Elektronische Etiketten: Preise werden beweglicher
(Bild: Media-Saturn-Holding GmbH)
Niedrigere Preise in Zeiten mit weniger Kundenandrang im Supermarkt? Handelsexperten halten das dank moderner Elektronik bald fĂŒr möglich. Doch der Handel ist im Umgang mit der neuen Technik zurĂŒckhaltend.
Noch haben sie in Deutschland Seltenheitswert: elektronische Preisschilder an den Regalen von SupermĂ€rkten und FachgeschĂ€ften. Doch Experten erwarten, dass sich per Knopfdruck aus der Zentrale gesteuerte Etiketten auf breiter Front durchsetzen. Dies könnte das Einkaufen grundsĂ€tzlich verĂ€ndern â denn damit wĂŒrden die Preise im Einzelhandel eine ganz neue Beweglichkeit bekommen.
Aktuell sind Deutschlands zweitgröĂter LebensmittelhĂ€ndler Rewe sowie die Elektronikketten Media Markt und Saturn die Vorreiter. Aber auch erste Edeka-Kaufleute setzen bereits auf elektronische Preisschilder. Und nach Informationen des Fachblatts Lebensmittelzeitung sollen auch einige Discounter schon die neue Technik testen.
Rewe hat bereits rund 500 seiner 3300 MĂ€rkte umgestellt. Als Ersatz fĂŒr die ĂŒblichen Pappschilder wurden ĂŒber sieben Millionen elektronische Einzeletiketten installiert. Im Zuge von Renovierungen und Neubauten sollen auch die restlichen GeschĂ€fte folgen.
Der Handelsriese aus Köln erwartet nach Angaben eines Unternehmenssprechers von der Umstellung in erster Linie Effizienzgewinne: Derzeit mĂŒssten die Mitarbeiter noch Woche fĂŒr Woche Hunderte Preisetiketten an den Regalen von Hand austauschen. Dies sei nicht nur zeitaufwendig, sondern fĂŒhre auch immer wieder zu falschen Preisauszeichnungen und Kundenreklamationen, heiĂt es.
"Flatterpreise" im Anmarsch?
Der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU [1] rechnet allerdings damit, dass die EinfĂŒhrung der neuen Preisschilder auf Dauer deutlich weitreichendere Auswirkungen auf den Einkauf in Deutschland haben wird. "Der erste Schritt wird wahrscheinlich sein, dass in frequenzĂ€rmeren Zeiten die Preise runtergehen â Ă€hnlich wie bei Airlines", meint er. Auch bei leicht verderblicher Ware wie Obst und GemĂŒse wĂŒrden die GeschĂ€fte rasch die Möglichkeit nutzen, Preise im Bedarfsfall so weit wie notwendig zu senken, damit alles abverkauft werde.
Dabei rÀumt Fassnacht ein: "Die Umstellung auf Preise, die im Tagesverlauf schwanken, wird nicht einfach. Die Kunden sind das im Lebensmittelhandel nicht gewohnt." Doch ist er sicher: "Wenn man es intelligent macht, kann man die Kunden dazu bringen, dass sie es als fair wahrnehmen."
Dass es im Einzelhandel bald so zugeht wie an den Tankstellen, wo vor Ferienbeginn in der Regel wie von Zauberhand die Preise steigen, daran glaubt der Experte allerdings nicht. Zwar sei es theoretisch möglich, dass HĂ€ndler vor einem wichtigen FuĂballspiel den Preis fĂŒr eine Kiste Bier erhöhen. "Ich glaube aber nicht, dass das im groĂen MaĂstab geschehen wird. DafĂŒr ist der Wettbewerb im deutschen Einzelhandel zu aggressiv und die Gefahr zu groĂ, die Kunden zu verĂ€rgern." Cetin Azar vom Handelsforschungsinstitut EHI [2] bringt es auf eine einfache Formel: "PreisverĂ€nderungen nach unten sind kein Problem. Aber Preiserhöhungen unter Tage, das wĂ€re sehr schwierig."
TatsĂ€chlich will Rewe von "Flatterpreisen" nichts wissen. Es gehe bei der Umstellung in keiner Weise um "tageszeitabhĂ€ngige Rabattaktionen" oder um "tankstellenĂ€hnliche PreisĂ€nderungen", betont ein Sprecher nachdrĂŒcklich.
Media Saturn bleibt vorsichtig
Auch die Elektronikkette Media Saturn zeigt sich vorsichtig im Umgang mit den Möglichkeiten der neuen Technik. In den Niederlanden, wo Media Saturn die elektronischen Preisschilder bereits im groĂen Stil eingefĂŒhrt hat, Ă€ndert das Unternehmen trotz der harten Konkurrenz der Online-HĂ€ndler nach Angaben einer Sprecherin nur einmal am Tag auĂerhalb der GeschĂ€ftszeiten seine Ladenpreise. In Deutschland ist die Technik noch ganz am Anfang, gerade einmal vier LĂ€den sind bis jetzt mit den Schildern ausgestattet. Doch der Rest soll folgen.
Dabei könnten die elektronischen Preisschilder in Zukunft sogar noch den Weg fĂŒr viel revolutionĂ€rere Verkaufsstrategien bereiten, schĂ€tzt Fassnacht: "Wer eine Smartphone-App des HĂ€ndlers installiert hat, kann ĂŒber Near-Field-Kommunikation mittels des elektronischen Preisetiketts auf seinem Handy einen gĂŒnstigeren Preis angeboten bekommen, den andere nicht sehen." Die Preisgestaltung könne so viel individueller auf den Kunden zugeschnitten werden als heute. (axk [3])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-2531800
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.whu.edu/fakultaet-forschung/marketing-and-sales-group/marketing-und-handel/prof-fassnacht-und-team/univ-prof-dr-martin-fassnacht/
[2] http://www.ehi.org/
[3] mailto:axk@heise.de
Copyright © 2015 Heise Medien