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Angriff auf die Festung

| Richard Sietmann

Mit einer Reichweite von mehreren Kilometern fĂŒr schnelle InternetzugĂ€nge schien die Funktechnik Wimax bisher nur so etwas wie der große Bruder von WLAN zu sein. Mit dem neuen „Mobile Wimax“-Standard IEEE 802.16e nehmen Intel & Co. nun die etablierte Mobilfunkindustrie ins Visier.

Das Wimax-Forum, das 420 Mitglieder starke Industriekonsortium hinter dem Standard 802.16e, will den Wettbewerb vom EndgerĂ€temarkt her aufrollen. So wie heute WLAN-Schnittstellen sollen Wimax-Chips demnĂ€chst in Laptops, PDAs, iPods und Playstations zu finden sein. Intel hat fĂŒr die kĂŒnftigen Centrino-Laptops bereits den „Wimax Connection 2300“-Chipsatz vorgestellt, der die Wimax- und WLAN-Funkschnittstelle in einem System-on-Chip vereint; die Bemusterung des Chipsatzes wird gegen Ende des Jahres starten. Externe Module, das war jetzt auf dem Wimax-Kongress von IQPC Ende MĂ€rz in Berlin zu erfahren, werden schon frĂŒher auf den Markt kommen. Das israelische Unternehmen Alvarion, ein Pionier der ersten Stunde und inzwischen eine Art Cisco der Wimax-Branche, lĂ€sst seine PC-Card-Adapter derzeit bei AT4Wireless im spanischen Malaga auf InteroperabilitĂ€t testen, um sie dann mit dem Label „Wimax Forum Certified“ zu vertreiben.

Gemeinsam mit dem taiwanischen Spezialisten fĂŒr Netzwerkadapter Accton hat die Wimax-Schmiede kĂŒrzlich die Accton Wireless Broadband (AWB) gegrĂŒndet, um gemeinsam den Massenmarkt fĂŒr KonsumentengerĂ€te zu erschließen. „Wimax wird zu einem Embedded Device“, erklĂ€rt Vice President Rudy Leser die Strategie; „Service-Provider sollen sich nicht mehr mit EndgerĂ€tesubventionen herumschlagen mĂŒssen, wenn sie ihre Dienste vermarkten wollen“. Und wo bisher der Netzzugang mit dem Handy die Freischaltung der SIM-Karte durch den Provider erfordert, sollen die KĂ€ufer der GerĂ€te sich kĂŒnftig Ă€hnlich wie in einen WLAN-Hotspot unmittelbar ins Wimax-Netz einloggen können, wo immer sie eines finden.

Zurzeit gibt es weltweit schon mehr als 180 kommerziell betriebene Wimax-Netze, die auf der Basis des VorlĂ€uferstandards 802.16d („Fixed Wimax“) als Funk-DSL operieren. Doch mit der Mobilvariante stoßen die Player nun auf das Terrain des 4G-Mobilfunks vor, bei dessen Entwicklung bisher die beiden großen Industriekonsortien 3GPP (UMTS) und 3GPP2 (CDMA 2000) den Ton angeben. Einen ersten Durchbruch konnten die Newcomer im vergangenen Jahr verzeichnen, als die Sprint Nextel Corporation den Aufbau eines landesweiten 802.16e-Netzes in den USA ankĂŒndigte. Sprint, hinter Cingular und Verizon der drittgrĂ¶ĂŸte US-Mobilfunkanbieter, will in diesem und im kommenden Jahr rund drei Milliarden US-Dollar in die 4G-Technologie stecken und dabei mit Intel, Motorola und Samsung zusammenarbeiten.

