich erschienenen Buch "Endurance" schreibt. Die ISS rieche vor allem nach den Ausgasungen der GerĂ€te und sonstigen Einrichtungen, "die wir auf der Erde als "Neuwagengeruch" bezeichnen". Hinzu komme der Körpergeruch und der des Abfalls, der zwar möglichst hermetisch isoliert, aber eben nur alle paar Monate entsorgt werde.

Über den Zustand der ISS gibt es zurzeit viele Spekulationen, auch weil die NASA und die russischen Kollegen von Roskosmos nur spĂ€rliche Informationen dazu geben. Die ISS dĂŒrfte trotz vieler NachrĂŒstungen ĂŒber die Jahre ziemlich gelitten haben. Auch Ă€ußerlich: EinschlĂ€ge verursachen immer wieder kleine Krater. Einige Male musste die ISS Weltraumschrott ausweichen und deswegen kurzfristig ihren Kurs Ă€ndern. Einmal durchschlug ein winziger Splitter ein Sonnensegel.

Bei einem seiner AußeneinsĂ€tze sei ihm plötzlich aufgefallen, wie ramponiert die ISS schon sei, schreibt Astronaut Kelly. Kosmische Teile und Weltraumschrott hĂ€tten kleine Vertiefungen und Kratzer verursacht, in die HandlĂ€ufe seien Löcher mit scharfkantigen RĂ€ndern geschlagen worden.

VorfĂ€lle wie dieser brachten die Crew bisher noch nie in ernsthafte Gefahr. Konsequenzen fĂŒr die Zukunft der ISS könnten aber zwei NotfĂ€lle haben, die noch immer nicht im Detail geklĂ€rt sind [6].

Seit im Sommer ein kleines Leck in der russischen Sojus-Kapsel einen Druckabfall in der ISS auslöste, kursieren wilde Spekulationen ĂŒber die Ursache. War es Pfusch, Sabotage oder einfach ein UnglĂŒck? Wenige Wochen spĂ€ter kam es erneut zu einem ernsthaften Zwischenfall: Ein Raketenfehlstart mit zwei Raumfahrern an Bord [7] endete zwar glimpflich, brachte aber den ganzen Zeitplan von Gersts Mission durcheinander. Wieder zweifelte man weltweit an der Sicherheit des Projekts.

Kritiker bezeichnen die ISS gerne als das teuerste GebĂ€ude der Welt – die Gesamtkosten seit 1998 liegen nach SchĂ€tzungen bei weit ĂŒber 100 Milliarden US-Dollar (ĂŒber 87 Milliarden Euro). Zu den exakten Ausgaben halten sich die ISS-Mitglieder bedeckt. Mehr als drei Milliarden Dollar zahlen allein die USA Berichten zufolge jedes Jahr fĂŒr den Betrieb.

Alexander Gerst zum zweiten Mal auf der ISS (20 Bilder) [8]

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Gerst und seine beiden Kollegen zurĂŒck auf der Erde
(Bild: NASA/Bill Ingalls)

Die EuropĂ€ische Weltraumorganisation ESA gibt an, bisher zehn Milliarden Euro in die ISS investiert zu haben – davon vier Milliarden in die Entwicklung und sechs in ISS-Operationen zwischen 2008 und 2018. Die grĂ¶ĂŸten ESA-Geber-LĂ€nder fĂŒr die Station sind Deutschland, Italien und Frankreich, wie die Agentur mitteilt.

Die große Errungenschaft sei die Einigung auf den gemeinsamen Bau der ISS, auf einen "Plan fĂŒr all diese LĂ€nder, gemeinsam langfristig erfolgreich zu arbeiten", gewesen, sagte Lynn Cline, die damals fĂŒr die NASA die Verhandlungen geleitet hatte. "Ich hoffe, dass dieser Plan in Zukunft ein Meilenstein in der Wissenschaft, der bemannten Raumfahrt und bei der Entwicklung hin zur nĂ€chsten Stufe sein wird."

Bislang ist der Betrieb des Raumlabors bis 2024 gesichert. Die ESA hĂ€lt es fĂŒr möglich, dass die Mitgliedsstaaten das Projekt bis 2028 verlĂ€ngern. Die Regierung von US-PrĂ€sident Donald Trump allerdings strebt bei der ISS einen Schnitt an und will eine Privatisierung vorantreiben. ESA-Chef Jan Wörner glaubt aber nicht an ein solches Engagement von Unternehmen. Der Gesamtbetrieb der Raumstation sei einfach zu teuer, sagte er einmal. Will niemand mehr den 450-Tonnen-Koloss nutzen, soll die ISS stufenweise – wie schon der russische VorgĂ€nger Mir – kontrolliert in den Pazifik stĂŒrzen.

Ob der politische Konflikt zwischen den beiden großen Finanzgebern USA und Russland den gemeinsamen Betrieb möglicherweise schon vor 2024 enden lĂ€sst, ist derzeit unklar. Im nĂ€chsten FrĂŒhjahr wollen die USA und Russland ĂŒber die Perspektiven verhandeln.

Bilder des deutschen Astronauten Alexander Gerst aus der ISS (20 Bilder) [10]

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Die Kuppel war einer der liebsten Aufenthaltsorte Gersts.
(Bild: ESA/NASA)

Dabei ist die ISS einer der wenigen Bereiche, bei der abseits der großen Politik gemeinsam erfolgreich Projekte realisiert werden. Hunderte Kilometer ĂŒber dem Boden könnte sie ein Beispiel fĂŒr die Erde sein, meint Gerst. "Wenn wir ĂŒber Kontinente hinweg so zusammenarbeiten können, dann können wir noch viel mehr zusammen erreichen", so der Astronaut. "Wir mĂŒssen es nur versuchen." (mho [12])


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[3] https://www.heise.de/news/Europas-Beitrag-zur-ISS-Weltraumlabor-Columbus-seit-10-Jahren-im-All-3961683.html
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/2365900.html?back=4225344;back=4225344
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/2365900.html?back=4225344;back=4225344
[6] https://www.heise.de/news/Leck-auf-der-ISS-entstand-wohl-durch-Pfusch-in-Russland-4155235.html
[7] https://www.heise.de/news/Sojus-Crew-landet-sicher-nach-Fehlstart-4188567.html
[8] https://www.heise.de/bilderstrecke/2459867.html?back=4225344
[9] https://www.heise.de/bilderstrecke/2459867.html?back=4225344
[10] https://www.heise.de/bilderstrecke/1374518.html?back=4225344
[11] https://www.heise.de/bilderstrecke/1374518.html?back=4225344
[12] mailto:mho@heise.de