Glasfaser-Poker
Zehn Prozent der Haushalte will die Deutsche Telekom bis Ende 2012 mit Glasfaser ans Internet anschlieĂen. Dabei ist noch immer umstritten, welche Architektur sich fĂŒr optische Zugangsnetze am besten eignet. Begibt sich der Ex-Monopolist mit seinen AusbauplĂ€nen auf einen Irrweg?
Hohe Investitionen, ungewisse Nachfrage durch Kunden, die zudem höchstens 40 bis 50 Euro fĂŒr eine Flatrate bezahlen wollen â das sind die Herausforderungen, vor denen Anschlussnetzbetreiber beim Glasfaserausbau stehen. âDeshalb ist fĂŒr uns die Technoökonomik so wichtigâ, erklĂ€rte Thomas Monath von den Deutsche Telekom Laboratories (T-Labs) zur Eröffnung der Conference on Telecommunication, Media and Internet Techno-Economics (CTTE), die Mitte Mai in Berlin stattfand. Auf der Veranstaltung tauschten die Beteiligten am von der EU bis Ende 2012 mit fĂŒnf Millionen Euro geförderten Projekt Optical Access Seamless Evolution (OASE) ihre bisher gewonnenen Erkenntnisse aus.
Technoökonomik, das ist der Versuch, die von der Technik bereitgestellten Optionen zur Entscheidungsfindung mit GeschĂ€ftsmodellen zu verbinden. Szenarien, Wirtschaftlichkeitsrechnungen, Simulationen und SensitivitĂ€tsanalysen sollen Schneisen in die Ungewissheit schlagen und Investitionsrisiken halbwegs kalkulierbar machen. So beschĂ€ftigt sich eine Gruppe um Koen Casier an der UniversitĂ€t Gent damit, wie Geoinformationssysteme die Planer bei der EinfĂŒhrung neuer Netzstrukturen unterstĂŒtzen können. Am Beispiel der Stadt Gent propagierte er ein Planungswerkzeug zur Kosten-/Nutzenrechnung, das die Investitionsrechnung mit Methoden des Geomarketing koppelt.
Punkte sammeln
Dieser Ansatz betreibt eine Art Scoring der Ausbaugebiete, fĂŒr das Informationen ĂŒber potenzielle Kunden kleinrĂ€umig mit GebĂ€udekoordinaten verknĂŒpft werden. Mit Hilfe eines Geoinformationssystems wird dazu zunĂ€chst das Stadtgebiet in Cluster gegliedert, die die Altersstruktur und Kaufkraft widerspiegeln. In einem zweiten Schritt werden diese Cluster dann mit den netzspezifischen Ausbaukosten etwa in Bezug auf AnschlusslĂ€ngen und -dichten neu berechnet. Bei dieser iterativen Neubewertung können unter UmstĂ€nden wohlhabende Villenvororte einen niedrigeren Score erhalten als ein von Internet-affinen Yuppies durchsetztes Viertel mit MehrfamilienhĂ€usern. Mit dem Geomarketing, warb Casier fĂŒr die Methode, könne sich ein Netzbetreiber nach Kosten- und Erlösgesichtspunkten die Rosinen unter den Ausbaugebieten herauspicken, mit den lukrativsten Bezirken beginnen und dann aus den ErtrĂ€gen sukzessive auch die ErschlieĂung der weniger profitablen Stadtteile angehen.
WĂ€hrend der sich ĂŒber etliche Jahre hinziehenden Investitionen in den Next Generation Access (NGA) verĂ€ndern sich im Allgemeinen die Wettbewerbsbedingungen. Das versucht Anastasios Economides von der UniversitĂ€t Mazedonien zu modellieren, indem er die inzwischen weit verbreiteten AnsĂ€tze der Spieltheorie mit den in der Finanzwelt etablierten Methoden zur Berechnung des Wertes von Optionen in Waren- und Wertpapier-TermingeschĂ€ften kombiniert.
(Bild:Â Koen Casier, Uni Gent)
Er begleitete den Einstieg in die Breitbandkommunikation des stĂ€dtischen Wasserver- und -entsorgers in Thessaloniki mit einem Modell. Dabei ging es um die schrittweise Ausweitung des GeschĂ€ftsfelds vom Aufbau eines passiven optischen Netzes zur Vermarktung unbeleuchteter Glasfasern ĂŒber den Betrieb eines aktiven Netzes bis zum Angebot eigener Dienste fĂŒr Privat- und GeschĂ€ftskunden. Die Spieler sind die Wettbewerber, und das Verfahren soll es erleichtern, den gĂŒnstigsten Zeitpunkt fĂŒr strategische Investitionsentscheidungen herauszufinden.
