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Ausblick auf den Hardware-Herbst mit neuen Chips von AMD, Intel und Nvidia

| Florian MĂŒssig

Auf dem Hot-Chips-Symposium gab es viele Details zu neuen Prozessoren und Grafikchips von AMD, Intel und Nvidia, die in den nÀchsten Monaten erscheinen.

Seit AMD mit Ryzen 4000 auch im Notebook-Markt die schnellsten Prozessoren stellt, sind die Augen darauf gerichtet, wie Intels Konter wohl aussehen mag. Auf einem Architecture Day und VortrĂ€gen auf der Fachkonferenz Hot Chips HC32 hat der Chipgigant erste Details genannt, wie die kommende 11. Core-i-Generation – Codename Tiger Lake – den dominanten AMD-Prozessoren entgegentreten will: mit Optimierungen an allen Fronten.

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Es geht schon damit los, dass Intel fĂŒr seinen leidgeplagten 10-Nanometer-Fertigungsprozess einen neuen Transistortyp namens SuperFin entwickelt hat – mit unverstĂ€ndlichen Marketing-Bezeichnungen wie "10nm+" ist also Schluss. SuperFin-Transistoren kommen in neuen CPU-Kernen (Codename Willow Cove) zum Einsatz, die die Sunny-Cove-Kerne der Ice-Lake-Generation beerben. WĂ€hrend letztere kaum mehr als 4 GHz erreichten, weil die dort verwendeten FinFET-Transistoren die fĂŒr höhere Taktraten erforderlichen Spannungen nicht vertragen, sollen nun wohl um die 5 GHz drin sein. Zudem verspricht Intel auch bei niedrigen Spannungen einen höheren Takt und damit mehr Performance bei gleichem Energieeinsatz.

Architektonisch bringt Willow Cove deutlich grĂ¶ĂŸere Caches mit: Der L2-Cache pro Kern wĂ€chst von 0,5 auf 1,25 MByte und der von mehreren Kernen gemeinsam genutzte L3-Cache um 50 Prozent – bei einem Vierkerner also von 8 auf 12 MByte. RĂŒckfragen zu Varianten mit mehr Kernen wollte Intel noch nicht beantworten, sondern verwies auf den durchorchestrierten Launch-Fahrplan: Konkrete CPU-Modelle und deren technische Details sollen erst am 2. September vorgestellt werden. Auf dem Architecture Day wurde allerdings auch gesagt, dass Tiger Lake bis zu 24 MByte L3-Cache habe – das klingt stark nach einem Octa-Core. Ob es solche Chips wie den Ryzen-4000-Achtkerner jedoch im fĂŒr flache Notebooks relevanten 15-Watt-AbwĂ€rme-Budget geben wird oder nur in der 45-Watt-Klasse fĂŒr Gaming-Boliden und mobile Workstations, ist noch genauso offen wie konkrete Aussagen zur Performance.

Intels Willow-Cove-Kern fĂŒr die 11. Core-i-Generation soll dank der neuen SuperFin-Transistoren durchgĂ€ngig eine höhere Leistung bieten als der bisherige 10-Nanometer-Kern Sunny Cove.

Intels Willow-Cove-Kern fĂŒr die 11. Core-i-Generation soll dank der neuen SuperFin-Transistoren durchgĂ€ngig eine höhere Leistung bieten als der bisherige 10-Nanometer-Kern Sunny Cove.

(Bild: Intel)

Der schon bei Ice Lake integrierte Thunderbolt-Controller wurde ĂŒberarbeitet: Statt Thunderbolt 3 ist nun Thunderbolt 4 [2] vorgesehen – und weil dieses auf USB 4 aufbaut, ist natĂŒrlich auch letzteres möglich. Der Speichercontroller steuert wie gehabt DDR4-3200 oder LPDDR4x-4267 an; fĂŒr spĂ€ter im Lebenszyklus ist zudem bereits LPDDR5 vorgesehen.

