IEEE-Kongress Technology Time Machine: Wir haben keine Glaskugel
200 Ingenieure und Wissenschaftler diskutieren in Dresden, wie sich die Technik in den nĂ€chsten 25 Jahren entwickeln kann. GroĂe Visionen blieben Mangelware, das Publikum zog es vor, sich mit den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren zu beschĂ€ftigen
(Bild:Â IEEE [1] )
Am Freitag geht in Dresden der IEEE-Kongress Technology Time Machine [2] zu Ende, auf dem 200 Ingenieure und Wissenschaftler diskutieren, wie sich die Technik in den nĂ€chsten 25 Jahren entwickeln kann. GroĂe Visionen blieben Mangelware, das Publikum zog es vor, sich mit den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren zu beschĂ€ftigen. Der Veranstalter beschrĂ€nkte sich in seiner Pressemappe auf naheliegende, einfache Prognosen. "Nach dem Aufstehen und einem auf Ihren individuellen Energieumsatz abgestimmten FrĂŒhstĂŒck verlassen Sie mit intelligenter Kleidung, deren Eigenschaften durch integrierte Mikrochips an die bestehenden WetterverhĂ€ltnisse angepasst sind, das Haus." Weiter ginge es mit einer Verkehrskapsel, sie werde selbststĂ€ndig das Ziel ansteuern â auch dank intelligenter Verkehrssysteme.
Der Mensch in dieser Zukunft hat Arbeit und fĂ€hrt von seinem Haus zu seinem Arbeitsplatz, wĂ€hrend Dirk Wristers vom Dresdener Chipproduzenten Global Foundries [3] vom "Light out Fab" schwĂ€rmte, von der Fabrik ohne Licht, da sie ohne Menschen auskommt. "Wir haben keine Kristallkugel. Wir können als Ingenieure sehr prĂ€zise die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre vorhersagen, aber die Gesellschaft benötigt eine Prognose fĂŒr die nĂ€chsten 20 Jahre. Das ist das Problem", meinte Kongressleiter Maurizio DĂšcina. Die IEEE habe mit dem technological navigator [4] fĂŒnf Felder ausgemacht, die die Zukunft bestimmen werden: Smart Grids [5], Life Sciences [6], Electric Vehicles [7], und Cloud Computing [8].
Das Dilemma der ultimativen Ingenieurskunst kam auch in den VortrĂ€gen zur Sprache. So berichtete JĂŒrgen HĂ€pp vom ArchitekturbĂŒro Foster + Partner [9] ausfĂŒhrlich von der Zukunftsstadt Masdar [10], in der der Wasserverbrauch gegenĂŒber Abu Dhabi um 55 Prozent, der Energieverbrauch um 50 Prozent gesenkt werden konnte. Derart beeindruckende Werte mĂŒssten jeden (arabischen) Bauherren von sich aus dazu bringen, die von Ingenieuren entwickelten Ideen einzusetzen, doch Abu Dhabi zeigt, dass unverdrossen im "westlichen Stil" weitergebaut wird.
Am Ende blieb es einem Beamten der EU-Kommission ĂŒberlassen, zumindest auf den PrĂ€sentationsfolien Visionen anzudeuten. Franco Accordino, Leiter der Forschungsgruppe "Digital Future" beim Direktorat Gesellschaft und Medien ist mit den Entwicklungen bis 2020 beschĂ€ftigt, doch um diese zu verstehen, sei die Perspektive auf 2050 unerlĂ€sslich. Dann jedenfalls werde der Transhumanismus von Menschen akzeptiert, die "bio-neuro-cogno-nano"-Konzepte in ihrem Körper verbauen und sich der Unsterblichkeit nĂ€hern, zumindest im Beta-Stadium. Der Cyborg werde dann zum natĂŒrlichen Partner des genetisch optimierten Menschen, und beide benutzen das Quantum-Internet, das ihre Körper durchdringt.
Abseits dieser Vision wurde das vielleicht eindringlichste Referat des Zukunftskongresses von Roberto Minerva gehalten, der im Zukunftslabor von Telecom Italia forscht. Er machte auf den Missstand im Internet aufmerksam, dass die Internetnutzer nicht Herr ihrer Daten sind, sondern diese Firmen wie Google und Facebook ĂŒberlassen. Eine fĂŒr Menschen lebbare Zukunft mĂŒsse durch ein First Amendment des Internet abgesichert werden, in dem der zentrale Satz "Daten gehören dem Nutzer" lauten mĂŒsse. Erst dann sei ein fairer Interessenausgleich zwischen Firmen, Datenprovidern und Energielieferanten und den Menschen in einer modernen Gesellschaft möglich.
Die nĂ€chste Ausgabe der Technology Time Machine soll 2013 im US-amerikanischen Seattle stattfinden. Eine Zusammenfassung aller Zukunftsprognosen im Stil eines "White Paper" soll in KĂŒrze unter ttm.ieee.org [11] veröffentlicht werden.
Vor 50 Jahren wagten sich ĂŒbrigens Mitglieder der IEEE-VorlĂ€uferorganisation IRE an eine Prognose [12], wie die Welt im Jahre 2012 aussieht. Sieht man von der Eroberung des Weltraums ab, die 1962 als selbstverstĂ€ndlich eintretendes Ereignis gesehen wurde, lagen die Prognosen relativ gut. In einigen Bereichen stimmen sie sogar mit den Prognosen ĂŒberein, die in Dresden zum Besten gegeben wurden: Zeitungen werden bald nicht mehr ausgetragen, sondern ĂŒber ein Kommunikationsnetz zu LesegerĂ€ten verschickt, die "flĂŒssiges Papier" enthalten. Fernsehbildschirme sind wandgroĂ und zeigen dreidimensionale Sendungen mit Raumklang-Stereophonie. Musik und Film oder Fernsehen wird laser-holografisch gespeichert. Im Workshop mit dem Titel "The Future of Media" tauchten sie wieder auf, die intelligenten WĂ€nde. (anw [13])
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[1] http://www.techbeyond2020.tu-dresden.de/IEEE12-IEEE-TM-Patronage-Bro.pdf
[2] http://ttm.ieee.org
[3] http://www.globalfoundries.com/
[4] http://technav.ieee.org/
[5] http://smartgrid.ieee.org/
[6] http://lifesciences.ieee.org/
[7] http://electricvehicle.ieee.org/
[8] http://cloudcomputing.ieee.org/
[9] http://www.fosterandpartners.com/Practice/Default.aspx
[10] https://www.heise.de/hintergrund/Vision-und-Wirklichkeit-1234596.html
[11] http://ttm.ieee.org
[12] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/historisches-jahreshoroskop-die-zukunft-ist-das-was-sie-einmal-war-11585856.html
[13] mailto:anw@heise.de
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