25C3: CCC rÀt zum "Selbstschutz" vor biometrischer Vollerfassung
Hacker haben mehrere Wege vorgestellt, wie die gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe von FingerabdrĂŒcken beim Reisepass zu umgehen ist; zugleich warnten sie vor Sicherheitsproblemen beim geplanten elektronischen Personalausweis.
Vertreter des Chaos Computer Clubs (CCC [1]) haben mehrere Wege vorgestellt, wie die gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe von FingerabdrĂŒcken fĂŒr den elektronischen Reisepass [2] zu umgehen ist. "Fingerabdruckattrappen funktionieren wunderbar", verwies der Hacker "starbug" am gestrigen Montagabend auf SchwĂ€chen bei der Erfassung der biometrischen Merkmale auf den MeldeĂ€mtern. Die zwei bei den Behörden eingesetzten Scannertypen wĂŒrden zwar inzwischen sehr genaue Bilder liefern, fĂŒhrte der Sicherheitsexperte auf dem 25. Chaos Communication Congress (25C3 [3]) in Berlin aus. Man könne sich aber problemlos etwa die vom CCC veröffentlichten FingerabdrĂŒcke [4] von Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) in Folienform auf die eigenen Kuppen kleben und diese so in den Pass schleusen.
KĂŒnftig sei es auch machbar, sich den SchĂ€uble-Abdruck zudem in den Personalausweis zu packen, ergĂ€nzte CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Sie spielte damit auf die Möglichkeit an, gemÀà dem Beschluss [5] des Bundestags zur Ănderung des Personalausweisgesetzes freiwillig zwei FingerabdrĂŒcke in das geplante neue elektronische Dokument mit kontaktlos auslesbarem Chip aufnehmen zu lassen. "Man braucht ja Sicherheitskopien", betonte Kurz sĂŒffisant. Rund 5000 der "SchĂ€ubletten" habe der CCC seit Ende MĂ€rz bereits unters Volk gebracht. Es habe aber auch bereits Leute gegeben, die es mit einem Zehabdruck auf den MeldeĂ€mtern probiert hĂ€tten und damit ebenfalls durchgekommen seien. Man mĂŒsse da "nur locker rangehen" und sich angesichts der "VeralltĂ€glichung der biometrischen Techniken" selber schĂŒtzen. Eine BuĂgeldbewehrung fahrlĂ€ssigen Verhaltens bei der Erfassung der biometrischen Merkmale sei gesetzlich nicht vorgesehen.
Mitglieder des Hackervereins begleiteten laut starbug zudem eine Person, die sich auf alle zehn Finger eine Schicht Sekundenkleber aufgeklebt hatte. Die Fingerabdruckerfassung in einer Meldestelle habe so auch nach einem dreimaligen Neustart des Systems nicht funktioniert. Auch bei einem anderen mit einem Sensor ausgerĂŒsteten Arbeitsplatz habe sich auch kein Erfolg bei der Fingerabdruckabnahme eingestellt. Der gerufene Amtsvorsteher habe den Probanden daraufhin aufgefordert, sich die HĂ€nde zu waschen, was den Klebstoff allerdings auch nicht abgelöst habe. Nach der Angabe des Passantragstellers, mit Chemie zu tun zu haben und mit SĂ€uren zu arbeiten, sei ihm die Unmöglichkeit der Erfassung von FingerabdrĂŒcken bestĂ€tigt worden.
Ein Abgleich der biometrischen Merkmale etwa an der Grenze funktionierte bei vergleichbaren Manipulationen natĂŒrlich nicht, beschrieb Kurz die zu erwartenden Konsequenzen des zivilen Ungehorsams. Die Erkennungsraten dĂŒrften insgesamt aber nicht sonderlich hoch sein, sodass man nicht groĂ auffallen werde. NatĂŒrlich sei es ferner möglich, den Funkchip im Pass zu deaktivieren. Das Dokument in die Mikrowelle zu legen, empfehle sich aber nicht, da dies erwiesenermaĂen Brandflecken hinterlasse. Die Hacker empfehlen daher den Einsatz eines in wenigen Minuten selbst zusammenlötbaren RFID-Zappers [6]. Zugleich betonen sie, dass der Pass â oder spĂ€ter der E-Perso â weiter gĂŒltig bleiben wĂŒrden.
Generell erwarten die CCC-Vertreter groĂe Sicherheitsprobleme beim Ausweisdokument der nĂ€chsten Generation, das von November 2010 an gegen eine noch nicht feststehende GebĂŒhr ausgegeben werden soll. Da dieses optionale FunktionalitĂ€ten wie ein Zertifikat fĂŒr die elektronische Authentisierung gegenĂŒber Behörden oder Unternehmen fĂŒr Online-Anwendungen enthalte, werde der auch fĂŒr die Speicherung eines biometrischen Gesichtsbilds und der optionalen FingerabdrĂŒcke eingesetzte Chip von tausenden MeldeĂ€mtern und Botschaften beschreibbar sein. "Das macht das gesamte Konzept von vornherein kaputt", warnte starbug. Vielfach Schwierigkeiten hervorrufen dĂŒrfe zudem die sechsstellige PIN fĂŒr die Aktivierung des "Internetausweises", da sich eine so lange Ziffernfolge kaum jemand merken könne.
