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Facebook erreicht Millionen Deutsche, die es nicht gibt

Daniel AJ Sokolov
Vielfache Spiegelung der selben Frau (von hinten)

(Bild: AndrĂ©a Portilla, "Illusion", CC BY ND 2.0)

Erstaunlich hoch sind die offiziellen Reichweitenangaben fĂŒr auf Facebook geschaltete Werbung. In den wichtigsten MĂ€rkten gibt es mehr vorgebliche User, als Einwohner.

Facebook-Werbung erreicht nach Angaben des Konzerns zwölf Millionen Deutsche Twens (20-29 Jahre). Das Problem: Die Bundesrepublik hat nur 9,2 Millionen Einwohner in diesem Alter. Diese Übertreibung von 30 Prozent hat das australische Fachmedium Adnews herausgefunden [1], indem es Daten aus Facebooks "Audience Tool" mit den offiziellen Fortschreibungen der VolkszĂ€hlungen verglichen hat. Wie sich zeigt, ist die phantastische EffektivitĂ€t von Facebook-Reklame nicht auf Deutschland beschrĂ€nkt.

Mosaik

Mosaik aus dem 14. Jahrhundert. Es zeigt die hochschwangere Maria und Josef bei Kyrenios zu der im Lukas-Evangelium ĂŒberlieferten VolkszĂ€hlung.

Adnews hat Facebooks Angaben fĂŒr Twens aus zwölf LĂ€ndern analysiert und dabei neun mit unmöglichen Behauptungen gefunden: Kanada und die USA liegen mit je 142 Prozent "Reichweite" vorne, dahinter folgen Großbritannien und Nordirland (139%), Frankreich (136%), Australien (133%), Italien (132%), Deutschland (130%), und Brasilien (126%). Auch kleine LĂ€nder sind nicht gefeit: In Island erreiche Facebook 140% "Reichweite".

Unter hundert Prozent sollen es in Japan, Russland und SĂŒdafrika sein, wo Facebook nicht so stark genutzt wird. Auch bei Ă€lteren, bei Werbetreibenden weniger begehrten Altersklassen fallen die Werte regelmĂ€ĂŸig unter hundert Prozent. In mehreren LĂ€ndern ab 40 Jahren, in Italien ab 35, in Deutschland schon ab 30, in Island erst ab 45.

Laut dem Fachmedium war professionellen Werbetreibenden nicht bewusst, dass die Angaben in diesem Ausmaß unglaubwĂŒrdig sind. Facebook verweist darauf, dass es sich um SchĂ€tzungen handle, die nicht zum Vergleich mit der Bevölkerungsstatistik gedacht seien. Vielmehr sollen sie den zahlenden Kunden zeigen, wie viele Facebook-User theoretisch geschaltete Werbung vorgesetzt bekommen könnten.

In diese SchĂ€tzungen flössen verschiedene Faktoren ein, darunter das Nutzungsverhalten der User, deren statistische Angaben und Ortungsdaten der benutzten GerĂ€te. Damit wĂŒrden auch Auslandsreisende erfasst, die nicht im jeweiligen Land wohnen und bei VolkszĂ€hlungen nur teilweise erfasst werden.

Doch Touristen und Wirtschaftsreisende können die erheblichen ÜberschĂŒsse nur zu einem kleinen Teil erklĂ€ren. Weitere Fehlerquellen sind wohl Facebook-Nutzer, die falsche Altersangaben gemacht haben, sowie Konten fĂŒr real nicht existierende Personen. Letztere liegen Werbetreibenden besonders auf der Tasche.

[UPDATE, 12.02.2017, 16:15]

Facebook nahm inzwischen gegenĂŒber heise online wie folgt Stellung: "GeschĂ€tzte Reichweiten in unserem Werbeanzeigen-Manager sind nicht darauf ausgelegt, Bevölkerungsdaten zu entsprechen. Sie spiegeln Nutzerverhalten, Nutzerdemographie, Standortdaten und weitere Faktoren wieder.“ (ds [2])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3827356

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.adnews.com.au/news/facebook-audience-inflation-a-global-issue-adnews-study
[2] mailto:ds@heise.de