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BKA sieht "Löschen statt Sperren" von Kinderpornos weiter skeptisch

Stefan Krempl

Bei einer Anhörung im Bundestag brach die Mehrzahl der Experten eine Lanze fĂŒr das rasche Entfernen von Missbrauchsbildern an der Quelle, doch BKA-Chef Ziercke bezeichnete den Koalitionsansatz als Augenwischerei.

Bei einer Anhörung [1] des Bundestags am Montag sprach sich die Mehrzahl der Experten fĂŒr das schnelle Löschen von Abbildungen sexuellen Missbrauchs an der Quelle aus. Jörg Ziercke, PrĂ€sident des Bundeskriminalamts (BKA), zeigte sich jedoch weiter [2] skeptisch angesichts des von der Regierung vereinbarten Ansatzes [3] "Löschen statt Sperren". "Man sagt der Öffentlichkeit im Grunde etwas Falsches, wenn man sagt, wir löschen das Ganze", meinte der Behördenchef. Das klinge einfach, gestalte sich in der RealitĂ€t aber komplexer: "Selbst wenn man glaubt, man hat die Seite, ist man noch lĂ€ngst nicht am Ziel."

Das BKA habe in den vergangenen Monaten "enorme Anstrengungen unternommen", um ĂŒber Interpol und auslĂ€ndische Polizeibehörden einschlĂ€gige Bilder im Internet löschen zu lassen. "Ich habe versucht, alle Lösungswege durchzudeklinieren", betonte Ziercke. So habe er etwa direkte GesprĂ€che mit dem US-Justizministerium gefĂŒhrt, sei dabei aber "auf UnverstĂ€ndnis" gestoßen. Eine der Ursachen dafĂŒr sei, dass mit dem Löschen "FBI-Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, Anbieter zu ermitteln, gestört werden könnten".

Er bringe "keine positiven Nachrichten" mit, verwies Ziercke auf die mittlerweile offiziell veröffentlichten Statistik zu den polizeilichen LöschbemĂŒhungen [4] des vergangenen Dreivierteljahres, laut der nach einer Woche durchschnittlich noch 44 Prozent der ins Ausland gemeldeten Fundstellen weiter verfĂŒgbar waren. Die Zahlen der Internetwirtschaft [5], die bei Direktkontakten mit auslĂ€ndischen Provider eine Erfolgsquote von 98,6 Prozent meldeten, hĂ€lt der BKA-Chef fĂŒr nicht nachvollziehbar. Dabei sei nur um 24 Webseiten gegangen, wĂ€hrend die Datenbasis beim BKA zwischen Januar und September gut 1400 Webangebote umfasse.

Ziercke wies BefĂŒrchtungen zurĂŒck, dass die Polizeibehörde nicht genĂŒgend Ressourcen zur Durchsetzung des Löschansatzes einsetze. Jeder eingehende Hinweis auf Kinderpornos "geht sofort raus bei uns". SpĂ€ter rĂ€umte er aber ein, dass man die Kooperation mit auslĂ€ndischen Kollegen noch intensivieren und "mehr Personal hineinstecken" könnte. Über die genaue Zahl der in diesem Bereich tĂ€tigen Beamten hatte sich die Behörde bislang bedeckt gehalten.

In einer heise online vorliegenden Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken heißt es, dass das Referat "Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen" ĂŒber 23,3 volle Stellen verfĂŒge. FĂŒr den neuen "Lösch-Schwerpunkt" wĂŒrden "6,3 VollzeitĂ€quivalente" eingesetzt. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) war kĂŒrzlich von 30 Mitarbeitern in dem Gesamtbereich ausgegangen, was ihr als "sehr wenig" erschienen war.

Oliver SĂŒme vom Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco) beteuerte, dass das Löschen "ein effektiver Ansatz" sei. Die besten Erfahrungen habe man bei einem Direktkontakt mit den Host-Providern gemacht. Aber auch in LĂ€ndern wie den USA, bei denen der Hotline-Verbund INHOPE zwischengeschaltet sei, seien 70 Prozent des einschlĂ€gigen Materials bereits innerhalb einer Woche entfernt worden. Im September habe man dort sogar 100 Prozent innerhalb von drei bis vier Tagen löschen können. Wichtig sei es dabei, werktĂ€glich nachzubohren, was das BKA unterlasse: "Die dauerhafte stĂ€ndige ÜberprĂŒfung bringt uns nach vorne."

Auch der den Datenschutzverein FoeBuD vertretende Rechtsanwalt Thomas Stadler kritisierte Sperrlisten als "FrĂŒhwarnsystem fĂŒr PĂ€dophile und Verbreiter dieser Inhalte". Er plĂ€dierte fĂŒr den Abschluss einer internationalen völkerrechtliche Vereinbarung. Damit sollte es jeder Unterzeichnerstaat auslĂ€ndischen Polizeibehörden ausdrĂŒcklich gestatten, "formlose Löschungsaufforderungen an Provider zu schicken", damit nicht weiter der "langwierige Dienstweg" beschritten werden mĂŒsse. Zugleich mĂŒssten Hosting-Provider verpflichtet werden, "unverzĂŒglich den Meldungen nachzukommen".

"HartnĂ€ckigkeit zahlt sich aus", wusste Friedemann Schindler von jugendschutz.net ĂŒber Löscherfolge etwa mit rechtsextremen oder jugendgefĂ€hrdenden Inhalten im Netz zu berichten. DafĂŒr mĂŒsse bei auslĂ€ndischen Providern zunĂ€chst etwa mit dem Versand von Beispieldateien eine "AtmosphĂ€re" hergestellt werden, damit diese "ĂŒberhaupt reagieren". Wichtiger als ĂŒber Löschen oder Sperren zu diskutieren sei eine "Gesamtstrategie", die auch das sogenannte "Grooming" - die sexuell motivierte AnnĂ€herung an Kinder im Internet – erfassen solle.

Alvar Freude vom Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur machte den Vorschlag, "teilautomatisiert zu prĂŒfen", ob gemeldete Inhalte noch vorhanden seien. In die Datenbasis des BKA mĂŒssten ferner noch die GrĂŒnde aufgenommen werden, warum welche Materialien nicht gelöscht werden konnten, und wie of nachgehakt wurde. FĂŒr eine "sehr schnelle und effiziente Polizeiarbeit" und eine stĂ€rkere TĂ€terverfolgung machte sich Lutz Donnerhacke vom Jenaer Provider IKS stark. Die vom BKA geforderte Vorratsdatenspeicherung [6] sei in diesem Fall nicht nötig. (vbr [7])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a22/a22_neue_medien/oeffentliche_Sitzungen/darstellung_kindesmissbrauch/index.html
[2] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-fordert-erneut-Sperren-von-Kinderpornographie-1038425.html
[3] https://www.heise.de/news/Koalitionsvereinbarung-Web-Sperren-weg-Vorratsdatenspeicherung-eingeschraenkt-831418.html
[4] https://www.heise.de/news/BKA-verzeichnet-wachsenden-Erfolg-beim-Loeschen-von-Kinderpornos-1060985.html
[5] https://www.heise.de/news/Provider-Loeschen-statt-Sperren-funktioniert-1060092.html
[6] https://www.heise.de/news/BKA-Erhebliches-Ermittlungsdefizit-durch-fehlende-Datenspeicherung-1100870.html
[7] mailto:vbr@heise.de