Mit Interesse beobachtet haben die Hacker, dass der neue Personalausweis eine Vorderseite eine weitere vierstellige offene PIN enthalten soll. Mit dieser wolle man gewĂ€hrleisten, dass die Daten von der maschinenlesbaren Zone auf der RĂŒckseite auch dann ausgelesen werden können, falls der Inhaber die "Geheimziffer" nicht preisgeben wollte. Noch zu testen sei aber, was passiere, wenn die Nummer mit einem Edding ĂŒbermalt werde. Problematisch erscheint dem CCC ferner die Reduzierung des Ausweisformats auf ScheckkartengröĂe, da damit die bisherigen Passfotos nicht mehr in die Schablone passen wĂŒrden. Fotografen seien schon jetzt beim Reisepass dazu ĂŒbergegangen, die Gesichtsbilder digital an die amtlichen Vorgaben anzupassen, was die biometrische Erkennbarkeit aber erschwere. Keine gute Idee sei es zudem, den Ausweis noch mit einer teuer gesondert zu ordernden qualifizierten digitalen Signatur ĂŒberfrachten zu wollen, da die in Frage kommenden ĂŒberschaubaren Anwenderkreise bereits gesonderte Karten dafĂŒr hĂ€tten.
Noch mehr als beim Pass geht es nach Ansicht von Kurz beim E-Perso vor allem um Industriepolitik. Die Wirtschaft solle LesegerĂ€te verkaufen und die erforderlichen Infrastrukturen aufbauen können. Es sei wenig verwunderlich, dass Biometriefirmen wie Dermalog ihre UmsĂ€tze zu "99 Prozent" im Regierungsbereich machen wĂŒrden. Die Gesamtkosten auch fĂŒr den Reisepass seien derweil weiter unklar. Um die Bedenken der Bevölkerung gegen die biometrische Kontrolle zu erhöhen, will der CCC im kommenden Jahr zur Unterzeichnung kritischer Petitionen an die Politik aufrufen.
Zum 25C3 siehe auch:
- NFC-Handy-Anwendungen anfĂ€llig fĂŒr Hackerangriffe [7]
- Schwere SicherheitslĂŒcken beim Schnurlos-Telefonieren mit DECT [8]
- ZuverlĂ€ssige Exploits fĂŒr Cisco-Router [9]
- Kryptografische KrĂŒcken fĂŒr das E-Voting? [10]
- Linux lÀuft auf Nintendos Wii [11]
- Mit dem 3D-Drucker zurĂŒck zur Heimindustrie [12]
- "Denial of Service"-Schwachstellen in TCP nÀher beleuchtet [13]
- Hacker haben groĂen Zulauf [14]
- BrĂŒche in der Sicherheitsarchitektur des iPhone [15]
- CCC will Beschlagnahmen von Festplatten reduzieren [16]
- Hackerparagraphen sorgen weiter fĂŒr Verunsicherung [17]
- Pauschale EntschĂ€digung fĂŒr Datenpannen gefordert [18]
- Krypto-Aktivist John Gilmore liebÀugelt mit der "transparenten Gesellschaft" [19]
- Live-Videostreams aus dem Berliner Congress Center [20]
- EuropÀischer Hackerkongress hat "nichts zu verbergen" [21]
(Stefan Krempl) (as [22])
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[2] https://www.heise.de/news/Bundesdruckerei-zeigt-sich-gewappnet-fuer-neue-Reisepaesse-191063.html
[3] http://events.ccc.de/congress/2008/
[4] http://www.heise.de/security/CCC-publiziert-die-Fingerabdruecke-von-Wolfgang-Schaeuble-Update--/news/meldung/105701
[5] https://www.heise.de/news/Bundestag-billigt-elektronischen-Personalausweis-191230.html
[6] http://events.ccc.de/congress/2005/static/r/f/i/RFID-Zapper_de61.html
[7] https://www.heise.de/news/25C3-NFC-Handy-Anwendungen-anfaellig-fuer-Hackerangriffe-192811.html
[8] https://www.heise.de/news/25C3-Schwere-Sicherheitsluecken-beim-Schnurlos-Telefonieren-mit-DECT-update-192782.html
[9] https://www.heise.de/news/25C3-Zuverlaessige-Exploits-fuer-Cisco-Router-192758.html
[10] https://www.heise.de/news/25C3-Kryptografische-Kruecken-fuer-das-E-Voting-192751.html
[11] https://www.heise.de/news/25C3-Linux-laeuft-auf-Nintendos-Wii-192721.html
[12] https://www.heise.de/news/25C3-Mit-dem-3D-Drucker-zurueck-zur-Heimindustrie-192713.html
[13] https://www.heise.de/news/25C3-Denial-of-Service-Schwachstellen-in-TCP-naeher-beleuchtet-Update-192689.html
[14] https://www.heise.de/news/25C3-Hacker-haben-grossen-Zulauf-192651.html
[15] https://www.heise.de/news/25C3-Brueche-in-der-Sicherheitsarchitektur-des-iPhone-192643.html
[16] https://www.heise.de/news/25C3-CCC-will-Beschlagnahmen-von-Festplatten-reduzieren-192594.html
[17] https://www.heise.de/news/25C3-Hackerparagraphen-sorgen-weiter-fuer-Verunsicherung-192562.html
[18] https://www.heise.de/news/25C3-Pauschale-Entschaedigung-fuer-Datenpannen-gefordert-192536.html
[19] https://www.heise.de/news/25C3-Krypto-Aktivist-John-Gilmore-liebaeugelt-mit-der-transparenten-Gesellschaft-192529.html
[20] https://www.heise.de/news/25c3-Live-Videostreams-aus-dem-Berliner-Congress-Center-192435.html
[21] https://www.heise.de/news/25C3-Europaeischer-Hackerkongress-hat-nichts-zu-verbergen-218136.html
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