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Arbeit 4.0: "ein neues Betriebssystem fĂŒr die Gesellschaft" - und eine Crowd-Steuer

Stefan Krempl
Industrie 4.0

SachverstĂ€ndige haben sich bei einem FachgesprĂ€ch im Bundestag dafĂŒr ausgesprochen, einige Stellschrauben fĂŒr den Arbeitnehmerschutz in der vernetzten Wirtschaft nachzujustieren und Fehlentwicklungen zu begegnen.

Fachleute waren sich bei einem ExpertengesprĂ€ch [1] im Ausschuss Digitale Agenda des Bundestags am Mittwoch einig, dass die "digitale Arbeit" erweiterter politischer und sozialer Vorgaben bedarf. "Wir brauchen ein neues Betriebssystem der Gesellschaft fĂŒr Arbeit 4.0", befand Joachim Möller vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Dabei mĂŒsse es darum gehen, bei vorhandenen "Schnittstellen" und Normen etwa zur Datensicherheit oder zum Gesundheitsschutz "am besten im Rahmen von Sozialpartnerschaften innerhalb der Betriebe" nachzubessern, "ohne etwas abwĂŒrgen zu wollen".

Mehr Infos

Siehe dazu auch:

  • Minuten-Jobber: Clickworking im Selbstversuch
  • Die Masse machts: Wie Crowdworking die Arbeitswelt verĂ€ndert

Junge Firmen, die sich auf neue Technologien und das Internet spezialisiert hĂ€tten, seien oft Treiber von Innovation und BeschĂ€ftigung, fĂŒhrte Möller aus. "Mehr FlexibilitĂ€t" und eine "Startup-Kultur" könnten daher der deutschen Wirtschaft insgesamt nicht schaden. Es gelte aber auch, Fehlentwicklungen der schönen neuen Arbeitswelt wie "ĂŒberhaupt nicht abgesicherter ScheinselbstĂ€ndigkeit" oder der permanenten Erreichbarkeit und damit einhergehender Freizeitverluste entgegenzuwirken: "Da tickt eine Zeitbombe."

Angesichts "weitreichender Überwachungsmöglichkeiten" digitaler Arbeit etwa ĂŒber soziale Medien seien klare Regeln fĂŒr den BeschĂ€ftigtendatenschutz nötig, betonte der Leiter des Forschungsarms der Bundesagentur fĂŒr Arbeit. Angestellte brĂ€uchten zudem eine stĂ€rkere Entscheidungskompetenz.

Möller schlug vor, einen "Weiterbildungspass" in Firmen einzufĂŒhren, damit deren Mitarbeiter immer auf dem aktuellen Stand der eingesetzten Technik seien. Zudem brachte er ein QualitĂ€tssiegel fĂŒr Online-Plattformen ins Spiel, die Jobs vermitteln. Es sollte signalisieren, "dass Sozialabgaben gezahlt und Mindestnormen eingehalten werden".

Durch Automatisierung könnten hierzulande rund 15 Prozent der bestehenden ArbeitsplĂ€tze wegfallen, schĂ€tzte der Wirtschaftswissenschaftler. Er blieb damit deutlich unter den Prophezeiungen seiner Oxford-Kollegen Carl Frey und Michael Osborne, die in den USA 47 Prozent der BeschĂ€ftigtenverhĂ€ltnisse in Gefahr sehen [2]. Klar sei, dass Roboter in Fabriken verstĂ€rkt mit Mitarbeitern in direkten Kontakt trĂ€ten, erlĂ€uterte Möller. In der Produktion wĂŒrden also weniger Leute gebraucht. Eine "technologische Arbeitslosigkeit" zeichne sich aber nicht ab.

Was der Wandel fĂŒr FachkrĂ€fte bedeutet, vermag der Forscher noch nicht genau zu sagen: "Die Industrie 4.0 geht vielleicht wieder zugunsten von Geringqualifizierten", wenn jeder mit dem Smartphone komplizierte Prozesse steuern könnte.

