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DSGVO-Bilanz: Erstklassiges Gesetz, mangelhafte Durchsetzung

Monika Ermert
DSGVO: Worauf sich die Datenschutz-Aufsichtsbehörden konzentrieren

Auf dem Papier stimmt alles mit der DSGVO, aber die Umsetzung ist alles andere als optimal, resĂŒmieren Europas DatenschĂŒtzer.

Prinzipiell habe Europa das beste aller Datenschutzgesetze – jedoch leide die praktische Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nicht nur unter mangelnden Ressourcen, sondern auch unter einem Systemfehler. Das kritisierte der Chef der belgischen Datenschutzbehörde, Willem Debeuckelaere, am Donnerstag bei einer Bestandsaufnahme im Innenausschuss des Europaparlaments [1].

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Der gemeinsame EuropĂ€ische Datenschutzausschuss (EDPB) könne nicht selbst Verfahren gegen DatenschutzverstĂ¶ĂŸe eröffnen und bleibe ein Gremium nationaler Behörden, die unterschiedlich aktiv die DSGVO Umsetzung verfolgen, fĂŒhrte Debeuckelaere aus. So seien dem EPDP HĂ€nde und FĂŒĂŸe gebunden: Die Durchsetzung der neuen Regeln sei abhĂ€ngig davon, dass nationale Behörden Beschwerden nachgehen, beziehungsweise proaktiv VerstĂ¶ĂŸe ermittelten.

Wenn die fĂŒr einen Fall zustĂ€ndige Datenschutzbehörde nicht aktiv wird, passiere wenig. "Da klafft eine RiesenlĂŒcke in den Regeln“, so Debeuckelaere. Er regte an, dem EPDP kĂŒnftig die Kompetenz und KapazitĂ€t zu geben, eigene FĂ€lle auf EU-Ebene zu eröffnen. Mit den derzeit lediglich 17 EPDP Sekretariatsmitgliedern sei das freilich auch personell kaum möglich. Aktuell sind es nicht die Datenschutzbehörden, sondern vor allem Verbraucherschutzorganisationen und Nichtregierungsorganisationen, die die Grenzen des neuen europĂ€ischen Datenschutzrechts austesteten, bedauerte der belgische Beamte.

Die EDPB Vorsitzende, Andrea Jelinek, oberste DatenschĂŒtzerin in Österreich, zog ihrerseits eine positivere Bilanz. Immerhin 45 so genannte One-Stop-Shop-Untersuchungen seien seit Inkraftreten der DSGVO angelaufen. 23 werden derzeit noch von der jeweils zustĂ€ndigen nationalen Datenschutzbehörde untersucht, so etwa der Facebook Fall in Irland. FĂŒr 16 erarbeiteten die jeweiligen Datenschutzbehörden BeschlussentwĂŒrfe und sechs FĂ€lle seien abgeschlossen. Streit zu den vorgelegten sechs Entscheidungen gab es bislang nicht, so dass die vorgesehenen Schiedsverfahren noch nicht erprobt sind.

Auch bei den ZustÀndigkeitsentscheidungen sei man bisher ohne Streit ausgekommen, berichtete Jelinek. 306 von 642 beim EDPB gemeldeten Beschwerden hat das EPDP bislang in die HÀnde nationaler Behörden weitergeleitet. Insgesamt notierte das EDPB in den ersten acht Monaten 206.326 Beschwerden, davon 94.622 Datenschutzbeschwerden, 64.684 FÀlle, in denen persönliche Daten verloren oder geleakt wurden, und 47.020 andere FÀlle.

Kritik in Bezug auf die Umsetzung der DSGVO musste sich im Innenausschuss insbesondere die EU Kommission anhören. Die liberale Abgeordnete Sophie in‘t Veld kritisierte, dass die Kommission als WĂ€chterin der Umsetzung nicht energischer gegen sĂ€umige Mitgliedsstaaten einschreite. Vier der 28 Mitgliedsstaaten haben noch nicht einmal ihr nationales Recht an die DSGVO angepasst, berichtete ein Vertreter der Kommission. Zu den zögerlichen Umsetzern gehören Polen und Portugal. Auch in Bezug auf die notwendige Ausstattung agieren die Regierungen sehr unterschiedlich.

Polen hat den Datenschutzbehörden die finanziellen Mittel fĂŒr 2019 um 15 Prozent gekĂŒrzt [3], Tschechien um 6 Prozent. Zahlreiche DatenschĂŒtzer haben, wie etwa die Behörde von Debeuckelaere "doppelt soviel Arbeit“ bei gleich gebliebenem Budget oder kaum gesteigertem Personalbestand. Deutliche Steigerungen können innerhalb der 28 MitgliedslĂ€nder Zypern, Finnland, Luxemburg und Deutschland verzeichnen. Europas oberster DatenschĂŒtzer (EPDS), Giovanni Buttarelli, sagte anlĂ€sslich der Vorstellung seines Jahresberichts [4], trotz geplanter Steigerungen der Personaldecke etwa in seiner Behörde um voraussichtlich 30 Prozent auf dann deutlich ĂŒber 100 Mitarbeiter: "Die Zahl der Datenschutzbeamten kann mit der Phalanx an AnwĂ€lten auf der Seite großer Unternehmen niemals mithalten.“

Buttarelli lobte einerseits den Erfolg der DSGVO, einschließlich der Chance, mittels der in HandelsvertrĂ€gen abgeschlossenen Datenschutz Äquivalenz-Abkommen mit Drittstaaten "die grĂ¶ĂŸte Zone fĂŒr sicheren, freien Austausch persönlicher Daten zu schaffen, die es jemals gab“. Zugleich rĂ€umte er ein, dass auf die DatenschĂŒtzer noch ein Haufen unerledigter Arbeit warte. Die Verabschiedung von DSGVO-widrigen Gesetzes, wie beispielsweise der Vorratsdatenspeicherung in Italien, die eine Speicherung fĂŒr bis zu sechs Jahre vorsieht, nannte er besorgniserregend. Hoffentlich werde Max Schrems Organisation klagen, so Buttarelli. (axk [5])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4320653

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.emeeting.europarl.europa.eu/emeeting/committee/agenda/201902/LIBE?meeting=LIBE-2019-0225_1&session=02-26-09-00
[2] https://shop.heise.de/katalog/ct-wissen-dsgvo
[3] http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2014_2019/plmrep/COMMITTEES/LIBE/DV/2019/02-25/9_EDPB_report_EN.pdf
[4] http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2014_2019/plmrep/COMMITTEES/LIBE/DV/2019/02-25/AR2018_EN.pdf
[5] mailto:axk@heise.de