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Facebook-Rechtsanwalt: "Es gibt keine PrivatsphÀre"

Stefan Krempl
Facebook

(Bild: dpa, Christophe Gateau)

Das soziale Netzwerk argumentiert im Streit ĂŒber Datenmissbrauch im Cambridge-Analytica-Skandal damit, dass Nutzer dort gar nicht privat sein wollten.

Facebook sieht im Datenskandal mit Cambridge Analytica die Rechte der betroffenen Mitglieder auf Privatheit nicht verletzt, da diese bei ihren AktivitÀten in dem sozialen Netzwerk gar nicht davon ausgingen, privat zu handeln. "Es hat kein Eindringen in die PrivatsphÀre gegeben, weil es keine PrivatsphÀre gibt", erklÀrte mit Orin Snyder am Mittwoch laut US-Medienberichten ein Rechtsanwalt im Namen des kalifornischen Konzerns bei einer Gerichtsanhörung in San Francisco.

Cambridge Analytica und die Facebook-Profile

Der Plattformbetreiber leugnet demnach nicht [7], dass in der AffĂ€re Drittparteien Zugriff auf Nutzerdaten hatten. Snyder versuchte Vince Chhabria, Richter am Bundesgericht fĂŒr den Bezirk Nordkalifornien, aber davon zu ĂŒberzeugen, dass dies nicht so schlimm gewesen sei. Denn es gebe in dem Netzwerk gar keine "angemessene Erwartung auf Privatheit" der Nutzer. GemĂ€ĂŸ dieser Logik wĂ€re Facebook ein komplett öffentlicher Raum wie ein Marktplatz, auf dem jedem bewusst sein sollte, dass man beobachtet und belauscht werden kann.

Zumindest zum neu ausgerufenen Kurs des Portalmachers [8] passen die weitgehenden Aussagen des Juristen nicht mehr. Der Chef des sozialen Netzwerks, Mark Zuckerberg, hatte vor Kurzem betont, dass "die Zukunft privat ist". Facebook wolle sich kĂŒnftig stĂ€rker um den Datenschutz seiner Nutzer bemĂŒhen und dafĂŒr etwa auf mehr VerschlĂŒsselung setzen und personenbezogene Informationen kĂŒrzer sowie sicherer speichern. Der MitgrĂŒnder sagte aber zugleich, man sei in den vergangenen Jahren bemĂŒht gewesen, das "digitale Äquivalent eines öffentlichen Marktplatzes zu bauen".

Im Rahmen der Cambridge-Analytica-AffĂ€re [9] hatte sich die britische Big-Data-Firma wĂ€hrend des US-Wahlkampfs unerlaubt Zugang zu Daten von Millionen Facebook-Nutzern verschafft. Mit den Informationen soll das Unternehmen ĂŒber BeitrĂ€ge und Werbung in dem sozialen Netzwerk geholfen haben, AnhĂ€nger des heutigen US-PrĂ€sidenten Donald Trump zu mobilisieren und zugleich potenzielle WĂ€hler der Gegenkandidaten Hillary Clinton vom Urnengang abzuhalten.

In dem Verfahren in San Francisco [10], das sich noch in einer Vorrunde befindet, hat Chhabria zahlreiche Klagen gegen Facebook von unterschiedlichsten Interessensvertretern gebĂŒndelt. Der US-Konzern drĂ€ngt den Richter dazu, die Beschwerden zurĂŒckzuweisen, den Fall einzustellen und dem Betreiber so potenziell hoch ausfallende SchadenersatzansprĂŒche zu ersparten. Chhabria, der auch mit Klagen gegen den Chemieriesen Bayer-Monsanto betraut ist, hat aber bereits durchblicken lassen, dass er die Eingaben gegen Facebook zumindest teilweise fĂŒr begrĂŒndet hĂ€lt.

Er teilte den KlĂ€gern bereits vor der jetzigen Anhörung mit [11], dass das Gericht höchstwahrscheinlich die Position einnehmen werde, dass private Informationen der Betroffenen ohne deren Einwilligung nach außen gedrungen seien. Dem Konzern droht parallel eine Rekordstrafe der US-Handelsaufsicht FTC [12] in Höhe von bis zu fĂŒnf Milliarden US-Dollar wegen DatenschutzverstĂ¶ĂŸen in dem Fall. (tiw [13])


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[1] https://www.heise.de/tipps-tricks/Facebook-Daten-schuetzen-durch-Deaktivieren-der-App-Integration-4000590.html
[2] https://www.heise.de/meinung/Kommentar-deletefacebook-ist-auch-nicht-die-Loesung-4001094.html
[3] https://www.heise.de/news/Datenskandal-Cambridge-Analytica-Facebook-Chef-Mark-Zuckerberg-raeumt-Fehler-ein-4000885.html
[4] https://www.heise.de/news/Datenskandal-um-Cambridge-Analytica-Facebook-sieht-sich-als-Opfer-3999922.html
[5] https://www.heise.de/news/Trump-Wahlhelfer-Cambridge-Analytica-Streit-um-50-Millionen-Facebook-Profile-3997820.html
[6] https://www.heise.de/select/ct/2017/19/1505419472706012
[7] https://www.cnet.com/news/facebook-reportedly-thinks-theres-no-expectation-of-privacy-on-social-media/
[8] https://www.heise.de/news/Facebook-F8-Die-Zukunft-ist-privat-4410959.html
[9] https://www.heise.de/thema/Facebook_Datenskandal
[10] https://www.cand.uscourts.gov/vc/fbmdl
[11] https://www.cand.uscourts.gov/filelibrary/3701/PTO-19.pdf
[12] https://www.heise.de/news/Facebook-erwartet-nur-5-Milliarden-Dollar-Datenschutzstrafe-Boerse-erleichtert-4406965.html
[13] mailto:tiw@heise.de