Der Kommunikationsdesigner Florian Alexander Schmidt schrieb Crowdsourcing im Arbeitsleben eine wachsende Bedeutung zu. Dahinter verbĂ€rgen sich teils gemeinnĂŒtzige Projekte wie die Wikipedia oder Freie-Software-Projekte. Andere einschlĂ€gige Online-Plattformen fĂŒr Cloud- oder Click-Worker [3] lagerten aber TĂ€tigkeiten an Freiberufler aus und seien teils "auf Ausbeutung angelegt". Manche böten quasi "unbezahlte Praktika mit einer Komponente von GlĂŒcksspielen" an, wenn Hunderte Projekte vorantrieben, am Ende aber nur einer den Zuschlag bekomme und bezahlt werde.

Schmidt plĂ€dierte dafĂŒr, einschlĂ€gigen Plattformen eine "Crowd-Steuer" aufzuerlegen. Es handle sich bei diesen schließlich nicht um neutrale Infrastrukturprovider, sondern Leiharbeitsfirmen. Zudem sei es wichtig, zunĂ€chst fĂŒr "Transparenz" rund um die "Teilnahmebedingungen" wie einbehaltene VermittlungsgebĂŒhren zu sorgen.

Als beste Garantie gegen schwarze Schafe in der Crowd und Sharing Economy bezeichnete es Sabine Pfeiffer von der FakultĂ€t fĂŒr Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der UniversitĂ€t Hohenheim, andernorts mehr "gute Arbeit" zu schaffen. So könnten GeschĂ€ftsmodelle, die auf einer "polarisierten BeschĂ€ftigungsstruktur" basierten, "schnell wieder Geschichte sein".

Bei Firmen, die durch ausgelagerte Arbeitsprozesse Produktionsanlagen und Sozialabgaben einsparten, mĂŒsse aber auch an Formen der finanziellen Kompensation gedacht werden, schloss sich die Forscherin Schmidt prinzipiell an: "Auch der Abfrager der Arbeit auf einer Plattform sollte sein Scherflein dazu beitragen." Zum Ausgleich kĂ€men neben Steuern Modelle wie die KĂŒnstlersozialkasse in Frage.

Julie Linnert Epple von Robert Bosch machte sich dafĂŒr stark, dass Angestellte Arbeitsplatz und -ort selbst bestimmen können sollten. "Es geht uns dabei aber nicht darum, den 8-Stundentag [4] auszuhöhlen", versicherte sie. Generell sei es machbar, "mit BetriebsrĂ€ten optimale Lösungen" zu erarbeiten. Wichtig sei es dabei aber, dass die Arbeitnehmervertreter schneller zu Entscheidungen kommen könnten, der Prozess der Mitbestimmung also "schlanker" gestaltet werden mĂŒsse.

Mit der "Smart Factory", in der sich Systeme selbst steuerten und Maschinen miteinander kommunizierten, sieht Andreas Paschke vom Medizintechnikhersteller Röchling Engineering Plastics die Gefahr des "glĂ€sernen Mitarbeiters" einhergehen. Angesichts der angestrebten "totalen Transparenz" bestehe die "berechtigte Angst, dass diese missbraucht wird". Derlei Sorgen wegen drohender stĂ€ndiger Kontrolle mĂŒssten in Sozialpartnerschaft oder von der Politik beseitigt werden. (jk [5])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2015/kw40_pa_ada/388746
[2] http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/publications/view/1314
[3] https://www.heise.de/news/DGB-kuendigt-verstaerkten-Kampf-gegen-digitale-Billigjobs-an-2428167.html
[4] https://www.heise.de/news/Sind-acht-Stunden-genug-Streit-um-starre-Regeln-zur-Arbeitszeit-2763040.html
[5] mailto:jk@heise.de