Weniger spielerisch mutet das ursprĂŒnglich von Ăkologen entwickelte und in einem System gekoppelter Differenzialgleichungen formulierte RĂ€uber/Beute-Schema an, das Ăkonomen als Lotka-Volterra-Competition ĂŒbernommen haben. RĂŒdiger Zarnekow von der TU Berlin analysierte damit die Konkurrenz von IPTV und Internet-TV um die Gunst der Zuschauer. Dazu zog er das IPTV-Angebot der Deutschen Telekom, T-Entertain, als Prototyp fĂŒr den administrierten Ăbertragungsweg und Zattoo als Vertreter fĂŒr das TV-Streaming ĂŒber das offene Internet heran.
Die beiden Anbieter haben es hierzulande bis Ende vergangenen Jahres nach eigenen Angaben auf 1,4 Millionen (T-Entertain) und 2,5 Millionen (Zattoo) Nutzer gebracht. âBeide sind recht erfolgreich in Deutschlandâ, meinte Zarnekow, aber bis jetzt gebe es noch keine Substitutionseffekte. Er fĂŒhrt das auf die bislang unterschiedlichen Zielgruppen zurĂŒck â die eher traditionellen TV-Konsumenten im Falle von IPTV und die Internet-Erfahrenen beim Webfernsehen. Doch innerhalb der nĂ€chsten drei oder vier Jahre sei damit zu rechnen, dass sich die Nutzerprofile zunehmend ĂŒberschneiden und das Internet-TV in die Wohnzimmer vordringe.
QoS-Ăkonomie
Die Analyse des Berliner Professors ist Teil seiner Forschungsarbeiten zur QoS Economics, die sich mit der Marktentwicklung, den GeschĂ€ftsmodellen und Wertschöpfungsketten zur Auslieferung von Inhalten mit unterschiedlichen QualitĂ€tsmerkmalen (QoS) durch die Betreiber beschĂ€ftigt. Obwohl Zarnekow den Begriff tunlichst mied, ist der Zusammenhang zur NetzneutralitĂ€t offensichtlich: Das Internet unterlĂ€uft die etablierten TV-VerteilkanĂ€le und hat die Markteintrittsbarrieren fĂŒr neue Anbieter drastisch gesenkt. In den USA erreichen die Videostreams von Netflix bereits ein Viertel aller Breitbandhaushalte und machen in den Abendstunden 30 Prozent der Internetnutzung aus. Um durch die Internet-TV-Konkurrenz nicht zu reinen Bitstrom-Durchleitern degradiert zu werden, sehen die Kabelnetz- und IPTV-Betreiber in den NGA-Plattformen gegenĂŒber dem Best-Effort-Internet eine Chance, sich ĂŒber die Vermarktung von QoS-Inhalten zu behaupten.
Rein technisch betrachtet wĂ€re das Angebot verschiedener QoS-Klassen zur Ăbertragung zunĂ€chst einmal neutral. Doch das ist spĂ€testens dann nicht mehr der Fall, wenn der Betreiber beginnt, die Wurst von beiden Enden her anzuschneiden und seine Plattform nicht nur den Endkunden, sondern auch den Inhalteanbietern zu vermarkten. Dann entsteht ein zweiseitiger Markt, auf dem der Teilnehmeranschluss zum BĂŒndelprodukt von QoS-Klassen mit ausgewĂ€hlten Inhalten wird. Wobei bestimmte Hosts möglicherweise gar nicht oder nur zu den vom Netzbetreiber festgelegten Bedingungen zugĂ€nglich sein werden.
