zurück zum Artikel

EuropÀische Informatik setzt auf "Ambient Intelligence"

Christiane Schulzki-Haddouti

Das Konzept der "Ambient Intelligence" wolle die Lebens- und Arbeitsumgebung mit intelligenten Funktionen erweitern und rĂŒcke die StĂ€rken der europĂ€ischen Industrie in den Vordergrund, hieß es auf der GI-Jahrestagung.

Die EuropĂ€er investieren derzeit massiv in die Forschung ĂŒber so genannte "Ambient Intelligence" ("Umgebungsintelligenz"). Darauf wies Matthias Jarke, PrĂ€sident der Gesellschaft fĂŒr Informatik (GI [1]) anlĂ€sslich der GI-Jahrestagung [2] hin. Die EuropĂ€ische Union verfolgt das Konzept der "Ambient Intelligence", das die Lebens- und Arbeitsumgebung mit intelligenten Funktionen erweitern will. Dadurch soll die europĂ€ische Industrie in ihren StĂ€rken weiterhin wettbewerbsfĂ€hig erhalten werden. Die EuropĂ€ische Kommission fördert den Bereich in ihrem 6. Rahmenprogramm [3] mit insgesamt 3,63 Milliarden Euro.

Das amerikanische Konzept des "Ubiquitous Computing" rĂŒcke im Unterschied zur "Ambient Intelligence" die IT-Grundtechnologien und damit die StĂ€rken der amerikanischen Computerindustrie in den Vordergrund. Die Rechner sollen hier in den Alltag integriert werden. Der Computerkonzern IBM rechnet damit, dass im Jahr 2013 fĂŒr eine Milliarde Menschen bereits eine Billion elektronisch aufgerĂŒsteter, vernetzter GegenstĂ€nde zur VerfĂŒgung stehen könnten. VorlĂ€ufer dieser smarten GegenstĂ€nde sind die Embedded Systems. Schon im Jahr 2000 kamen nach Erhebungen der Pentagon-Forschungseinrichtung DARPA 8 Milliarden Mikroprozessoren zum Einsatz. 98 Prozent der Prozessoren arbeiteten in Embedded Systems, lediglich 2 Prozent in Anwendungen wie dem klassischen PC.

Vor wenigen Tagen beschlossen [4] Ungarn und Deutschland in Ungarn ein Forschungsinstitut zu grĂŒnden, dessen erster Arbeitsschwerpunkt der Bereich der "Ambient Intelligence" sein wird. Die Startinvestitionen in Höhe von sechs Millionen Euro tragen beide LĂ€nder zu gleichen Teilen. In vier Jahren soll mit der Kooperation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Budapest und Kaiserslautern das erste Fraunhofer-Institut in Mittel-, SĂŒd- und Osteuropa entstehen.

Im derzeit weltweit grĂ¶ĂŸten Projekt fĂŒr "Ambient Intelligence", WearIT@Work [5], entwickelt und erprobt ein europĂ€isches Konsortium unter Leitung der UniversitĂ€t Bremen [6] seit Mitte 2004 Lösungen fĂŒr "Wearable Computing" in Arbeitskleidung und ArbeitsgerĂ€ten, speziell in der Auto- und Flugzeugindustrie und im Gesundheitswesen. Das Projekt mit 36 Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft aus 15 LĂ€ndern hat ein Finanzvolumen von 24 Millionen Euro. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat auf Basis eines gemeinsamen Strategiepapiers von GI und VDE kĂŒrzlich ein Schwerpunktprogramm "Organic Computing [7]" beschlossen. Sein Ziel ist es, die wachsende KomplexitĂ€t der uns umgebenden Systeme durch Mechanismen der Selbstorganisation zu beherrschen und an den BedĂŒrfnissen der Menschen zu orientieren.

Im Verkehrsbereich erwarten Experten die schnellsten Fortschritte, da das Auto durch seine Geschlossenheit und stabile Energieversorgung eine geeignete Plattform darstellt. Das "intelligente Haus" hingegen wird sich nur langsam durchsetzen. Bei den Querschnittstechnologien wie den digitalen Informations- und Unterhaltungsmedien, den so genannten Wearables und Smart Labels werden sich die Smart Labels am schnellsten im Alltag durchsetzen. Noch gibt es erst ganz wenige marktreife Anwendungen. Chiphersteller Infineon etwa entwickelte zusammen mit dem Bekleidungshersteller Rosner eine seit wenigen Tagen erhĂ€ltliche Herrenjacke [8], in die Funktionen wie Mobil telefonieren per Bluetooth und MP3-Player eingebaut sind. Ende 2004 will Infineon intelligente Textilien prĂ€sentieren, die ein sich selbst organisierendes Netzwerk von robusten Chips enthalten sollen. Sie ĂŒbernehmen Sensorfunktionen zur Überwachung von Druck, Temperatur oder Vibration. Damit könnte etwa ein intelligenter Teppich als Bewegungs- oder Feuermelder dienen oder Klima- und Alarmanlagen steuern. Daneben könnten eingewobene Leuchtdioden einen Teppich oder Wandbehang zum flexiblen Wegweisern oder WerbetrĂ€gern machen.

Wenn GegenstĂ€nde autonom Informationen austauschen und auf Ressourcen im Internet zugreifen können, muss allerdings auch die PrivatsphĂ€re des Einzelnen gewahrt bleiben. GI-PrĂ€sident Matthias Jarke appellierte an Hochschulen und Unternehmen "von Anfang an die Technologien so zu entwickeln, dass sie eine hohe Akzeptanz bei den Anwendern finden können". "Die Technologie muss datenschutzkonform gestaltet werden", forderte auch Johann Bizer, stellvertretender LandesdatenschĂŒtzer in Schleswig-Holstein. "Entwicklungen mĂŒssen von ihrem Anwendungskontext her gedacht werden." (Christiane Schulzki-Haddouti) / (jk [9])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-105653

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.gi-ev.de/
[2] http://www.informatik2004.de
[3] http://www.cordis.lu/ist
[4] http://www.bundesregierung.de/Nachrichten-,417.714057/artikel/Gemeinsame-Erklaerung-ueber-di.htm
[5] http://www.wearable-computing.de
[6] http://www.tzi.de
[7] http://www.dfg.de/aktuelles_presse/information_fuer_die_wissenschaft/schwerpunktprogramme/info_wissenschaft_14_04.html
[8] https://www.heise.de/news/Wearable-fuer-den-modebewussten-Mann-101875.html
[9] mailto:jk@heise.de