Coronavirus-Fallzahlen und der Amtsschimmel
(Bild: Ausschnitt aus dem Corona-Monitor der Berliner Morgenpost)
Vom langen Weg der Falldaten bis zum Robert-Koch-Institut - und ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Die Situation mit der Coronavirus-Pandemie und der Interpretation der sie charakterisierenden Fallzahlen Ă€ndert sich mittlerweile nahezu stĂŒndlich. SĂŒdkorea meldet immerhin einen RĂŒckgang der Neuinfektionsquote auf unter 100 Neuinfektionen pro Tag. Auf dem Höhepunkt der Welle lag diese Quote bei ĂŒber 500. SĂŒdkorea hat aber auch sehr frĂŒhzeitig weitreichende soziale Distanzierungen beschlossen, Schulen und UniversitĂ€ten geschlossen, GPS-Trackingdaten der Infizierten veröffentlicht und sehr viele Tests durchgefĂŒhrt.
Mit viel Optimismus und guten Willen lieĂe sich aus den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen [1] der vergangenen vier Tage fĂŒr Deutschland zumindest ein leichtes Abflauen der Steigerungsrate herauslesen. Allerdings ĂŒberschritt die Quote am gestrigen Sonntag erstmals die 1000er Marke, was bei den inoffiziellen Zahlen der Berliner Morgenpost [2] bereits am Freitag der Fall war.
Durch die jetzt beschlossene weitere soziale Distanzierung â das SchlieĂen der Schulen, von Stadien, Sporteinrichtungen; verstĂ€rkt in StĂ€dten auch die SchlieĂung von Clubs, Kneipen und Kinos; etwa in Bayern ab Mittwoch auch das Zusperren von GeschĂ€ften; und so weiter â sinkt auch das Risiko, dass sich gröĂere lokale Krisenherde spontan neu entwickeln und es so vielleicht demnĂ€chst zu einer konstanten Rate kommt, so wie es auch in China in dieser Phase der Fall war. Dort (auĂerhalb von Hubei) blieben die Fallzahlen bei etwa 800 eine Woche lang stehen, bevor sie wieder fielen. Vielleicht bleiben uns hierzulande gar Ausgangssperren wie in Italien, Spanien und nun auch Ăsterreich erspart.
(Bild:Â WHO China Joint Mission)
Das Auswerten der RKI-Daten [3] fĂŒr aktuelle ZeitrĂ€ume ist in unserer föderalen Struktur allerdings etwas problematisch, weil sie ĂŒber den Deutschen Amtsschimmel nach § 11 des Infektionsschutzgesetz (IfSG) laufen:
Ăbermittlung an die zustĂ€ndige Landesbehörde und an das Robert Koch-Institut:
(1) Die verarbeiteten Daten zu meldepflichtigen Krankheiten und Nachweisen von Krankheitserregern werden anhand der Falldefinitionen nach Absatz 2 bewertet und spĂ€testens am folgenden Arbeitstag durch das nach Absatz 3 zustĂ€ndige Gesundheitsamt der zustĂ€ndigen Landesbehörde sowie von dort spĂ€testens am folgenden Arbeitstag dem Robert Koch-Institut mit folgenden Angaben ĂŒbermittelt:
Die GesundheitsĂ€mter der Kommunen und Regionen sammeln also die Daten und schicken sie dann, gegebenenfalls nach BĂŒroschluss, irgendwann am nĂ€chsten Arbeitstag an die zustĂ€ndige Landesbehörde. Die macht das gleiche, sammelt erst und schickt die Daten gegebenenfalls nach BĂŒroschluss irgendwann am nĂ€chsten Arbeitstag an das RKI. Das sammelt die Daten und veröffentlicht diejenigen mit Stichzeitpunkt 15 Uhr (ab dem 6. MĂ€rz, vorher 11 Uhr) zum GlĂŒck nicht erst am nĂ€chsten Arbeitstag, sondern gegen Abend auf ihrer Website.
Da spricht man von Digitalisierung in Deutschland und findet hier noch Meldestrukturen aus der Steinzeit vor. Eine gemeinsame Datenbank oder, zumindest wie von der Community oft eingesetzt, Google-Speadsheets oder vergleichbares â offenbar Fehlanzeige.
Auch die Hotlines haben Ă€hnliche QualitĂ€t; wer auĂerhalb der BĂŒrozeiten anruft, hat keine Chance, von 7/24 keine Spur:
- Coronavirus-Hotline des Bundesgesundheitsministeriums: Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr unter (030)Â 34Â 64Â 65Â 100.
