zurück zum Artikel

Justizministerin kritisiert "Protektionismus" im chinesischen Patentsystem

Stefan Krempl

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sieht "ermutigende Fortschritte im chinesischen Patenrecht", bemĂ€ngelt aber eine Unterlaufung des Wettbewerbs durch die staatliche Bevorzugung einheimischer Erfindungen. In Europa geht parallel die Debatte ĂŒber die Erhöhung der PatentqualitĂ€t weiter.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger geht davon aus, dass sich die Haltung zum Schutz der Rechte an immateriellen GĂŒtern in Industriestaaten und EntwicklungslĂ€ndern stĂ€rker aneinander angleichen. "Die klassische Rollenverteilung Ă€ndert sich", sagte die FDP-Politikerin auf einer Konferenz [1] von IndustrieverbĂ€nden im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin zum Tag des geistigen Eigentums [2]. So sitze Mexiko etwa bei den Verhandlungen ĂŒber das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA [3] mit am Tisch, in dem die Ministerin nach der Veröffentlichung des aktuellen Entwurfs durch die EU "viele gute AnsĂ€tze" sieht. Auch der Dialog mit SchwellenlĂ€ndern wie Brasilien, Indien oder China, die sich in UN-Gremien immer wieder gegen Initiativen zur besseren Durchsetzung etwa von Urheber- oder Patentrechten einsetzen, solle "im Rahmen der G20-Staaten fortgesetzt werden".

"Ermutigende Fortschritte" machte Leutheusser-Schnarrenberger im chinesischen Patentrecht aus, das im Kern auf dem deutschen Pendant aufbaut. "Noch vor zehn Jahren gab es sechsmal mehr deutsche als chinesische Patentanmeldungen", fĂŒhrte die Ministerin aus. Inzwischen beantragten chinesische Ingenieure 160.000 Patente pro Jahr und lĂ€gen damit ĂŒber der deutschen Vergleichszahl. Dies sei aber kein Grund zur Sorge, "solange wir es schaffen, unsere eigene Innovationskraft zu erhalten und auszubauen". Wenn im Reich der Mitte bei der Vergabe öffentlicher AuftrĂ€ge aber darauf abgestellt werden soll, dass Produkte und Dienstleistungen auf inlĂ€ndischen Innovationen beruhen, dann sei das "eine Diskriminierung auslĂ€ndischer Unternehmen". Dabei gehe es um "Protektionismus und eine BeschrĂ€nkung des freien Wettbewerbs", bemĂ€ngelte die Liberale chinesische Eigenarten der Anwendung des Patentsystems. Die EU mĂŒsse hier auf eine Änderung drĂ€ngen.

Zuvor hatte RĂŒdiger Schwarz, Patentexperte bei Porsche, moniert, dass China "etwas völlig Anderes" aus dem Patentwesen mache als westliche Staaten. Zugleich fĂŒrchtete er, dass die Chinesen die stĂ€ndige SchĂ€rfung der Möglichkeiten zur Durchsetzung der Rechte an immateriellen GĂŒtern in der EU gegen die dortige Wirtschaft verwenden könne. Ein DĂŒsseldorfer Patentanwalt ergĂ€nzte, dass Peking das System als "sehr differenziertes Messer" einsetze, um eine politische Einflussnahme zu erlauben. Neben einer "Patentflut" aus China machte Thomas Pattloch von der EU-Kommission eine sehr rege TĂ€tigkeit auch bei anderen gewerblichen Schutzrechten im Reich der Mitte aus. So gebe es dort etwa 830.000 Markenanmeldungen pro Jahr, was ĂŒber dem EU-Durchschnitt liege. Zudem wollten chinesische Unternehmen keine Tantiemen zahlen fĂŒr internationale Standards, wenn diese Patent- oder Urheberrechte einschlössen.

In Europa geht parallel die Debatte ĂŒber die Erhöhung der PatentqualitĂ€t weiter. In fĂŒhrenden PatentĂ€mtern auch auf dem alten Kontinent sei man oft geneigt zu sagen: "Was neu ist, ist erfinderisch", kritisierte Heiner Flocke, Vorsitzender des Patentvereins. So werde hĂ€ufig "die Tagesarbeit eines angestellten Ingenieurs" gewerblich geschĂŒtzt. Zudem fehle es im System an einem vorlĂ€ufigen Rechtsschutz, da von "Verletzungsgerichten" schneller ĂŒber eine einstweilige VerfĂŒgung entschieden werde, als beim Bundespatentgericht ĂŒber einen Einspruch gegen eine Patentanmeldung. Dies stelle eine "große Bedrohung vor allem fĂŒr kleine und mittlere Unternehmen dar".

Uwe Scharen, Vorsitzender Richter des fĂŒr Patente zustĂ€ndigen Zehnten Senats des Bundesgerichtshofs, gab die Parole aus, dass die Korrektur von "AuswĂŒchsen" des Systems etwa durch die Vergabe von "Trivialpatenten" schon von den PatentĂ€mtern verhindert und korrigiert werden mĂŒsse. Andernfalls bestehe ein Schutzanspruch, mit dessen Auslegung sich das Gerichtswesen auseinandersetzen mĂŒsse. Scharen fĂŒrchtete zugleich, dass Unternehmen verstĂ€rkt versuchten, "mit funktionalen, schwammigen Begriffen" in Anmeldungen einen Patentschutz zu erlangen. Das mindere die FunktionalitĂ€t des Patentwesens.

Der Leiter der Direktion Patentrecht im EuropĂ€ischen Patentamt, Ingwer Koch, rĂ€umte ein, dass es "Ausreißer" bei der Erteilung gewerblicher Schutzrechte gebe. Die MĂŒnchner Behörde habe daher mit Wirkung zum 1. April die Vergaberichtlinien verschĂ€rft und dabei strikte Vorgaben der Beschwerdekammern als Maßstab herangezogen. Die PrĂŒfer wĂŒrden nun entsprechend geschult, damit die höheren HĂŒrden und die engere Fassung von Fachbegriffen bald flĂ€chendeckend angewendet werden könnten. Als Kernproblem der Einhaltung der PatentqualitĂ€t machte Lothar Steiling als Vertreter der Bayer AG und des Ausschusses fĂŒr gewerbliche Schutzrechte im Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) das explosionsartige Wachstum bei der Anzahl von PatentantrĂ€gen aus. Noch bevor darĂŒber entschieden werde, setzen Firmen entsprechende Anmeldungen bereits als Drohmittel ein. DarĂŒber hinaus wĂŒrden Patentportfolios zwischen Firmen "nur noch ausgetauscht", was eine zweifelhafte Entwicklung "weg vom Einzelschutzrecht" darstelle. (jk [4])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-987424

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bdi.eu/Termine_Tag-des-geistigen-Eigentums-2010.htm
[2] https://www.heise.de/news/Kreativwirtschaft-fordert-besseren-Urheberrechtsschutz-im-Internet-986659.html
[3] https://www.heise.de/news/Anti-Piraterie-Abkommen-ACTA-Verhandlungstext-veroeffentlicht-982636.html
[4] mailto:jk@heise.de