Ein vergleichbarer Durchbruch auf dieser Seite des Atlantiks ist nicht so schnell zu erwarten, Europa gilt bislang als UMTS-Festung. In der Bundesrepublik hatten bei der Versteigerung der „Broadband Wireless Access“-Frequenzpakete im Dezember mit Clearwire Europe, Deutsche Breitband Dienste und Inquam Broadband zwar drei Anbieter bundesweite Lizenzen zum Aufbau von Wimax-Netzen im 3,5-GHz-Band erworben, doch nach den Lizenzbedingungen mĂŒssen sie sich auf stationĂ€re oder allenfalls nomadische Anwendungen beschrĂ€nken. Echte Mobilfunkdienste lassen die geltenden Frequenzbereichszuweisungs- und FrequenznutzungsplĂ€ne in diesem Band nicht zu. In Berlin kĂŒndigte der Vertreter der Bundesnetzagentur jedoch an, dass die Regulierungsbehörde beide Dokumente ĂŒberarbeiten wolle.

Experten glauben ohnehin nicht, dass sich die restriktive Lizenzierung gegen den Druck der Straße lange aufrecht halten lĂ€sst. „Im WeihnachtsgeschĂ€ft 2008 werden PCs mit Wimax-Centrino der Renner sein“, ist Leser von Alvarion ĂŒberzeugt; „man wird keine Mauern errichten können, wenn ĂŒberall Wimax-fĂ€hige EndgerĂ€te auf dem Markt sind.“

FĂŒr die Bundesnetzagentur wird Wimax so zu einer ersten Nagelprobe, wie weit das in der BrĂŒsseler Radio Spectrum Policy Group vereinbarte WAPECS-Konzept zur Frequenzvergabe in der Praxis trĂ€gt. Laut WAPECS (Wireless Access Policy for Electronic Communication Services) soll die Funkregulierung technologie- und dienstneutral erfolgen und im Prinzip jeder Dienst mit jeder Technologie in jedem Frequenzband betrieben werden können, sofern gegenseitige Störungen technisch ausgeschlossen sind. Konkret stehen demnĂ€chst Entscheidungen zur Zukunft des sogenannten UMTS-Erweiterungsbandes von 2500 bis 2690 MHz an, das ursprĂŒnglich als Frequenzreserve fĂŒr den digitalen zellulĂ€ren Mobilfunk gedacht war und auf das jetzt auch das „Mobile Wimax“-Lager ein Auge geworfen hat, weil es in fast allen Weltregionen zur VerfĂŒgung steht.

Den UMTS-Betreibern bietet dieses Band die Möglichkeit zur Weiterentwicklung ihrer Netze. Denn die Roadmap des 3GPP-Industriekonsortiums endet nicht mit der EinfĂŒhrung des High Speed Packet Access (HSPA) im Downlink und Uplink (HSDPA beziehungsweise HSUPA). Im nĂ€chsten Schritt soll HSPA+ mit fortgeschrittenen UMTS-Modulationstechniken (64QAM im Downlink, 16QAM im Uplink) das Spektrum effizienter nutzen und wie Wimax Datenraten von einigen -zig Megabit pro Sekunde vom und zum Teilnehmer erlauben. Die eigentliche Runderneuerung aber wird in diesem Jahr mit der Standardisierung einer neuen Funkschnittstelle im Rahmen der 3GPP „Long Term Evolution“ (LTE) eingelĂ€utet. Dahinter steht ein Entwicklungssprung, der dem von GSM zu UMTS vergleichbar ist und mit dem das 3G-Camp auf die robusteren OFDM-Verfahren umschwenkt - die Wimax bereits einsetzt.

Der technische Vorsprung von 802.16e relativiert sich jedoch insofern, als sich die etablierten Mobilfunkkonzerne von den Antennenstandorten ĂŒber das MobilitĂ€tsmanagement bis zu den Abrechnungssystemen auf bereits existierende Netzplattformen stĂŒtzen können, welche die Wimax-Konkurrenz erst aufbauen muss. „Das Zeitfenster fĂŒr den Markteintritt könnte knapp bemessen sein“, schĂ€tzt daher Stefan Gustafsson von der niederlĂ€ndischen TNO. „LTE steht bisher nur auf dem Papier“, hĂ€lt Marketing-Stratege Moty Rosenbaum von Alvarion dagegen. „Bei uns gehen die ersten ‚Mobile Wimax’-Produkte schon in die Zertifizierung.“ (uma [1]) (uma [2])


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