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Kaspersky & Co.: Politiker fordern Neubewertung russischer Sicherheitssoftware

Stefan Krempl
Kaspersky

(Bild: dpa, Pavel Golovkin/AP)

Dem BSI lagen 2018 keine Erkenntnisse vor, die eine Manipulation von Kaspersky-Software belegen. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine rĂŒttelt daran.

Viele Firmen und individuelle Nutzer fragen sich angesichts des andauernden bewaffneten Angriffs Russlands auf die Ukraine, ob sie auf ihren Rechnern und Kundensystemen noch ruhigen Gewissens Produkte russischer Hersteller wie Antivirus fĂŒr Windows oder Mac von Kaspersky Lab einsetzen können. Politiker und Forscher werben in dieser Angelegenheit dafĂŒr, das Kind nicht mit dem Bade auszuschĂŒtten, aber Vorsicht walten zu lassen.

"Auch wenn es bislang keinen Anlass gegeben hat, vor Kaspersky-Produkten in Deutschland zu warnen, so hat der völkerrechtswidrige Krieg von Russland gegen die Ukraine nahezu alle Sicherheiten in Frage gestellt", erklĂ€rte der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, gegenĂŒber heise online. Die zahlreichen, russischen Stellen zugeschriebenen Cyberangriffe etwa auf den Bundestag [1] gĂ€ben ebenfalls "Anlass zur Sorge". Daher werde auch "der Einsatz bestimmter IT-Sicherheitsinstrumente neu bewertet werden mĂŒssen".

Ähnlich sieht dies der innenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Manuel Höferlin. Es mĂŒsse klar sein, dass Hersteller "nicht von außen, beispielsweise durch Regierungen oder Geheimdienste, kompromittiert" werden. Hier habe der auch im Cyberraum gefĂŒhrte Krieg [2] "ein großes Fragezeichen hinter Kaspersky und andere aus Russland stammende Unternehmen gesetzt". Solange keine eingehende PrĂŒfung auch des Quellcodes durch das Bundesamt fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vorliege, verstehe er persönlich jeden, der skeptisch sei.

Die Ampel-Koalition habe verabredet, der IT-Sicherheit einen höheren Stellenwert einzurĂ€umen [3], betont der FDP-Politiker. Dazu gehöre eine Pflicht fĂŒr alle staatlichen Stellen, sich regelmĂ€ĂŸig externen Sicherheitsaudits zu unterziehen. Das werde absehbar "auch Auswirkungen auf die eingesetzten Systeme und Produkte staatlicher Stellen haben".

Kaspersky seien in der Vergangenheit zwar Verbindungen zum russischen Geheimdienst nachgesagt worden, weiß der Bremer Informationsrechtler Dennis-Kenji Kipker. Konkrete Beweise fĂŒr die fehlende Sicherheit von Kaspersky-Programmen gebe es bislang aber nicht. Kipker hĂ€lt es fĂŒr verfehlt, "wahllos Sanktionen" zu verteilen oder den "Einsatz von Kaspersky-Produkten per se und unreflektiert auszuschließen". Trotzdem sollten sich User auch im Sinne der TechnologiesouverĂ€nitĂ€t mittelfristig ĂŒberlegen, auf europĂ€ische Alternativen zur Computersicherheit zurĂŒckzugreifen, rĂ€t Kipker.

Er kenne keine aktuellen Untersuchungen und EinschĂ€tzungen zu russischer Sicherheitssoftware, berichtete Matthias Schulze von der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die ĂŒblichen "Caveats", dass Lösungen fĂŒr einen Schutz vor Viren, Malware und Phishing ĂŒber verschiedene EndgerĂ€te hinweg per "Endpoint Protection" alles auf Systemen mitlesen könnten, blieben aber bestehen und gĂ€lten generell.

