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30 Jahre: Babylonisches Sprachengewirr sorgt fĂŒr die Geburt des PDF

André Kramer

Anfang der Neunziger herrschte das sprichwörtliche babylonische Sprachengewirr unter den Computerprogrammen. Adobe schuf mit PDF einen verbindlichen Dokumentstandard.

(Bild: Großer Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel, 1563, Kunsthistorisches Museum Wien)

Elektronische Dokumente originalgetreu wiedergeben, das sollte das Portable Document Format leisten. 30 Jahre spÀter kann man Adobe nur zum Erfolg gratulieren.

Am 15. Juni 1993 erschien die Software Adobe Acrobat 1.0. Sie bestand aus einem Programm zum Erstellen von Dokumenten im Portable Document Format (PDF), einem zur Anzeige und dem Distiller, der PostScript in PDF umwandelte. Seitdem hat es sich als Standard etabliert, um digitale Dokumente einheitlich darzustellen und auf diese Weise systemĂŒbergreifend auszutauschen.

Was war das vorher fĂŒr ein babylonisches Sprachengewirr: Atari ST, Commodore Amiga, Apple Macintosh und IBM-PC mit Microsoft DOS lagen nicht nur auf anderen Kontinenten, sondern auf anderen Planeten. Aber selbst eine Worddatei auf zwei verschiedenen PCs gleich darzustellen, scheiterte: Fehlende Fonts waren ein Standardproblem, Bilder landeten mal hier und mal dort, der Zeilenumbruch unterschied sich und die Fußnoten endeten sonst wo.

Seit 1990 arbeitete Adobe-GrĂŒnder John Warnock an der Lösung. Der PDF-Standard wurde aus der Notwendigkeit geboren, Dokumente in einem Format auszutauschen, das alle Layoutelemente wie Textbausteine, Grafiken und Bilder unabhĂ€ngig von Betriebssystemen und Hardwareplattformen konsistent und zuverlĂ€ssig wiedergab.

Zugegeben, das konnte in AnsÀtzen auch schon der VorgÀnger PostScript, eine ebenfalls von Adobe entwickelte Seitenbeschreibungssprache, um Drucker anzusprechen, die aus Xerox Interpress hervorging. Das rund zehn Jahre Àltere PS-Format eignete sich aber nicht zur Anzeige am Monitor, da es Dokumente in Form von Vektorgrafien nur als Ganzes interpretieren konnte. Das Portable Document Format lehnt sich an PostScript an, bietet aber gezielten Zugriff auf einzelne Seiten.

Nach der AnkĂŒndigung im Jahr 1992 und der Veröffentlichung der ersten Software im Juni 1993 hielt sich der Erfolg zunĂ€chst in Grenzen, weil die Programme Geld kosteten und sich ihre Nutzung daher auf professionelle Grafiker beschrĂ€nkte, die es fĂŒr die Druckvorstufe nutzten. Seit dem Jahr 1994 bietet Adobe den Acrobat Reader kostenlos an. 1995 folgte eine Erweiterung fĂŒr Webbrowser. Erst diese Entscheidungen legten den Grundstein fĂŒr den Siegeszug des Formats.

Was heute selbstverstĂ€ndlich ist, war damals revolutionĂ€r: Mit dem Acrobat Reader, spĂ€ter in Adobe Reader umbenannt, konnten Nutzer PDF-Dateien kostenlos lesen oder ausdrucken, ohne das Programm zu besitzen, mit dem sie erstellt wurden, sei es unter Windows oder auf dem Mac. Mittlerweile gibt es auch PDF-Apps fĂŒr Smartphones und Tablets.

Im Jahr 2008 wurde PDF ISO-Standard. Die letzte Edition heißt ISO 32000-2:2020 und entspricht der Version PDF 2.0. Adobe hat damit die Weiterentwicklung abgegeben. Gleichzeitig stand das PDF allen Nutzern offen. Bis dahin war nĂ€mlich nur die Anzeige kostenfrei. Heute braucht niemand mehr eine teure Acrobat-Lizenz, um PDF-Dokumente zu erstellen.

Jede gĂ€ngige Textverarbeitung sowie ĂŒbliche Bildbearbeitungs- und Vektorgrafikprogramme erzeugen sie. Mit Programmen wie PDFCreator und Foxit Reader widmen sich auch Dritthersteller dem ursprĂŒnglich von Adobe entwickelten Standard.

In den 30 Jahren seit seiner EinfĂŒhrung hat Adobe das PDF-Format kontinuierlich weiterentwickelt. Kleinster gemeinsamer Nenner war lange Zeit die PDF-Version 1.2. Hinzu kamen die Formatfamilie zur Langzeitarchivierung digitaler Dokumente PDF/A und die, den BedĂŒrfnissen des Druckgewerbes genĂŒgende Untermenge PDF/X.

Mittlerweile kommt das Format auch zum Einsatz, um Formulare auszufĂŒllen, VertrĂ€ge sicher zu signieren oder Inhalte zu verschlĂŒsseln und damit vor unbefugtem Zugriff zu schĂŒtzen. Neuere PDF-Versionen können Audio-, Video- und 3D-Inhalte aufnehmen.

Ein Problem bleiben die immer wieder auftretenden SicherheitslĂŒcken des Adobe Reader, die es immer wieder ermöglichen, Malware einzuschleusen. Mittlerweile treten sie immer weniger hĂ€ufig auf. GrĂ¶ĂŸer war das Sicherheitsproblem außerdem bei der hĂ€sslichen Schwester der PDF-Browsererweiterung, dem Flash Player. Aber das ist eine andere Geschichte. Anders als Flash hat das PDF den Langlebigkeitstest bestanden und wird auch kĂŒnftige Nutzergenerationen begleiten.

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(akr [2])


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