Kreativwirtschaft fordert besseren Urheberrechtsschutz im Internet
Sechs Vertreter von VerbÀnden der Unterhaltungs- und Kulturindustrie sowie der Gewerkschaft ver.di riefen am "Welttag des geistigen Eigentums" nach dem Gesetzgeber, um einen besseren Schutz kreativer Werke im Internet zu erreichen.
Sechs Vertreter von VerbĂ€nden der Unterhaltungs- und Kulturindustrie sowie der Gewerkschaft ver.di haben am "Welttag des geistigen Eigentums [1]" erstmals gemeinsam nach dem Gesetzgeber gerufen, um einen besseren Urheberrechtsschutz im Internet zu erreichen. JĂŒrgen Doetz vom Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) plĂ€dierte auf einer Pressekonferenz in Berlin fĂŒr ein System der "abgestuften Erwiderung" auf Urheberrechtsverletzungen.
"Wir wollen ein Warnmodell etablieren", betonte auch Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Anders als in Frankreich [2] und GroĂbritannien [3], wo nach dem "Three-Strikes"-Ansatz Internetzugangssperren rechtlich bereits möglich sind, sollten Nutzer bei rechtswidrigen Filesharing-AktivitĂ€ten zunĂ€chst zweimal gewarnt werden. Dann solle die bis jetzt ĂŒbliche zivil- und strafrechtliche Verfolgung einsetzen. FĂŒr dieses "Two-Strikes"-Modell [4] seien neben der Kooperationsbereitschaft der Provider auch ein gesetzlicher Rahmen nötig. Bestandsdaten ertappter Nutzer sollten quasi "in Echtzeit" vom Zugangsanbieter abgefragt werden. VerdachtsunabhĂ€ngige Vorratsdaten oder Techniken zur Durchleuchtung des Netzverkehrs mĂŒssten dafĂŒr nicht genutzt werden.
Christiane von Wahlert von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) rief ebenfalls nach neuen "Spielregeln" fĂŒr die Rechteinhaber. Das Kino sei mit dem gegenwĂ€rtigen 3D-Boom zwar wieder attraktiv geworden. Fast alle groĂen Filme seien aber vor, wĂ€hrend oder nach den Kinostarts illegal im Netz zu erhalten. Der Bushido-Film "Zeiten Ă€ndern dich" des Studios Constantin sei beispielsweise auĂerordentlich gut gestartet, dann sei der Kinobesuch aber jĂ€h abgebrochen. Parallel habe der Streifen die "Bestseller"-Listen bei rechtswidrigen P2P-Netzen oder Streaming-Seiten angefĂŒhrt.
FĂŒr den Bundesverband Musikindustrie forderte Dieter Gorny eine neue WertschĂ€tzung der Inhalte und ihrer Produzenten. Der Kern der KreativitĂ€t stecke auch im Internet in der Leistung Einzelner, "nicht in der Durchschnittsmeinung" mysteriöser Schwarmintelligenzen. Andernfalls ginge die kulturelle Vielfalt und damit etwa auch das "Profil von BallungsrĂ€umen" verloren. Ăhnlich Ă€uĂerte sich Peter Henning vom Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD).
Zuvor hatte Philippe Hardouin von der Pariser Firma TERA Consultants eine Studie [5] vorgestellt, die die Internationale Handelskammer in Auftrag gegeben hatte. Demnach erwirtschaften die "kreativen Industrien" in der EU derzeit 862 Milliarden Euro pro Jahr und beschĂ€ftigen 14,6 Millionen Mitarbeiter. Im Bereich Musik, Film und TV-Serien gingen durch "Piraterie" im Internet und analogen Medien rund 10 Milliarden Euro und ĂŒber 195.000 ArbeitsplĂ€tze verloren. Wenn sich politisch und am Verhalten der Internetnutzer nichts Ă€ndere, könne dies 2015 im schlimmsten Szenario selbst bei einer "sehr konservativen SchĂ€tzung" zu Mindereinnahmen von 56 Milliarden Euro und 1,2 Millionen weniger Jobs fĂŒhren.
Hardouin erlĂ€uterte, dass die Hochrechnung auf Ergebnissen von lĂ€nder- und branchenspezifischen Umfragen beruhe. Es seien vor allem Daten herangezogen worden, die fĂŒr die "digitale Piraterie" relevant seien. Dazu kamen Branchenprognosen zur Verbreitung von BreitbandanschlĂŒssen und zum Wachstum des Netzverkehrs von Cisco Systems. Der US-Rechnungshof hatte jĂŒngst konstatiert [6], dass wirtschaftliche SchĂ€tzungen des Schadens, der von Verletzungen der Rechte an immateriellen GĂŒtern ausgeht, viele SchwĂ€chen hĂ€tten.
Im Namen von ver.di merkte Heinrich Bleicher-Nagelsmann an, dass auch die TERA-Studie "methodisch zu hinterfragen sei". Sie könne aber als "deutliches Warnsignal" gesehen werden. Er forderte von der neuen Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags eine Untersuchung der Auswirkungen rechtswidriger Nutzungen geschĂŒtzter Werke. ver.di sei "die gröĂte Vertretung der ErwerbstĂ€tigen in der kulturellen Wirtschaft". Die Gewerkschaft sei bemĂŒht, die Bedeutung des Urheberrechts auch im digitalen Zeitalter herauszustellen. Es gebe aber "keine gemeinsame Position und kein BĂŒndnis" mit den VerbĂ€nden. Ein "Three-Strikes"-Modell komme fĂŒr ver.di nicht in Frage. Die Gewerkschaft trete dafĂŒr ein, "dass Kommunikations- und Meinungsfreiheit erhalten bleiben". Auch mĂŒsse der Datenschutz im Netz gewĂ€hrleistet bleiben. (anw [7])
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[1] http://www.wipo.int/ip-outreach/en/ipday/
[2] https://www.heise.de/news/Franzoesisches-Gesetz-fuer-Internetsperren-tritt-in-Kraft-894248.html
[3] https://www.heise.de/news/Britisches-Unterhaus-verabschiedet-Gesetz-zu-Internetsperren-972970.html
[4] https://www.heise.de/news/IT-Gipfel-Nicht-drei-sondern-nur-zwei-Strikes-880366.html
[5] http://www.iccwbo.org/bascap/index.html?id=35393
[6] https://www.heise.de/news/US-Rechnungshof-Schaden-durch-Piraterie-laesst-sich-schwer-bemessen-979720.html
[7] mailto:anw@heise.de
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