Die Bundesregierung vertraute beim Einsatz von auslĂ€ndischer Software in hiesigen Behörden bislang vor allem auf eine 2015 eingefĂŒhrte "No-Spy-Klausel [4]". GemĂ€ĂŸ dieser Antispionage-Bestimmung versichern auslĂ€ndische Unternehmen, dass sie rechtlich nicht dazu verpflichtet sind, vertrauliche Informationen an auslĂ€ndische Nachrichtendienste weiterzugeben. Das Bundesinnenministerium (BMI) rĂ€umte 2018 aber ein: Ein Beweis, "dass deutsche Personendaten oder Daten deutscher Sicherheitsbehörden mittels auslĂ€ndischer Software nicht ins Ausland gelangen, kann nicht erbracht werden".

Bis zum gleichen Jahr hatte das BSI auch erst in einem Fall den Auftrag erhalten, entsprechende Programme mit Blick auf IT-Security und mögliche Funktionen zum Nach-Hause-Telefonieren oder weitergehende Datenausleitungen zu ĂŒberprĂŒfen. Dabei handelte es sich um Windows 10 von Microsoft, wobei erst spĂ€t einzelne Analysen des Quellcodes des Betriebssystems erfolgten [5]. Zu Kaspersky hatte das BMI 2018 erklĂ€rt: "Dem BSI liegen nach wie vor keine Erkenntnisse vor, die eine Manipulation von Kaspersky-Software belegen."

Aktuell antworteten BMI und BSI nicht auf einen Fragenkatalog von heise online, ob Nutzer hierzulande Programme russischer Hersteller ohne große Bedenken verwenden könnten. Beide Institutionen wollten sich auch nicht dazu Ă€ußern, ob es in diesem Bereich neue Untersuchungen gegeben habe, ob sie eine No-Spy-Klausel als ausreichend betrachten und Sanktionen gegen russische IT-Firmen geplant seien. FĂŒr geheim erklĂ€rt hatte die Regierung schon vorher, welche konkrete auslĂ€ndische Software hiesige Sicherheitsbehörden nutzen.

"Sich auf eine No-Spy-Klausel im Bereich der Hard- und Softwarebeschaffung von auslÀndischen Anbietern zu verlassen, soweit diese in sicherheitssensiblen Bereichen eingesetzt wird, ist mehr als blauÀugig", kommentiert Kipker. Eine solche Linie lege "erhebliche MissstÀnde" mit Blick auf TechnologiesouverÀnitÀt sowie das Vertrauen von Regierung und Behörden in unsichere Drittstaaten offen.

AuslĂ€ndische Unternehmen könnten sich kaum der Gesetzgebung in ihrer Heimat entziehen, gibt Kipker zu bedenken. Zu einer ÜberprĂŒfung gehöre daher notwendigerweise die Einsichtnahme in den Quellcode. Dies mĂŒsse bei Kaspersky & Co. umso mehr gelten, da "gerade Russland in der Vergangenheit immer wieder durch staatlich gelenkte Maßnahmen auffiel, die insbesondere auch die IT-Systeme des Bundes kompromittierten".

Fakt ist, dass FirmengrĂŒnder und -leiter Eugene Kaspersky 1987 in Moskau seinen Abschluss an der KGB-Hochschule, der spĂ€teren FSB-Akademie, machte. Danach arbeitete er zunĂ€chst in einem militĂ€rischen Forschungsinstitut im Spionagebereich. Kooperationen mit dem FSB sowie Behörden aus den USA und der EU in Sicherheitsfragen bestĂ€tigte er in einem Interview 2013 [6]. Ein Jahr zuvor hatte der Computerviren-Experte aber Behauptungen dementiert, dass er enge Verbindungen zum Kreml unterhalte [7].