Dagegen bliebe die NetzneutralitĂ€t gewahrt, solange der Nutzer seinen Anschlussnetzbetreiber fĂŒr die Nutzung bestimmter QoS-Transportklassen bezahlt und davon unabhĂ€ngig fĂŒr die bezogenen Inhalte Entgelte an die jeweiligen Content Provider entrichtet. Doch das ist ein Modell, dem Zarnekow keine Chance gibt. âDie Konsumenten sind nicht bereit, separat zum einen fĂŒr den Inhalt und zum anderen fĂŒr die TransportqualitĂ€t zu zahlenâ, meint er. âWenn man ins Kino geht, will man auch nicht zwei Eintrittskarten â eine fĂŒr den Platz und eine fĂŒr den Film â kaufen.â
ZwickmĂŒhle
Nan Zhang von der Aalto UniversitĂ€t Helsinki wies in ihrem Beitrag auf die zunehmende Bedeutung der Content Delivery Networks (CDNs) hin, auf die sich groĂe MedienhĂ€user zunehmend stĂŒtzen und die mit eigenen Backbones und Cache-Servern in TeilnehmernĂ€he die Zugriffsgeschwindigkeit und ĂbertragungsqualitĂ€t der Inhalte verbessern. Ein CDN könne nĂ€mlich âals zweiseitige Plattform betrachtet werden, die versucht, sich zwischen Inhalteanbieter und Internet Service Provider zu schiebenâ.
âContent Provider haben eine höhere Zahlungsbereitschaft zur âbesser als Best-Effortâ-Auslieferung von Inhalten als ISPsâ, erklĂ€rte Zhang und begrĂŒndete dies mit der unterschiedlichen Marktpolitik von Akamai und Inktomi: CDN-Pionier Akamai habe sich stets als Dienstleister der Content Provider begriffen, wĂ€hrend sich Inktomi von den ISPs vergĂŒten lassen wollte. Im Unterschied zu Inktomi ist Akamai heute noch am Markt und der gröĂte Player unter den weltweit rund 20 CDN-Betreibern. Dieses GeschĂ€ftsmodell sei es im Grunde, das die Internet-Zugangsnetzbetreiber nun an sich ziehen wollten, indem sie selbst zu CDN-Betreibern werden.
Next Generation Access
Die Netze der nĂ€chsten Generation böten dazu alle Möglichkeiten â wenn man sie nur erst hĂ€tte. Die Ex-Monopolisten (Incumbents) stehen vor der Wahl, ob sie ihr sternförmiges Telefon-Anschlussnetz mit Glasfaser ĂŒberbauen â also dessen Topologie einfach ĂŒbernehmen und Kupfer durch Glasfaser ersetzen â oder ob sie die geringe DĂ€mpfung und hohe Bandbreite der Glasfaser zu strukturellen Ănderungen nutzen und die Zahl der Zugangsknoten verringern. âWir glauben, dass die VerĂ€nderung der Netzstruktur langfristig groĂe Auswirkungen hatâ, erklĂ€rte Ralf HĂŒlsermann von den T-Labs der Deutschen Telekom.
Er prĂ€sentierte auf der Veranstaltung in Berlin eine im Rahmen des OASE-Projekts entwickelte Methodik zur Ermittlung Total Cost of Ownership (TCO), die zur Kalkulation der Gesamtkosten unter anderem zeitabhĂ€ngige Anschlussquoten, Nutzungsraten, Investitionskosten und Leistungssteigerungen der Netztechnik, ZahlungsflĂŒsse und jĂ€hrliche Betriebsausgaben als Parameter in Rechnung stellt. Mit dieser Methodik wurde zu verschiedenen Nachfrage-Szenarien (15, 25 und 30 Prozent Verkehrswachstum pro Jahr) und ĂŒber einen Zeitraum von 20 Jahren bis zur vollstĂ€ndigen Ablösung der Kupfer- durch Glasfaser-AnschlĂŒsse die Beibehaltung der heute rund 8000 Standorte in den ehemaligen Ortsvermittlungsstellen mit der Reduzierung auf 2000 Netzknoten verglichen. Im Ergebnis zeigten sich, wie HĂŒlsermann resĂŒmierte, âdeut-liche Kostenvorteileâ zugunsten der Aufgabe von Standorten und der stĂ€rkeren Aggregation des Teilnehmerverkehrs in Metronetzen.
Allerdings wurde in den Modellrechnungen eine wesentliche Strukturentscheidung bereits vorweggenommen: Die Telekom prĂ€feriert wie weltweit viele Incumbents GPON-Systeme (Gigabit Passive Optical Network) mit einer Punkt-zu-Multipunkt-(PtMP-)Topologie, bei der sich eine einzige ZufĂŒhrungsfaser mittels eines passiv-optischen Splitters in viele Anschlussfasern zu den Teilnehmern verzweigt, deren AnschlĂŒssen im Zeitmultiplexverfahren jeweils unterschiedliche Zeitschlitze als Kommunikationskanal zugeordnet werden. GegenĂŒber einer Punkt-zu-Punkt-Topologie (PtP) wie beim alten Telefonnetz benötigt die Aufspaltung des optischen Signals auf 32, 64 oder sogar 128 Teilnehmer weniger Glasfasern im ZufĂŒhrungsbereich â ein erheblicher Vorteil, wenn statt aufwendiger Tiefbauarbeiten knappe Leerrohr-KapazitĂ€ten genutzt werden sollen.