Der PCIe-Host-Controller in der CPU spricht neuerdings PCIe 4.0. Die exakte Anzahl an Lanes wollte Intel bislang nicht verraten, sondern ließ lediglich durchblicken, dass das vom konkreten CPU-Modell und seiner Kernanzahl abhĂ€nge. GerĂŒchteweise gibt es bei Quad-Cores vier PCIe-4.0-Lanes fĂŒr eine rasante NVMe-SSD. Bislang fand man PCIe 4.0 nur in Desktop- und Server-Systemen mit AMD-Prozessoren. Ryzen 4000 als Mobilableger spricht wiederum nur PCIe 3.0 – laut AMD eine bewusste Entscheidung aus StromspargrĂŒnden. Ob AMD das beim Nachfolger Cezanne (alias Ryzen 5000) Ă€ndern wird, bleibt abzuwarten – noch gibt es zu Cezanne abseits von auf Zen 3 umgerĂŒsteten CPU-Kernen kaum gesicherte Informationen, obwohl der Chip bereits fĂŒr Anfang 2021 erwartet wird.

Die wahrscheinlich grĂ¶ĂŸte Umbauaktion bei Tiger Lake betrifft die darin integrierte GPU: Intel lĂ€sst die nagelneue Xe-Architektur debĂŒtieren. In Tiger Lake steckt eine Low-Power-Variante (LP); wie sie sich im Vergleich zu bisherigen iGPUs und AMDs internen Vega-Varianten schlĂ€gt, mĂŒssen kĂŒnftige Tests zeigen.

Xe selbst ist als Chip-Familie gedacht, deren Varianten auf unterschiedliche Einsatzzwecke zugeschnitten werden. Die in Tiger Lake enthaltene LP-Version ist auf Energieeffizienz getrimmt, soll aber auch auf dedizierten Einsteiger-Grafikkarten Verwendung finden. FĂŒr normale Server ist die aus vier identischen Chiplets aufgebaute HP-Variante (High Power) angedacht; fĂŒr Beschleunigerkarten in Super-Computern gibt es den HPC-Dialekt (High Performance Computing). Dessen erste Inkarnation heißt Ponte Vecchio und ist fĂŒr den Supercomputer Aurora gedacht. Laut Intel ist Xe so modular, dass man fĂŒr HPC-Varianten die 3D-Einheiten aus einem kĂŒnftigen Chip-Design weglassen könnte, um einen reinen KI-Beschleuniger zu bauen.

Mittelklasse- und High-End-Gamer sollen wiederum nach dem neuesten Mitglied Xe-HPG (High Performance Gaming) lechzen, welches zusĂ€tzliche Funktionseinheiten fĂŒr Ray-Tracing-Effekte mitbekommt. Pikantes Detail: Intel ahmt AMD und Nvidia bei den HPG-Chips sogar darin nach, dass die Chips extern in Auftrag gegeben werden und nicht von den BĂ€ndern der hauseigenen Fabs kommen. Zum zeitlichen Fahrplan hat Intels nichts gesagt; somit dĂŒrfte wohl erst irgendwann in 2021 eine Intel-Grafikkarte in den LĂ€den stehen.

Apropos neue Grafikkarten: Bereits in KĂŒrze will Nvidia die bislang nur als A100-Chip verfĂŒgbare Ampere-Generation auch als Nachfolger der mittlerweile zwei Jahre alten GPU-Familie GeForce RTX 2000 verkaufen. SĂ€mtliche Details zur neuen GPU-Generation wird Nvidia am 1. September auf einem großen Online-Event enthĂŒllen – auf der Hot Chips wurden nur bereits bekannte GPU-Details [3] zusammengefasst.

Beim dritten im Bunde ist hingegen weiterhin RĂ€tselraten angesagt. AMD hatte in der jĂŒngeren Vergangenheit zwar mehrfach betont, dass die unter dem Namen Big Navi entwickelte nĂ€chste High-End-GPU mit Ray-Tracing-UnterstĂŒtzung vor Jahresende erscheinen soll, doch bislang weder Architektur-Details noch den Launch-Fahrplan veröffentlicht.

