Digitales Gericht: Wie sich die Arbeit der Justiz verÀndert
(Bild: nepool/Shutterstock.com)
Die Digitalisierung macht auch vor Niedersachsens GerichtssÀlen nicht Halt. In Pandemie-Zeiten hat sie einen regelrechten Schub bekommen.
Per Video-Schalte Anhörungen fĂŒhren und zu Hause digitale Akten sichten: Die Arbeit vieler Richterinnen und Richter in Niedersachsen hat sich in den vergangenen Jahren stark verĂ€ndert. "Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung der Gerichte einen regelrechten Schub gegeben", sagt der Vorsitzende des niedersĂ€chsischen Richterbundes, Frank Bornemann, der Deutschen Presse-Agentur.
UmrĂŒstung im Gange
Seit Beginn der Pandemie sind nach Angaben des niedersĂ€chsischen Justizministeriums die SĂ€le in mehr als 120 Gerichten Niedersachsens mit neuer Technik ausgestattet worden â GroĂbild-Monitore, Kameras und Lautsprecher wurden angeschafft. Nach der Anpassung des Corona-Sondervermögens stehen den Angaben zufolge weitere acht Millionen Euro bereit. Damit sollen 100 weitere SĂ€le ausgerĂŒstet, Notebooks fĂŒrs Homeoffice angeschafft und der Zugriff auf die Justiz-Software verbessert werden.
Bornemann, der selbst Strafrichter ist, fĂŒhrt Anhörungen vor der Strafvollstreckungskammer gelegentlich nur noch per Skype. Betroffene, die in der Justizvollzugsanstalt oder im MaĂregelvollzug einsitzen, mĂŒssten dann nicht mehr zum Gericht gefahren werden, erklĂ€rt Bornemann. Das spare Zeit, Transportkosten, Personal und sei Pandemie-sicher.
Solche Video-Schalten seien aber nur sinnvoll, wenn die Verfahren "klar und eindeutig" seien. "Es gibt FĂ€lle, die stehen auf der Kippe, sind hochkomplex, da bin ich als Richter schon von Amts wegen verpflichtet, mir persönlich einen Eindruck zu verschaffen", sagt der Richter. Ohnehin mĂŒsse der oder die Betroffene einer Anhörung per Videoschalte ĂŒberhaupt erst zustimmen. Hauptverhandlungen werde er grundsĂ€tzlich nicht digital fĂŒhren können.
"Mammutaufgabe" digitale Akte
Auch Bornemanns Kolleginnen und Kollegen im Zivilrecht machten rege von Video-Schalten Gebrauch - etwa wenn die Meinung von SachverstÀndigen eingeholt werde, die in einem anderen Teil Deutschlands oder im Ausland wohnten, berichtet er. Auch spezialisierte Dolmetscher könnten so einfacher einbezogen werden, vor allem bei Verfahren an Gerichten in lÀndlichen RÀumen.
Neben der Digitalisierung im Gerichtssaal stellt die EinfĂŒhrung der sogenannten digitalen Akte viele Gerichte vor eine "Mammutaufgabe", berichtet Bornemann.
Als erstes Gericht in Niedersachsen stellte das Arbeitsgericht Oldenburg im Juni komplett auf die elektronische Gerichtsakte um. Dem Pilotprojekt waren mehrmonatige Tests vorangegangen. Nach einem erfolgreichen Abschluss der Pilotphase werde die Papierakte entfallen, teilte das Justizministerium damals mit.
Ruf nach Geld vom Bund
Hintergrund ist ein Bundesgesetz, wonach Prozessakten ab 2026 flĂ€chendeckend bei allen Staatsanwaltschaften und Gerichten ausschlieĂlich elektronisch zu fĂŒhren sind. Niedersachsen hat es sich zum Ziel gesetzt, die elektronische Akte in allen fachgerichtlichen Verfahren, in Zivilsachen bei Land- und Oberlandesgerichten sowie in Insolvenzsachen bis Ende 2022 vollstĂ€ndig umzusetzen. In der restlichen Zeit folge dann die EinfĂŒhrung in den Strafsachen und bei den Amtsgerichten.
"Weil die Vorgabe, die Justiz zu digitalisieren, aus einem Bundesgesetz stammt, muss sich auch der Bund an Kosten beteiligen", fordert Bornemann. Die finanziellen SpielrĂ€ume im Land seien auch fĂŒr andere Bereiche wichtig, etwa um Personal aufzustocken.
Als gröĂte Herausforderung fĂŒr den digitalen Wandel in Niedersachsens GerichtssĂ€len sieht Bornemann die "technische Performanz". "Das Problem sind landauf, landab aber die LeitungskapazitĂ€ten", sagt Bornemann. "Wenn ein Beteiligter in der Verhandlung plötzlich vom Bildschirm verschwindet, dann ist das schon eine Herausforderung." Beim flĂ€chendeckenden Netzausbau bestehe dringender Handlungsbedarf.
Auch die IT-Sicherheit beschĂ€ftigt den Richter: In Niedersachsen sei man glĂŒcklicherweise in der Lage, fĂŒr die Justiz einen eigenen IT-Dienstleister zu haben. Der kĂŒmmere sich primĂ€r um die Gefahrenabwehr. "Bislang hat das gut geklappt", sagt Bornemann.
(mho [2])
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