Facebook erreicht Millionen Deutsche, die es nicht gibt
(Bild: Andréa Portilla, "Illusion", CC BY ND 2.0)
Erstaunlich hoch sind die offiziellen Reichweitenangaben fĂŒr auf Facebook geschaltete Werbung. In den wichtigsten MĂ€rkten gibt es mehr vorgebliche User, als Einwohner.
Facebook-Werbung erreicht nach Angaben des Konzerns zwölf Millionen Deutsche Twens (20-29 Jahre). Das Problem: Die Bundesrepublik hat nur 9,2 Millionen Einwohner in diesem Alter. Diese Ăbertreibung von 30 Prozent hat das australische Fachmedium Adnews herausgefunden [1], indem es Daten aus Facebooks "Audience Tool" mit den offiziellen Fortschreibungen der VolkszĂ€hlungen verglichen hat. Wie sich zeigt, ist die phantastische EffektivitĂ€t von Facebook-Reklame nicht auf Deutschland beschrĂ€nkt.
Adnews hat Facebooks Angaben fĂŒr Twens aus zwölf LĂ€ndern analysiert und dabei neun mit unmöglichen Behauptungen gefunden: Kanada und die USA liegen mit je 142 Prozent "Reichweite" vorne, dahinter folgen GroĂbritannien und Nordirland (139%), Frankreich (136%), Australien (133%), Italien (132%), Deutschland (130%), und Brasilien (126%). Auch kleine LĂ€nder sind nicht gefeit: In Island erreiche Facebook 140% "Reichweite".
Unter hundert Prozent sollen es in Japan, Russland und SĂŒdafrika sein, wo Facebook nicht so stark genutzt wird. Auch bei Ă€lteren, bei Werbetreibenden weniger begehrten Altersklassen fallen die Werte regelmĂ€Ăig unter hundert Prozent. In mehreren LĂ€ndern ab 40 Jahren, in Italien ab 35, in Deutschland schon ab 30, in Island erst ab 45.
Facebook: So war das nicht gemeint
Laut dem Fachmedium war professionellen Werbetreibenden nicht bewusst, dass die Angaben in diesem AusmaĂ unglaubwĂŒrdig sind. Facebook verweist darauf, dass es sich um SchĂ€tzungen handle, die nicht zum Vergleich mit der Bevölkerungsstatistik gedacht seien. Vielmehr sollen sie den zahlenden Kunden zeigen, wie viele Facebook-User theoretisch geschaltete Werbung vorgesetzt bekommen könnten.
In diese SchĂ€tzungen flössen verschiedene Faktoren ein, darunter das Nutzungsverhalten der User, deren statistische Angaben und Ortungsdaten der benutzten GerĂ€te. Damit wĂŒrden auch Auslandsreisende erfasst, die nicht im jeweiligen Land wohnen und bei VolkszĂ€hlungen nur teilweise erfasst werden.
Doch Touristen und Wirtschaftsreisende können die erheblichen ĂberschĂŒsse nur zu einem kleinen Teil erklĂ€ren. Weitere Fehlerquellen sind wohl Facebook-Nutzer, die falsche Altersangaben gemacht haben, sowie Konten fĂŒr real nicht existierende Personen. Letztere liegen Werbetreibenden besonders auf der Tasche.
[UPDATE, 12.02.2017, 16:15]
Facebook nahm inzwischen gegenĂŒber heise online wie folgt Stellung: "GeschĂ€tzte Reichweiten in unserem Werbeanzeigen-Manager sind nicht darauf ausgelegt, Bevölkerungsdaten zu entsprechen. Sie spiegeln Nutzerverhalten, Nutzerdemographie, Standortdaten und weitere Faktoren wieder.â (ds [2])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.adnews.com.au/news/facebook-audience-inflation-a-global-issue-adnews-study
[2] mailto:ds@heise.de
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