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Blogger: Wir sind das Volk

Detlef Borchers

In der amerikanischen BlogosphÀre ist Dann Gillmor, der Computerkolumnist der San Jose Mercury News, eine der wichtigsten Instanzen, ein so genannter A-Blogger; in "We the Media" weitet er den Begriff des Journalismus einfach aus.

In der amerikanischen BlogosphĂ€re ist Dann Gillmor, der Computerkolumnist der San Jose Mercury News, eine der wichtigsten Instanzen, ein so genannter A-Blogger. Gillmor, den es im Zuge der Dotcom-Blase von der Detroit Free Press ins Silicon Valley verschlug, startete im Oktober 1999 Jahren sein eJournal [1], ein Online-Tagebuch, das mittlerweile ein veritabler Blog ist, seitdem Gillmor Anfang 2003 die Kommentarfunktion seines Tagebuches freischaltete. Seine Erfahrungen mit dieser Kommunikationsform, von ihm "Mini-Slashdot" genannt, und seine Arbeit als Journalist in einer angesehenen Zeitung hat Gillmor nun in einem Buch zusammengetragen, das unter dem Titel We the Media [2] bei O'Reilly erschienen ist. Das Buch ist unter einer Lizenz [3] der Creative-Commons-Initiative [4] verfĂŒgbar und wird von einem Blog [5] begleitet, wie es auch bei deutschen Blogbuchschreibern [6] zum guten Ton gehört.

We the Media versucht sich an einer ziemlich weitschweifigen Beschreibung des so genannten Grassroot-Journalismus, eines Journalismus von unten, der mit dem Internet möglich wurde und sich mit Newsticker-Foren, den Blogs und drahtlosen freien Netzen momentan großer PopularitĂ€t erfreut. Im Unterschied zu deutschen Debatten im Stil von "DĂŒrfen Journalisten bloggen?" oder "Können Journalisten bloggen?" weitet Gillmor unter Berufung auf Marshall McLuhan [7] den Begriff einfach aus: Journalist ist jeder, der kommentiert [8], etwa alle Netizen, die sich auf der Nerd-Newssite Slashdot [9] herumtrollen. Die Bezeichnung Journalist ist in diesem Sinne nicht an journalistische QualitĂ€t gebunden, weder im Internet noch in den klassischen Medien. Wenn anerkannte Provokateure wie Mausi Maus und Klaus-Urs Frickel von Zeitungen wie der Welt als IT-Experten wahrgenommen [10] werden, zeigt dies den Einfluss der Grassroots, bei denen jede Information gleichberechtigt ist. Positiv gewendet bedeutet es fĂŒr Gillmor indessen auch, dass der nĂ€chste Watergate-Skandal wahrscheinlich von einem unbeirrten Blogger aufgedeckt wird.

Vom Verlag wird das Buch vollmundig als Blaupause fĂŒr den Journalismus des 21. Jahrhunderts beworben. Das ist es sicher nicht, weil Gillmor nur die OberflĂ€che beschreibt. Eine Analyse der Spiels von Medien und Gegenmedien, wie sie der amerikanische Medienkritiker Howard Kurtz [11] betreibt, liegt ihm fern. FĂŒr Journalisten hĂ€lt Gillmor den Lehrsatz bereit, den schon der große Theodor Wolff [12] predigte: Meine Leser wissen mehr als ich. Und das ist gut so. (Detlef Borchers) / (jk [13])


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https://www.heise.de/-104076

Links in diesem Artikel:
[1] http://weblog.siliconvalley.com/column/dangillmor/
[2] http://www.oreilly.com/catalog/wemedia/book/
[3] http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/
[4] https://www.heise.de/news/WOS3-Creative-Commons-als-Geheimwaffe-der-Kuenstler-im-Copyright-Krieg-100203.html
[5] http://wethemedia.oreilly.com/
[6] http://www.blogbar.de/
[7] http://www.mcluhan.utoronto.ca/marshal.htm
[8] http://www.mcluhan.utoronto.ca/blogger/blogger.html
[9] http://slashdot.org/
[10] http://www.welt.de/data/2004/08/06/315423.html
[11] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/style/columns/medianotes/
[12] http://www.bdzv.de/twp/leben.htm
[13] mailto:jk@heise.de