Allerdings könnte AMD derzeit ein Ressourcenproblem haben: Im Herbst steht die nĂ€chste Konsolengeneration an, und sowohl in der PlayStation 5 als auch in der Xbox Series X stecken individuelle Prozessoren, die AMD in Kooperation mit Sony respektive Microsoft entwickelt hat. Die Vorbereitung der Massenproduktion ist bei beiden Konsolen nun just in die Corona-Hochphase gefallen – da könnte die Finalisierung der Konsolen-SoCs PrioritĂ€t vor den PC-Komponenten bekommen haben.

Nachdem Sony technische Details zur PlayStation 5 bereits im FrĂŒhjahr enthĂŒllt hatte, prĂ€sentierte Microsoft auf der Hot Chips HC32 nun ebenfalls das gewĂ€hlte Hardware-Design des Scarlett-SoCs. Die acht Zen-2-Kerne Ă€hneln hinsichtlich der abgespeckten Caches den mobilen Ryzen-4000-CPUs und nicht der Desktop-Implementierung. Das stand zwar zu erwarten, doch kurioserweise hatte Microsoft bislang gerne von Server-Class-Performance mit Hinweis auf die Epyc-CPUs gesprochen.

Microsoft verspricht, dass die CPU-Kerne durchgĂ€ngig mit 3,8 GHz laufen sollen (beziehungsweise 3,6 GHz bei aktiviertem SMT). Auch die GPU, die den grĂ¶ĂŸten Teil der Die-FlĂ€che einnimmt, soll die 1,8 GHz durchgĂ€ngig liefern – Konsolenentwickler seien keine Freunde von schwankender Performance. RĂŒckfragen zur TDP wollte Microsoft nicht beantworten.

FĂŒr ausreichend Speicherdurchsatz sorgen gleich zehn GDDR6-KanĂ€le – High Bandwidth Memory (HBM) wurde aus KostengrĂŒnden verworfen. Die interne SSD ist ĂŒber zwei PCIe-4.0-Lanes angebunden, was die im Vergleich zur PlayStation-5-SSD geringeren Transferraten erklĂ€rt – und auch der proprietĂ€re Erweiterungsschacht bietet zwei PCIe-4.0-Lanes. Vier weitere Lanes binden den Chipsatz an, welcher zusĂ€tzliche Schnittstellen wie USB und SATA (fĂŒr das Blu-ray-Laufwerk) bereitstellt.

Der Microsoft-eigene Audio-Controller ist hingegen Teil des Scarlett-SoC und auf 3D-Audio getrimmt: Bei Gleitkommaberechnungen mit einfacher Genauigkeit liefere er mehr Durchsatz als alle acht Zen-2-Kerne zusammen. ZusĂ€tzlich zu den von der Xbox-One-Familie bekannten vier Logan-DSP-Kernen gibt es nun auch den Echtzeit-Decoder "Opus", der ĂŒber 300 KanĂ€le gleichzeitig bearbeiten kann. Von auf den Nutzer abgestimmten Surround-Profilen, wie Sonys Tempest-Engine des PS5-Chips sie liefern soll, war keine Rede. Wie dort gibt es allerdings Hardware-Einheiten, die von der SSD gelesene komprimierte Daten ohne Zutun der Zen-Kerne entpacken und so die Transferrate erhöhen.

Microsoft

Beim Scarlett-SoC der kommenden Spielekonsole Xbox Series X nimmt die GPU den grĂ¶ĂŸten Teil des Die ein. Die I/O-Einheiten verteilen sich auf drei Seiten; die vierte wird benötigt, um ausreichend Strom in den Chip zu speisen.

(Bild: Microsoft)

Nicht zuletzt gab Microsoft zu Protokoll, dass sich trotz der Strategie, alle hauseigenen Spiele auch fĂŒr den PC anzubieten, nichts daran Ă€ndere, dass die Xbox die vorhandene Hardware konsolentypisch besonders effizient ausnutze: Betriebssystem und Treiber seien viel enger an der Hardware orientiert – die bei Windows-PCs allgegenwĂ€rtige HAL-Schicht (Hardware Abstraction Layer) wĂŒrde beispielsweise komplett wegfallen. Auch könnten Power-Entwickler am DirectX-API vorbei direkt auf manche Komponenten zugreifen.

Dieser Artikel stammt aus c't 19/2020 [4].

(mue [5])


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[4] https://www.heise.de/select/ct/2020/19
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