Medien machen einsam und aggressiv, Zukunftsforscher verordnet "digitale DiÀt"
(Bild: Natashilo/Shutterstock.com)
Der Umgangston in der Gesellschaft wird rauer. Zukunftsforscher Horst Opachowski sieht Vereinsamung und Medienkonsum als Ursachen.
Trotz der Vernetzung durch die neuen Medien werden die Menschen in Deutschland nach Ansicht des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski einsamer und aggressiver. "Der moderne Mensch droht in der Masse zu vereinsamen. Massenvereinsamung ist das gröĂte Zukunftsparadox, weil es an echten Bezugspersonen und tieferen Beziehungen fehlt", schreibt Opaschowski in seinem Buch "Wissen, was wird". Von der Kontaktarmut seien besonders Ă€ltere Menschen betroffen. Die Politik mĂŒsse reagieren. GroĂbritanniens Regierung habe das Thema bereits als Aufgabe einem Ministerium zugeordnet.
Die junge Generation wolle sich nicht mehr binden, weder in Beziehungen noch durch ein soziales Engagement. In Umfragen gĂ€ben Jugendliche an, sie hĂ€tten keine Zeit. Als Ursache dafĂŒr sieht Opaschowski die neuen Medien. Diese seien auch schuld an einer "SinnesĂŒberreizung". Die Entwicklung von Kindern werde dadurch nachhaltig beeintrĂ€chtigt. AggressivitĂ€t und Gewalt könnten zur NormalitĂ€t werden.
Nervös, gehetzt, aggressiv, radikal
In einer reprĂ€sentativen Umfrage des Opaschowski Instituts fĂŒr Zukunftsforschung stimmten 79 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Im kĂŒnftigen Digitalzeitalter wĂ€chst eine nervöse und gehetzte Generation heran, die keinen langen Atem fĂŒr geduldiges Zuhören mehr hat." Opaschowski resĂŒmiert: "Die Angst ist groĂ, dass eine dauerhaft nervöse und unruhige Generation heranwĂ€chst. Lust schlĂ€gt in Wut um und aus NervositĂ€t wird AggressivitĂ€t."
Eine neue Studie von Marketing- und Medienforschern der UniversitĂ€ten Hamburg und MĂŒnster [1] stĂŒtzt diese Analyse. "Vermehrter Nachrichtenkonsum ĂŒber soziale Medien [2] geht mit AggressivitĂ€t und radikalen Meinungen einher; beide Tendenzen leben die Deutschen auf Social-Media-Plattformen verstĂ€rkt aus", schreibt die Forschergruppe um Alegra Kaczinski, Thorsten Hennig-Thurau und Henrik Sattler auf Grundlage einer reprĂ€sentativen Befragung von mehr als 2000 Internetnutzern.
Der Ăberreizung durch Medien mĂŒsse Einhalt geboten werden, fordert Opaschowski. "Wenn Sie das alles zusammennehmen, wachsende AggressivitĂ€t, wachsende Vereinsamung und wachsende BindungsunfĂ€higkeit, dann kann man folgern, was eigentlich die politische Aufgabe Nummer eins der Zukunft ist: fĂŒr den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht." Opaschowski plĂ€dierte daher zusĂ€tzlich fĂŒr eine freiwillige "digitale DiĂ€t".
Empfohlener redaktioneller Inhalt
Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externer Inhalt geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen ĂŒbermittelt werden. Mehr dazu in unserer DatenschutzerklĂ€rung [3].
GewaltkriminalitĂ€t zurĂŒckgegangen
Werden die Menschen in Deutschland tatsĂ€chlich aggressiver und gewalttĂ€tiger? Dieser Ansicht widerspricht der Kriminologe Christian Pfeiffer energisch. "Die Menschen sind heute weniger aggressiv", sagt der Professor aus Hannover. Gerade schwere Gewalttaten wie Raub, Vergewaltigung und Tötungsdelikte seien in den vergangenen zehn Jahren stark zurĂŒckgegangen, wie die polizeiliche Kriminalstatistik zeige. Ursache dieser positiven Entwicklung sei eine verĂ€nderte Erziehung. "Wir hatten noch nie so liebevolle Eltern", sagt Pfeiffer.
Die Wahrnehmung sei allerdings eine ganz andere. Dazu trĂŒgen in der Tat die Medien und das Internet bei. Die AnonymitĂ€t im Internet biete die Möglichkeit, bedrohliche Mails zu versenden und Cybermobbing zu betreiben. Aber Mobbing, Beleidigungen und Bedrohungen habe es auch frĂŒher schon gegeben. Pfeiffer rĂ€umt aber ein, dass es nach der Zuwanderung von mehr als einer Million Menschen nach 2015 einen Anstieg der GewaltkriminalitĂ€t gegeben habe: "Es gab einen Peak, weil viele junge MĂ€nner aus Machokulturen kamen." Inzwischen habe sich die Tendenz aber wieder umgekehrt.
Auch Opaschowski geht in seinem Buch auf die Spannungen im Zusammenhang mit der Zuwanderung ein. "Die Abwehrhaltung eines groĂen Teils der Bevölkerung in Deutschland nimmt bisher jedenfalls mehr zu als ab", konstatiert er. Fremdenfeindlichkeit sei nicht nur ein politisches, sondern vor allem ein emotional besetztes Thema. Besonders die Ostdeutschen sĂ€hen dem wachsenden AuslĂ€nderanteil mit groĂer Sorge entgegen und fĂŒrchteten sich vor Ăberfremdung. "Dies sind Probleme von Mehrheiten, die sich nicht einfach mit dem Hinweis auf Minderheiten abtun lassen", bemerkt der Zukunftsforscher. Von Gewerkschaften und Parteien organisierte Gegendemonstrationen könnten die Konflikte nicht lösen. Erforderlich seien deutliche Verbesserungen der Lebenslage. (olb [4])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4509060
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.marketingcenter.de/sites/mcm/files/downloads/research/lmm/literature/kaczinski_hennig-thurau_sattler_social_media_and_society_report_2019.pdf
[2] https://www.heise.de/thema/Social-Media
[3] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[4] mailto:olb@heise.de
Copyright © 2019 Heise Medien