- Informationshotline des NiedersÀchsischen Landesgesundheitsamts: Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr unter (0511) 45 05 555
Manuell eingepflegt
So lange wollte das RKI daher bei den zum Teil offenbar recht verschlafenen Landesbehörden bislang nicht warten und hat vorab manuell Daten von den kommunalen GesundheitsÀmtern eingesammelt und eingepflegt.
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In der heutigen Pressekonferenz sprach RKI-VizeprÀsident Lars Schaade davon, dass die Landesbehörden zum Teil die Daten per Fax an das RKI geschickt hatten. Datenexperten sprechen in solchen FÀllen von "Datenbruch": digital vorliegende Daten werden analog verschickt und dann wieder von Hand digitalisiert.
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Das wird dem RKI jetzt aber auch zu bunt. Seit dem 10. MĂ€rz stellt das RKI die Landesbehörden quasi an den Pranger und veröffentlicht von jedem Land, wie viele DatensĂ€tze elektronisch ĂŒbermittelt wurden und wie viele das RKI selbst mĂŒhsam abgeklappert oder eingetippt hat. Die Stadtstaaten haben es da mit nur einer Instanz ein bisschen einfacher und kommen seit dem 15. MĂ€rz alle auf 100 Prozent der elektronischen Ăbertragungsquote.
Das am meisten von Corona betroffene Bundesland Nordrhein-Westfalen erreicht beispielhaft inzwischen ebenfalls 100 Prozent, ebenso Rheinland-Pfalz. Baden-WĂŒrttemberg indes ist das Schusslicht mit 63,4 Prozent (RKI-Zahlen vom 15.3.2020).
(Bild:Â Zahlen vom RKI vom 14.3.2020)
Ab dem morgigen Dienstag, also ab dem 17. MĂ€rz, will das RKI nur noch die elektronisch ĂŒbermittelten Daten veröffentlichen Höchste Zeit also, dass die Landesbehörden ihren Workflow optimieren, damit keine Dateninkonsistenz zwischen den Veröffentlichungen stattfindet, die jede Statistik erschwert. Immerhin scheint es am Wochenende einen freiwilligen Notdienst zu geben, sonst hĂ€tte das RKI am Samstag und Sonntag kaum neue Daten bekommen.
Tagesaktuelle Daten
Laufend aktuelle Daten gibt es indes von fleiĂigen Leuten, die unermĂŒdlich alle verfĂŒgbaren Quellen auswerten. FĂŒr Deutschland ist das vor allem die Redaktion der Berliner Morgenpost, die am nĂ€chsten am Puls der Zeit ist. International kĂŒmmert sich die private Johns Hopkins University [4] in Baltimore/Maryland darum, die aus Deutschland meist zwischenzeitliche Werte der Mopo veröffentlicht.
Der Fallmonitor der WHO [5] beruht auf den offiziell ĂŒbermittelten Daten, hinkt also ebenfalls ziemlich hinterher.
Die Berliner Morgenpost ist somit die aktuelle Quelle. [6]
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Eine landkreisgenaue, aktuelle Fallkarte bietet auch das chinesisch-deutsche Institut fĂŒr Wirtschaft. [7]
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Vom gestrigen Sonntag finden sich in der Mopo die Schlusswerte (von 19 Uhr) mit 5813 FĂ€llen. Das sind 1228 mehr als am Tag zuvor. Leider waren vier (inzwischen fĂŒnf) neue TodesfĂ€lle in Deutschland dabei. Bereits um 15 Uhr lag die Mopo bei 5426 â rund 600 FĂ€lle mehr als das RKI spĂ€ter fĂŒr diesen Stichtermin bekanntgab: 4838 FĂ€lle (+1043). Der doch sehr groĂe Unterschied zu den RKI-Zahlen wirft Fragen auf. Bleibt zu hoffen, dass ab Dienstag mit vollstĂ€ndiger elektronischer Ăbertragung der Daten von den Landesbehörden zum RKI deren Werte aktueller und die Diskrepanzen geringer werden. (as [8])
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html
[2] https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/
[3] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html
[4] https://www.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6
[5] https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd
[6] https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/
[7] https://gcber.org/corona/?scene=126&clicktime=1582908487&from=singlemessage&isappinstalled=0
[8] mailto:as@ct.de
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