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Hintergrund: Facebook: Mehr User, höhere Kosten, weniger Umsatz pro User

Daniel AJ Sokolov

Das Social Network konnte zwar seine Basis an aktiven Usern weiter steigern. Dieses Wachstum aber macht auch Schwierigkeiten deutlich, vor denen Facebook fĂŒr das kĂŒnftige GeschĂ€ft steht. Da sind die aktuellen roten Zahlen fast das geringere Problem.

Am Donnerstag hat Facebook seine ersten Quartalszahlen [1] seit dem Börsengang veröffentlicht [2]. Der ĂŒbliche Gewinn hat sich in einen Betriebsverlust von rund einer Dreiviertelmilliarde Dollar und einen Nettoverlust von 157 Millionen Dollar gedreht. Dies liegt aber an Einmaleffekten, die Facebook durchaus verkraftet. Die Herausforderung liegt anderswo: Die neu hinzukommenden Facebook-User verursachen Kosten, bringen aber kaum Umsatz.

Die erwĂ€hnten Einmaleffekte sind in den vor 2011 geschlossenen VertrĂ€gen mit den eigenen Mitarbeitern begrĂŒndet. Diesen wurden anstatt höherer GehĂ€lter Aktienpakete fĂŒr den Zeitpunkt des Börsengangs versprochen. Jenen Mitarbeitern, die spĂ€ter nicht zu einer VertrĂ€gsĂ€nderung gedrĂ€ngt werden konnten, mussten die zugesagten Anteilsscheine ĂŒbereignet werden. Außerdem hatte Facebook darauf Lohnsteuer zu entrichten.

Diese Kosten belasten das Ergebnis mit 1,26 Milliarden Dollar, ein Gutteil kommt durch geringere Steuerlast aufgrund geringeren Unternehmensgewinns wieder herein. Da das Unternehmen aus dem Börsengang gleichzeitig 6,8 Milliarden Dollar netto erzielt hat, sitzt es inzwischen auf einem Geldberg von mehr als zehn Milliarden Dollar.

Darauf dĂŒrfen sich die inzwischen rund 4.000 Mitarbeiter aber nicht ausruhen. Denn die AktionĂ€re lieben Wachstum, sowohl bei den Nutzerstatistiken als auch beim Gewinn. Ersteres ist kein Problem: Facebook nannte fĂŒr den Juni 955 Millionen User, die sich mindestens einmal im Monat einloggen (Monthly Active Users, MAU), davon 552 Millionen, die sogar tĂ€glich vorbeischauen (DAU, Daily Active Users). Diese Kennziffern sind rund 30 Prozent höher als vor einem Jahr.

Die Herausforderung ist das erhoffte Gewinnwachstum, denn die zusĂ€tzlichen User gewinnt Facebook in den "falschen" Regionen. In den USA und Kanada sind relativ wenig zusĂ€tzliche Nutzer zu erwarten. Auch in Europa ist Facebook schon recht weit. Das Wachstum kommt vor allem aus Asien und dem Rest der Welt, Facebook selbst nennt Brasilien, Indien und Japan als wichtigste WachstumsmĂ€rkte. Die neuen Teilnehmer erfordern natĂŒrlich Investitionen in Infrastruktur, was sich auch in den Finanzdaten widerspiegelt.

Aber in diesen Wachstumsregionen ist der Umsatz je Nutzer gering. WĂ€hrend ein durchschnittlicher Nutzer in den USA und Kanada im zweiten Quartal 3,20 Dollar Umsatz brachte und in Europa immerhin noch 1,43 Dollar erzielt wurden, waren es in Asien und dem "Rest der Welt" nur 55 respektive 44 Cent.