Zukunftssicher
Gleichwohl ist die Auseinandersetzung ĂŒber PtMP-GPON oder PtP-Ethernet in der Fachwelt lĂ€ngst nicht abgeschlossen. Das zeigte sich auch auf der CTTE, wo Thomas PlĂŒckebaum die Ergebnisse einer Untersuchung zu Architectures and Competitive Models in Fiber Networks vorstellte, die das Wissenschaftliche Institut fĂŒr Kommunikation (WIK) im Auftrag von Vodafone UK durchgefĂŒhrt hat. Die Modellrechnungen der Studie bestĂ€tigen zwar, dass ein PtP-Ethernet gegenĂŒber einem PtMP-GPON teurer ist â bezogen auf die monatlichen Kosten pro Teilnehmeranschluss um rund zehn Prozent â, jedoch gibt es bei dieser Architekturentscheidung eine Reihe weiterer Faktoren, die erhebliche Auswirkungen auf die Marktentwicklung haben.
So wies PlĂŒckebaum eindringlich auf die Diskrepanz zwischen den betriebswirtschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Kosten-/Nutzenrechnungen hin. Wie heute die Glasfaser vergraben wird, lege das VerhĂ€ltnis zwischen InfrastruktureigentĂŒmern und alternativen Netzbetreibern auf lange Zeit fest: Die PtP-Topologie ermöglicht den entbĂŒndelten Zugang zur unbeleuchteten Glasfaser, sodass Wettbewerber darĂŒber mit eigener Ăbertragungstechnik in die Konkurrenz um QoS und Service Level Agreements gehen können. PtMP hingegen erlaubt ihnen praktisch nur den Zugriff auf die Teilnehmeranschlussleitung im Wege des Bitstromzugangs, also ĂŒber die vom InfrastruktureigentĂŒmer beschaltete Glasfaser. Das werde vielen Wettbewerbern nicht ausreichen, die die UnabhĂ€ngigkeit des physischen Zugriffs auf die Anschlussleitung brauchen, wenn sie etwa Basisstationen oder Computerzentren an ihr Netz anschlieĂen wollen.
âPtMP hat den hĂŒbschen Nebeneffekt, neue Monopole zu ermöglichenâ, meinte der WIK-Experte und lieĂ keinen Zweifel daran, âdass PtP auf lange Sicht die richtige Architektur istâ. Die Vorteile fĂŒr den Marktwettbewerb seien weitaus höher zu veranschlagen als die verhĂ€ltnismĂ€Ăig geringen Mehrkosten eines PtP-Rollouts. Zugleich rĂ€umte er mit dem weit verbreiteten Argument auf, dass GPONs unter Green-IT-Gesichtspunkten energetisch gĂŒnstiger seien, weil eine Leitungskarte eine Vielzahl von TeilnehmeranschlĂŒssen bedient, wĂ€hrend ein PtP-Ethernet fĂŒr jede TAL (Teilnehmeranschlussleitung) einen aktiven Port benötigt. âMan sollte bei Vergleichen nicht nur den Standpunkt der Betreiber im Blick habenâ, mahnte PlĂŒckebaum, denn in der Gesamtbilanz stelle sich der Sachverhalt genau umgekehrt dar, weil die GPON-Glasfasermodems beim Endkunden mehr verbrauchen als die PtP-Ethernet-AnschlĂŒsse. Nur tauche dieser Teil des Verbrauchs halt nicht in der Bilanz des Netzbetreibers, sondern auf der Stromrechnung des Kunden auf.
Die betriebswirtschaftliche und die makroökonomische RationalitĂ€t stimmen hier offensichtlich nicht ĂŒberein; der volkswirtschaftliche Nutzen spiegelt sich in den betrieblichen Investitionsrechnungen nicht wider. Die entscheidende Frage nach der optimalen Infrastruktur kĂŒnftiger BreitbandzugĂ€nge kann daher nicht von der Technoökonomik, sondern nur von der politischen Ăkonomie beantwortet werden. (ad [1])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1253028
Links in diesem Artikel:
[1] mailto:ad@ct.de
Copyright © 2011 Heise Medien