BND-SpÀhangriff auf gesamtes afghanisches Ministerium
Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat die afghanische Regierung intensiver als bisher bekannt bespitzelt. AuĂenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich inzwischen offiziell entschuldigt.
Die heftig umstrittene Bespitzelungsaktion [1] des Bundesnachrichtendienstes (BND [2]) gegen die afghanische Regierung war offenbar intensiver. Nicht nur das persönliche E-Mail-Konto des afghanischen Handelsministers Amin Farhang sei von dem Trojanerangriff [3] betroffen gewesen, meldet [4] das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Vielmehr sei das gesamte Computernetzwerk des von ihm gefĂŒhrten Industrieministeriums ausgespĂ€ht worden. Mit abgefangenen Passwörtern und Login-Namen las der Auslandsgeheimdienst unter andrem ĂŒber Monate hinweg die Kommunikation Farhangs mit der "Spiegel"-Redakteurin Susanne Koelbl mit.
Das Bundeskanzleramt will dem Magazin zufolge nun gesondert prĂŒfen, ob der BND auch weitere afghanische Ministerien bespitzelt hat. Das dĂŒrfte einigermaĂen schwer fallen, da offenbar die meisten Unterlagen ĂŒber den Einsatz vernichtet worden seien. BundesauĂenminister Frank-Walter Steinmeier telefonierte laut Agenturberichten mittlerweile wegen der AffĂ€re mit seinem afghanischen Kollegen Rangin Dadfar Spanta. Er habe sein Bedauern ĂŒber die VorfĂ€lle zum Ausdruck gebracht, sagte eine Sprecherin des SPD-Politikers. Beide AuĂenminister hĂ€tten jedoch die guten und vertrauensvollen Beziehungen nicht beeintrĂ€chtigt gesehen. Steinmeier werde am Wochenende auch noch das GesprĂ€ch mit Farhang suchen.
Nach einer Meldung der "Mitteldeutschen Zeitung" schlieĂt die afghanische Regierung nicht aus, dass neben Farhang weitere Kabinettsmitglieder vom BND abgehört wurden. DarĂŒber hinaus seien auch sĂ€mtliche TelefongesprĂ€che Farhangs von seinem BĂŒro und seinem Privathaus in Kabul abgehört worden. Darunter sollen private Telefonate mit seiner in Bochum lebenden Familie gewesen sein. BND-Mitarbeiter oder von ihnen beauftragte Afghanen seien in das Arbeitszimmer des Ministers eingedrungen, um die technischen Voraussetzungen fĂŒr die Ăberwachung zu schaffen.
Laut frĂŒheren Berichten [5] soll der BND bereits mehrfach Zielrechner VerdĂ€chtiger im Ausland ĂŒber das Internet ausgeforscht haben. "Der Spiegel" verweist nun konkret etwa auch auf die AusspĂ€hung von IT-Systemen im Kongo.
Scharfe Kritik Ă€uĂerte CSU-Chef Erwin Huber am Abhören von Journalisten durch den BND. "Wir mĂŒssen dafĂŒr sorgen, dass es solche Ăberschreitungen wie in dieser AffĂ€re nicht mehr gibt", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Die Verantwortlichen mĂŒssten zur Rechenschaft gezogen werden. Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble plĂ€dierte dagegen im GesprĂ€ch [6] mit dem Magazin "Focus" fĂŒr einen "leistungsfĂ€higen Auslandsnachrichtendienst".
Es wĂ€re gefĂ€hrlich, mahnte der CDU-Politiker allgemein, aus den Verfehlungen ein "generelles Misstrauen gegen den Staat und seine Organe" abzuleiten. Erneut verteidigte er die geplanten neuen Anti-Terror-Befugnisse [7] fĂŒr das Bundeskriminalamt (BKA). Die Mehrzahl der im Entwurf fĂŒr das BKA-Gesetz geplanten Fahndungsinstrumente wie Abhören und AusspĂ€hen von Wohnungen "wenden die Polizeien der LĂ€nder seit Jahrzehnten an". Er hielt daran fest, dass der Geheimnisschutz nicht fĂŒr islamische Geistliche gelten solle. (Stefan Krempl) (ps [8])
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[2] http://www.bnd.bund.de/
[3] https://www.heise.de/news/Medienbericht-BND-hat-bereits-Online-Razzien-durchgefuehrt-175499.html
[4] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,549868,00.html
[5] https://www.heise.de/news/Medienbericht-BND-hat-bereits-Online-Razzien-durchgefuehrt-175499.html
[6] http://www.focus.de/politik/deutschland/focus-interview-schaeuble-warnt-vor-schwaechung-des-bnd_aid_297625.html
[7] https://www.heise.de/news/Abhoeren-von-Internet-Telefonie-als-Einfallstor-fuer-den-Bundestrojaner-201609.html
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