Hinzu kommt, dass die meisten User außerhalb Europas und Nordamerikas keinen Computer mit Internetzugang haben. Sie nutzen Facebook mit ihrem Handy, dessen Bildschirm aber wenig Platz fĂŒr Reklame hat. Die zweite, wesentlich kleinere Umsatzquelle sind Spesen fĂŒr die Abwicklung von Zahlungen vorrangig in Spielen. Dies ist auf Mobiltelefonen aber in der Hand der jeweiligen App-Store-Betreiber und bringt Facebook nichts ein. Der Idee, ein eigenes Facebook-Handy zu entwickeln, hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg allerdings am Donnerstag eine Absage erteilt.

Sein Unternehmen versucht, mit bezahlten Inhalten ("Sponsored Stories and Newsfeeds") Geld zu machen. Da dies die Zielgruppe aber verschrecken könnte, wird das bewusst nur langsam aufgebaut und ist auch noch nicht in allen LĂ€ndern verfĂŒgbar. Obendrein verfallen außerhalb Nordamerikas die Preise fĂŒr Facebook-Werbung.

Beispiel Indien

Der DĂ€ne John Strand [3], gefragter Berater von Mobilfunkunternehmen in aller Welt, hat das Beispiel Indien beleuchtet. Die grĂ¶ĂŸte Demokratie der Welt weist eine wachsende Mittelschicht und eine explodierende Zahl an Handy-Inhabern auf. 51 Millionen oder vier Prozent der Inder sind auf Facebook und bilden damit bereits das drittgrĂ¶ĂŸte Land auf der Plattform. Der Wachstumsphantasien sind viele.

Aber dafĂŒr mĂŒsse Facebook ein neues GeschĂ€ftsmodell entwickeln, meint Strand. Die indischen User nutzen Facebook fast ausschließlich am Handy. Auf diesem Weg Geld zu verdienen, ist, wie erwĂ€hnt, schwierig. Zudem sind die Werbekunden vorrangig westliche Marken mit westlichen Zielgruppen.

Die beliebteste indische Marke auf Facebook ist laut Strands Analyse der Mobilfunkanbieter Tata DoCoMo. Er zÀhlt 8 Millionen Fans, tÀglich kommen etwa 16.000 hinzu. Werbung schaltet der Netzbetreiber auf Facebook aber nicht. Andere Mobilfunker haben es probiert, laut Strand aber wieder aufgegeben. Denn die Wirkung sei zu gering gewesen. Die User wollten auf Facebook weniger einkaufen, als sich vielmehr mit ihren Freunden unterhalten.

Aktienverfall macht Übernahmen teurer

Frische Ideen und neues Knowhow werden im Silicon Valley regelmĂ€ĂŸig durch Übernahmen von Start-Ups ins Unternehmen geholt. Bezahlt wird das in der Regel mit eigenen Aktien. Der Verfall der Facebook-Aktie macht diesen Weg aber teurer: War die Aktie am Donnerstag im regulĂ€ren Handel schon um 8,5 Prozent oder 2,50 Dollar auf 26,85 Dollar gefallen, stĂŒrzte sie nach Bekanntgabe der Quartalszahlen im nachbörslichen Handel weiter ab.

Die Facebook-Anteile erzielten teilweise nicht einmal mehr 24 Dollar; im nachbörslichen Handel verlor FB:der Kurs [4] 10,71 Prozent auf 23,97 US-Dollar. Ein Finanzanalyst begrĂŒndete dies unter anderem auch mit dem fehlenden Ausblick, den Facebook auf die zukĂŒnftige Entwicklung gewĂ€hrt habe.

Zu den aktuellen Facebook-GeschÀftszahlen des zweiten Quartals siehe:

(jk [6])


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[1] https://www.heise.de/news/Facebook-in-den-roten-Zahlen-1653908.html
[2] http://investor.fb.com/releasedetail.cfm?ReleaseID=695976
[3] http://www.strandreports.com
[4] http://www.google.com/finance?q=NASDAQ
[5] https://www.heise.de/news/Facebook-in-den-roten-Zahlen-1653908.html
[6] mailto:jk@heise.de