Seit Anfang 2018 ermöglicht es Kaspersky Lab im Rahmen einer "globalen Transparenzinitiative" [8] auch Sicherheitsexperten von Behörden und autorisierten Organisationen in den USA, Europa und Asien, die Quelltexte der eigenen Software sowie von Updates zu prĂŒfen. Im selben Jahr kĂŒndigte der Hersteller an, Daten aus den meisten Regionen der Welt in der Schweiz speichern und verarbeiten zu wollen.

"Als Technologie- und Cybersicherheitsdienstleister ist das Unternehmen nicht in der Lage, geopolitische Entwicklungen außerhalb seines Fachgebiets zu kommentieren oder darĂŒber zu spekulieren", sagte ein Firmensprecher [9] gegenĂŒber dem US-Magazin "Motherboard" im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine. Das globale Management-Team beobachte die Situation genau und sei bereit, "bei Bedarf sehr schnell zu handeln".

Außen vor ist Kaspersky in diesem Krieg keinesfalls. So betreibt der Konzern [10] etwa einen Schutz vor Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) fĂŒr die Domain mil.ru [11] des russischen Verteidigungsministeriums mit Verkehrsumleitung ĂŒber einen Proxy-Server. Die Webseite selbst ist so fĂŒr auslĂ€ndische Nutzer seit ĂŒber einer Woche nicht erreichbar, ihre tatsĂ€chliche Adresse wird bei einem solchen Ansatz vor den Internetnutzern verborgen. Aufmerksame Beobachter stellten dabei fest [12], dass die Domain anfangs nach außen hin den ungewöhnlichen Fehlercode 418 erzeugte.

Offenbar will das russische MilitĂ€r sich aktuell online nicht in die Karten blicken lassen. Zu erwarten gewesen wĂ€re so der HTTP-Statuscode 403 fĂŒr "verboten" oder 410 fĂŒr "verschwunden". Der 418-Verweis stammt eigentlich aus einem Aprilscherz der Internet Engineering Task Force (IETF) von 1998 [13]. Dabei ging es um den Anschluss von Kaffeekannen ans Internet. Tee-Liebhaber sollten dabei die Fehlermeldung erhalten: "418 Ich bin eine Teekanne". Offenbar legte Kaspersky so dem Verteidigungsressort ein bei Programmierern beliebtes "Osterei" ins Nest.

Update 4. MĂ€rz 2022: Korrektur im vorletzten Absatz. Kaspersky betreibt einen Proxyschutz fĂŒr mil.ru, nicht die Domain selbst. (vbr [14])


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https://www.heise.de/-6536765

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/EU-sanktioniert-Russen-fuer-Hackerangriff-auf-Bundestag-4937005.html
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Cyberwar-droht-wirklich-die-IT-Apokalypse-6527853.html
[3] https://www.heise.de/news/Koalitionsvertrag-Ampel-will-Vorratsdatenspeicherung-rechtssicher-gestalten-6276033.html
[4] https://www.heise.de/news/No-Spy-Regel-fuer-Softwarebeschaffung-der-oeffentlichen-Hand-in-Kraft-2752381.html
[5] https://www.heise.de/news/Bundesprojekt-Sisyphus-1-37-Millionen-Euro-fuer-Sicherheitsanalyse-von-Windows-10-4320684.html
[6] https://lenta.ru/articles/2013/10/01/kaspersky/
[7] https://eugene.kaspersky.com/2012/07/25/what-wired-is-not-telling-you-a-response-to-noah-shachtmans-article-in-wired-magazine
[8] https://www.kaspersky.de/blog/even-more-transparency/15131
[9] https://www.vice.com/en/article/dyp5qj/eugene-kaspersky-neutral-ukraine-war-russia
[10] https://apps.db.ripe.net/db-web-ui/query?searchtext=82.202.190.0%2F24&rflag=true&source=RIPE&bflag=false
[11] https://mil.ru
[12] https://nettime.org/Lists-Archives/nettime-l-2202/msg00048.html
[13] https://datatracker.ietf.org/doc/html/rfc2324
[14] mailto:vbr@heise.de